Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Nr. 7 - November
- Date
- 1898-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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alle Kräfte angespannt and der gute Wille jedes Einzelnen mobil gemacht wird, ist es möglichJenedominirendePositiou zu erlangen, die nns als einem Mittelpunkt jüdischen Lebens vorschwebt. -Allen edeldenkenden Israeliten, die uns in Unkenntniss unserer Prinzipien noch fremd gegenüberstehen, öffnen wir gern die Pforten unseres Bundes. Jeder Zuwachs an edlen Genossen ist nns erwünscht Wenn wir für gewöhnlich auch mit geschlossenem Visir einher zu gehen pflegen, an eiuem Jubeltage, wie dem heutigen, wollen wir es gerne öffnen und auch denjenigen, die uns noch nicht kennen, unser wahres Antlitz zeigen. In einer Zeit, da die Aufgabe und die Mission Israels zu zerflattern droht, streben wir danach, so viel wir vermögen, von seinem Geiste aufzufangen und unter uns festzuhalten. Nichts wäre irriger als die Zwecke unserer Vereinigung allzusehr in gesellschaftlichen oder Wohltbätigkeits- •Interessen zu erschöpfen. Das hiesse unsere Ideale auf Seitenwege lenken Unser Ziel führt geradeaus auf dem Wege der Treue zum Judenthum als'dem höchsten Inhalt unserer Bestrebungen. Unser Orden zehrt und lebt von dieser Treue. Sie ist unsere erste Forderung und zugleich unsere reichste Gabe. Seitdem das Judenthum zu einem speculativen Problem verzerrt und seine Heiligkeit und Weihe in den Kämpfen der Alltäglichkeit profanisirt erscheint, hat auch der einzelne Jude an Trene und Festigkeit eingebüsst. Unser Orden will sie ihm wiedergeben. Nicht, indem er Dogmen und Ceremonialgesetze heischt. Das religiöse Gewissen des Einzelnen entzieht sich durchaus unserem Eingriff. Jedoch das alte Jadenthum war nicht nur eine Glaubenslehre, eine Stammeszugehörigkeit, eine Weltanschauung, eine Sittenlehre und eine Philosophie, es war alles das zusammen, es war ein Lebensprinzip, und das ist es bis heute geblieben. Dieses Lebensprincip, als der ethische Extract des Judenthums, ist die Devise unseres Ordens. Auch ausserhalb unseres Kreises findet, der Jude Gelegenheit Gutes zu thun und Edles zu stiften. Aber das Gute ist dort in Specialitäten zersplittert. Wir bieten ein unermesslich reiches, zusammenhängendes und dennoch vielseitig gegliedertes Feld edler Bethätigung und wir bieten mehr als das. Wenn der Jude unsicher geworden in seiner Stellung zur Gesellschaft, an sich oder gar .an seinem Judenthum zu zweifeln anfängt, wenn sich ihm unter dem Drucke des ewig umwölkten Fatums des jüdischen Geschickes, ein Gefühl der Bitterkeit undWehmuth oder ein Gefühl der Heimathlosigkeit ins Herz schleicht, dann weiss er, wo er die Heimath wiederfindet: bei uns, in unserem Kreise, im „Unabhängigen Orden Bnei Briss". Aus dem Gedächtnissbuche der Grossloge. Seit Erstattung unseres letzten Berichtes haben wir den Tod folgender Brüder zu beklagen. — Es starben: Aus den Logen des VIII. Distrikts. Deutsche Reicbs-Loge. Die regelmässigen Sitzungen wurden am 3. September aufgenommen. Nach Begrüssung der BBr. und Aufforderung zu reger Theilnahme und häufigem Besuch brachte der Präs. Br. Lichtenstein in Anlehnung an das Rundschreiben der Grossloge den Arbeitsplan für den Winter zur Sprache. Nach zwei Richtungen soll vorerst vorgegangen werden. Einmal wird es nöthig sein, für eine bessere Berichterstattung an die Monatsberichte zu sorgen. Bisher sind solche fast gänzlich ausgefallen, und es könnte den Anschein erwecken, als ob bei uns nicht ordentlich gearbeitet werde, als ob es bei uns nichts zu berichten gäbei, und doch sind wir weder besser noch schlechter als die Schwesterlogen, von deren Thatigkeit man häufiger liest. Auch liegt es nicht in den Wünschen der Loge, dass ihre Thatigkeit mit Stillschweigen übergangen werde. Man kam überein, die Berichterstattung einem Br. zu übertragen, und steht zu hoffen, dass nunmehr regelmässige Berichte erscheinen werden. Zweitens sollen zum öfteren kurze Vorträge in der Loge gehalten werden. Diese müssten aber in systematischer Weise geordnet werden, damit an bestimmten Abenden (zunächst alle 14 Tage) ein passender Vortrag gehalten und eine richtige Auswahl getroffen werden kann. Der Präs. übernahm diese Aufgabe in Gemeinschaft mit einigen BBr., die sich hierfür gemeldet hatten. — Anlässlich einer Bewilligung für die Opfer der Verfolgung in Galizien gab Br. Maretzki eine Schilderung des Kulturzustandes der galizischen Juden. Nach amtlichen statistischen Angaben wohnen dort ungefähr 3/t Mül. Juden, fast Vg der Bevölkerung, in 252 selbständigen Gemeinden. Lemberg und Krakau haben über 20 000 jüd. Einw., 5 Städte 10-20 000, 6 Städte-5—10 000, 19 Städte 3—5000, 9 Städte über 2000. Abgesehen von einer nicht grossen Anzahl von Glaubensgenossen, die in den grossen Centren wohnen, stehen fast alle anderen und sehr viele selbst in den grössten Städten auf einem niedrigen Kulturzustand. Im Allgemeinen kann man sagen, die Juden haben den Kulturdurchschnitt, der durch die Gesammtbildung des Landes vertreten wird. Zu allermeist hegen sie dem Handel in seinen vielfachen'Objekten und Arten ob. Ebenso sicher ist, dass sie in den denkbar schlechtesten sozialen Verhältnissen leben, das Erwerbsleben äusserst schwierig und ungünstig ist. Diese Umstände haben bei Ihnen eine Indolenz gegen geistige Arbeit zu Wege gebracht. Dazu kommt noch, dass die^ politisch-rechtüche Gemeinde-Verfassung der Juden in Galizien, seit einem Jahrhundert bestehend, hemmend auf die kulturelle Entwicklung gewirkt hat und noch fortwirkt. Das Rabbinat an der Spitze des Landes und der Gemeinden hatte die Aufsicht über die Erziehung der Kinder, Anstellung und Kontrolle der Lehrer und Schulen: nur die von ihm eingesetzten Lehrer sind befugt Unterricht zu ertheilen, die Kinder sind gezwungen die jüd. Schule zu besuchen. Wenn diese Befugnisse auch im Laufe der Zeit mehrfach eingeengt wurden, so bleiben immer noch der Wirksamkeit der Rabbiner der Ritus und der Unterricht vorbehalten. Bei der tiefgewurzelten Abneigung der rabbinischen Gemeindeleiter gegen alles Deutsche, das den Fortschritt bedeutet, ist es unschwer sich auszumalen, in welchem Zustande die Schulen und das Geistesleben der dortigen Juden sich befinden. In Folge dessen besteht eine grosse Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten bis zur 35. Am 29. September 1898 Bruder Jacob Landsberger, Mitbegründer der Fraternitas-Loge in Dresden — :3 5. 85 — geboren der 26. April 1834 zu Katscher. 36. Am 30. Oktober 1898 Bruder Siegfried Glogauer in Berlin, Mitglied der Ziqn-Loge zu Hannover seit dem 3 Mai 1886, geb. am 16, Juli 1850 in Lissa.