Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Nr. 8 - Dezember
- Date
- 1898-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 80 — mittelalterliche Unduldsamkeit auf der anderen Seite die Gründung des Ordens der B'ne Briss. in Deutschland zur - Notwendigkeit gemacht haben im letzten Viertel unseres Jahrhunderts, so lassen Sie uns aber auch nicht vergessen, dass "die Gründung dieses Ordens mit seinem selbstbewussten Programm im ersten Viertel dieses selben Jahrhunderts noch zur Unmöglichkeit gehört hätte. I War auch schon am Himmel die Morgenröte einer helleren Zukunft für die Juden aufgegangen, Dank der beginnenden Aufklärung der Zeit und Dank ihren erwachenden . <=> . Hmiianitätsbestrebungen. so konnten unsere Glaubensgenossen ifoÜt die Erstarrung, in welche sie der Druck von Jahrhunderten versetzt hatte, noch nicht abstreifen. Geblendet von der Helle des in ihre Einsamkeit und Einseitigkeit alten Formen- und Formelwesens fallenden Lichtstrahls, wandten >ie sich misstrauisch ab von den Segnungen der (Kultur, deren sie theilhaftig gemacht werden sollten, ,,die Danaer fürchtend, auch wenn sie Geschenke brachten". I^ie idealsten Güter der Mensclfheit, die ihr freies Menscheuthum stets missachtet hatte, mussten1 ihnen gleichgültig sein: die deutsche Sprache war ihnen etwas Ueberfli'issiges, deutscher Geist erschien ihnen als ein Abfall vom Heiligsten. Ihr Idiom trug noch den Charakter der Brandmarkung, und ihre Kleidung den des inferioren Menschenwerthes: was ihnen der Mensch in " seinem Wahn nicht hat. rauben können, das Einzige, was ihnen geblieben war, das war ihr ideales Familienleben und ihre Religion. — . Aber dieses hohe Kleinod, m. Br., ist auch uns nicht verloren gegangen, und doch sind wir Kinder unserer Zeit mit ihren grossen Gedanken, sind wir befähigt, an dem Knlturwerk der Menschheit mitzuarbeiten; die Anhänglichkeit an das Judenthum und -seine Religion ist uns geblieben, auch wenn ihre erwählten Priester Männer, deutscher Bildung. ' in der 8« himheit' deutscher Sprache unter Blumen gewisserniaassen uns die Früchte religiöser Erkenutniss und Erbauung darreichen. Mit dem Bürgerrecht ist uuser Horizont erst geweitet .worden: aus der geistigen und räumlichen Enge des Ghettos befreit, aus der Beschränktheit sophistischer Dialektik sind wir durch deutsche Bildung und deutsches Wissen gehoben worden; auf die Höhen der Menschheit, und die ganze Welt" mit ihrer Schönheit, mit allem, was gut und gross und edel in ihr ist, nmfasst unser befreiter Geist, umfängt unsere trunkene Seele. Zwei Seelen hat das gütige (iesi hiyk in unsere Brust gelegt, und des doppelten Genusses sind wir fähig; wurzelt die eine mit allen ihren Fasern in den geheiligten Traditionen unserer mit Blut und Eisen geschlit-beuen Schmerzensgeschichte, in all den Schönheiten der Religion, die der Urquell aller Sittlichkeit für die Menschheit'geworden ist, so geht die andere auf in der herrlichen Sprache unseres-Vaterlandes, die uns die Schätze tausendjähriger Kulturarbeit eröffnet,«die uns -Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft aller Völker, aller Menschen in tausend Bildern wiederspiegelt. Durcli das ganze All schweift geschäftig unser Geist: in gleicher Bewunderung umfasst er die Ceder des Libanon mit den nach Heiligung ringenden, vom echten Gottesglauben durchdrungenen Gesängen des königlichen Sängers mit der Lyra, wie die deutsche Eiche mit allen ihren Sagen von Menschen weh und Menschenlust; schönheitstrunken hat uns die formenfrohe Götterwelt der Griechen, der Helden Homers gemacht; mit seinen Helden haben wir gejubelt, mit seinen Besiegten geweint und unveräusserliche Ideale in unsere Brust gegraben; und doch beugt sich in ehrfurchtsvoller Bewunderung unser Geist vor dem sittlichen Ernst und der hehren Erhabenheit der Prophetengesänge Juda's Das Buch der Bücher mit der ganzen Ursprünglichkeit seines heiligen Empfindens ist uns heilig und ein unversiegbarer Born aller Ethik, und doch sind wir gebildet worden an Goethe und Schiller, hat ihr harmonisch abgeklärter und ästhetischer Geist uns. von den mittelalterlichen Schlacken knechtischen Sinnes befreit, uns den Adelsstempel der Menschheit auf die Stirn gedrückt — Salomonis Hohelied ist uns Musik in unseren Ohren; aber auch die Tondichtungen des Nibelungen lassen uns vor Entzücken im Innersten erschauern So hat uns erst unsere Zeit befähigt, an .dem Culturwerk der Menschheit mitzuarbeiten und es zu gemessen, indem sie uns zu Bürgern eines mächtigen Staates machte, der im Zenith politischer Machteutwickelung steht, gefürchtet .durch seine Tapferkeit, geachtet durch die. germanische Tüchtigkeit seines Wissens und Könnens auf allen Gebieten. Durch Ehre eigenen Kräfte hat der Mensch die Naturgewalten gezähmt, ihre Widerstände überwunden und sie sich in einer Weise dienstbar gemacht, dass ihm vor der Grösse menschlichen Konnens bangt; und wir befinden uns im Genuss aller der Wunderwerke der Technik, die den Menschen beinahe zu den Göttern erhebt. —,{ ■ r * , Auf dieser hohen Warte stehend, lassen Sie uns nicht vergessen, m. Br., dass wir dies alles dem Vaterlande verdanken, das uns geboren und erzogen, das uns das Leben lebenswerth gestaltet, ihm Inhalt und Adel verliehen hat. .Mein Krbtheil, \rio herrlich weit und breit, Die Zeit iät mein Besitz; mein'Acker ist die Zeit!" Die Zeit ist es, die uns mit lauter Stimme zuruft: - " „An's Vaterland, un s theure. schHess' Dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen!* — Selbst wenn die Gegenwart^ uns wieder einmal den Kelch der Bitteruiss und alten Leidens vorgesetzt hat, seien wir nicht zu empfindsam, die wir im Beginn des Jahrhunderts noch keine Empfindlichkeit kaunten. Wer unbefangen die Umdrehungen des Rades der Geschichte beobachtet, der weiss, dass rückläufige Bewegungen ein stets beobachtetes Vorkommniss im Verlauf des Lebens der Völker sind. Lassen wir uns nicht beirren, halten wir um so fester an der Treue und Liebe zum Vaterlande .fest, die uns das Programm unseres Ordens vorschreibt: halten wir alle die zersetzenden Elemente von uns fern, die im ('ynismus ihrer Empfindungen an jede Autorität und jede Tradition den Massstab sich selbst überschätzender Kritik legen, denen nichts heilig ist als der Augenblick, der ihnen Befriedigung ihrer Selbst- und Genusssucht bringt. Dann wird man auch'uns nicht rauben dürfen die Anerkennung, dass wir gute und nützliche Söhne unseres Vaterlandes sind. Halten wir uns aber auch frei, meine Brüder, von dem düsteren Pessimismus verzagter Seelen und ihrer Fahnenflucht vom Judenthum überhaupt oder mit diesem vom deutschen Vaterlande nach utopistischen Regionen. Jene weltschmerzliche Hypochondrie der Jugend mit ihren chimärischen Bestrebungen, die nach neuen Ufern ein neuer Kahn hinlockt, sie steht nicht an einem Duldervolke, dos eine Auslese erfahren hat, so hart und furchtbar, wie kein anderes mehr auf der Welt, sie steht nicht an einem Volke, das nun in rührender um wandelbarer Treue zu seinem Gotte Jahrtausende