Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Nr. 7 - November
- Date
- 1898-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4864325-6028946-6029350--0244-4864434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
alte egyptische Mumien auszugraben oder sonst welc te noch so verrostete historische Alterthümer aufzufrischen. Wie 'eicht wiegt hingegen das laue Interesse,, das die Jüdische Welt der eigenen Wissenschaft (entgegenbringt. Wenn es sich darum handelt, dem Quell jüdischer Geschichte nachzugehen, die den Urbeginn aller Kulturerkenntniss in sich birgt, stossen wir vielfach auf eine reser?irle Skepsis, auf ein nonchalantes, überlegenes Lächeln. Die Pflege jüdischen "Wissens, wie sie unser Orden fordert, bildete eijist den köstlichsten Schmuck der alten Bekenner unseres Glaubens und ist bis auf den heutigen Tag die Quelle und das Geheimniss der uns nachgerühmten jüdischen Intelligenz. Ein Trieb der Selbsterhaltung gebietet uns, Front zu machen gegen jene jüdischen Kreise nnd Elemente, die ihre Vergangenheit verleugnend, im Gigerlgewande des modernen Renegaten und Phrasenzeitgeistes alles andere eher zur Schau tragen wollen, als das Erbe der eigenen Geschichte. Diesem sichtbaren oder weniger sichtbaren, äusserlichen und innerlichen Abfall vom Judenthum wirkt unser Orden entgegen, indem er uns zur Erkenntniss des eigenen Werthes erzieht und uns lehrt den Kopf höher zu tragen im gehobenen und geläuterten Selbstbewußtsein altjüdischen Geistes. Freilich, jene religiöse Geschlossenheit, aus eiuem Guss unantastbarer Tradition, die ehemals den Halt und Inhalt des alten Jadenthums gebildet, ist heute mehr oder weniger ins Wanken gerathen. Die Zeit trägt ein neues Antlitz. Unsere Weltanschauung hat sich differenzirt und somit alles, was sie mu'asst, unsere religiöse und unsere soziale Ueberzeugang. Die Religion hat früher alle die Geschäfte besorgt, in denen sich heute Staat, Gesellschaft, Klasse, Gruppe und Einzelindividinm theilen. Wir haben die Religion in ihre Elemente zergliedert. Der Staat macht die Gesetze, die Bürger controlliren sie nnd selbst alle Moral und Sitte, die der Religion ureigenstes Gebiet gewesen, versucht man als selbstständige Ethik auf eigene Fasse zu stellen. Religiöse Spaltung im Schosse auch der einzelnen Confessionen. sociale Spaltung in allen Schichten der Gesellschaft,1 'politische, philosophischer nnd ethische Differenzen in allen' Sphären unseres Verhaltens und unserer Begriffe, das ist das Merkmal unserer Zeit. Auch durch die Einheit des Judenthums ist dieser Riss gegangen. Ueber die Erde zerstreut sind wir in allen Ländern und Lagern zu finden. Treue Söhne des Vaterlandes, schliessen wir ans je nach Fähigkeit, Neigung und Ueberzeugung den verschiedensten Giuppen, - Parteien und Anschauungen an. Der Zeitenlauf bat uns Juden nicht aar räumlich geschieden, sondern auch innerlich auseinander getrieben. Hier nun setzt der Orden „Bnei Briss" in seiner vornehmsten Aufgabe an, uns zu sammeln, unsere gesprengten Beziehungen neu zu knüpfen, uns wiederfinden zu lassen. Man glaube nicht, dass wir Exclusivität treiben. Die Elemente jüdischer und deutscher Cultur haben sich uns wie zu einem farbenprächtigen Teppich harmonisch ineinandergewirkt. Wie wir auf unser gutes Recht als deutsche Bürger pochen, so glauben wir, indem wir als Juden immer bessere Menschen werden, dem Staate damit um so bessere Bürger zuzuführen In wohldisciplinirter Selbsterziehung fordern wir von jedem Mitglied unserer Gemeinschaft die strengste Lauterkeit der Gesinnung, die sauberste Ehrlichkeit im Handel nnd Wandel. Das Wirken unseres Ordens umkreist ganz natargemäss zu allererst das Leben der Judenheit im eigenen Vaterlande. Aber auch darüber hinaus horchen ..wir "auf den Wiederklang, den1 das Geschick der ganzen Judenheit bei uns findet und verfolgen gespannt die Entwickelutig des Judenthums allerorten. Der Orden verfugt über ein ausgeweitetes Netz von über 80000 „Bnei Briss" in allen Ländern und Erdtheilen. Mit Stolz dürfen wir.von-unserem Orden, sagen, dass in seinem Bereiche die Sonne nicht untergeht. Die Legitimation als Ben Biiss, die Anrede als Bruder genügt, um uns ohne weitere Einführung das stets bereite Ohr und die offene Hand eines jeden sozial noch so hochstellenden Bruders finden zu lassen und ihm.' (die Freundschaftshand zu reichen über Länder und Meere {hinweg. Ein Sammelpunkt and Eiuigungspunkt ist unser Orden und unsere Loge. Das Jadenthum in seinen verschiedenen Schattirungen und Spielarten,• von der starren Orthodoxie bis zur freisinnigen Reform, findet hier seine Einheit wieder. Alle jene Strömungen und Bestrebungen, die im Kampfe des Tages auseinandergehen und sich verlaufen, strömen hier wieder zusammen. Die Gleichheit Aller vor der Religion ist durch die Gleichheit Aller-vor dem-Ordenspriucipe gefolgt. Der Orden kennt nur Brüder; einer Klasse ohne Unterschied des Standes und Besitzes. Der,Adel des Herzens gilt als die höchste Würde,. Geist und Gemüth, Edelmuth und Opferbereitschaft sind allein die Mittel sich auszuzeichnen. Diese stets bereite Opferwilligkeit Aller hat es uns möglicli gemacht, in den Jahren seit dem Bestehen unserer Institution weit über 100 Millionen Mark im Dienste *ier Wohlthätigkeit aufzuwenden. Auch die s ,, Montefiore-Loge" brauchte niemals vergeblich an den Willen der Brüder zu appelliren, wenn es hiess, Wittwen und Waisen zu unterstützen, Kranke zu pflegen, Armen und Bedürftigen beizustehen, Kunst und Wissensehaft zu" lördern^ Bildung, Wissen dnd Aufklärung zu verbreiten. .Eine ganze -Reihe segensreicher Stiftungen und Anstalten sind. derrInitiatiye der. Brüder unseres Ordens zu verdanken. Und wenn, wir diejse,Opferwilligkeit aucli zur Pflicht machen, die sich selbst genügt, so haben wir doch allen Grund uns mit Genugthuung und mit ermunterndem Danke der Brüder zu freuen,, die ihre Kraft und einen Theil ihres Vermögens in den Dienst unserer Sache gestellt. Es ist eiu tüchtig Stück Arbeit, das Wir bisher geleistet. Wenn behauptet wird, dass mehr hatte gescheiten können, so ist das nur ein Beweis für den grossen Ehrgeiz nach dem Guten, der unsere Brüder' beseelt und der nicht zagt nach dem Höchsten zu greifen. Ganz gewiss dürfen wir bei dem Erreichten nicht still stehen, aber das Bessere wird leicht zum Feind des Guten. Jede einzelne gute That ist werth, dass um ihretwegen sich eine Welt bewegt. Jede Leistaug ist uns ein Sprungbrett zu heüeii Leistungen und setzt sich in frschen Thaten fort. Mit stolzer, freudiger Genugthuung dürfen wir an unserem heutigen Stiftungsfeste auf unsere bisherigen Erfolge zurückblicken und verweisen. Manclie Throne würde getrocknet, manches gebeugte Gemüt Ii aufgerichtet , manche Auregung gespendet. Unsere Berliner Logen allein. zählen, an die tausend Brüder, von , «; , 7^ - , »• ** *"'"*■ i I denen jeder einzelne - ein Apostel' unserer Ordensideale nnd gleichzeitig berufen isf, diese Ideale im Kreise seines Lebens und Wirkens zu verfechten und praktisch zu bethätigen. Ein Rückblick auif das Wirken und die Stellung unseres Ordens beweist uns nicht nur seihe Existenzberechtigung, sondern seine absolute,. Notwendigkeit. Aber nur, wenn