Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Nr. 7 - November
- Date
- 1898-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 66 — \ zeichnet, auf welchem unser Orden ejn gut Theil seiner geistigen Tätigkeit entfalten und zur Wiederbelebung des Judenthums beitragen kann. Unser Orden hat den geistigen Kern des Judenthums als beiliges Palladium zu wahren. Unser Orden genügt auch zu .unserer hohen Befriedigung dieser Ehrenpflicht: er erkennt in dem Judenthum nicht lediglich ein System von Formen, sondern eine geistige Macht, welche den ganzen Menschen erfassen, sein ganzes Thun und Denken nach idealen Normen leiten soll, er hält den Glauben an eine sittliche Weltordnung, die sich in den ' Geschicken der Völker, in den Schicksalen unseres Stammes, in dem Werdegang, jedes Einzelnen offenbart, als oberstes Dogma hoch; er erblickt die erste Aufgabe des Juden darin, sich selbst zu heiligen, alles Gemeine zurückzuweisen, mit den Leidenden zu fühlen, ihr Loos zu verbessern, für das Gute und Edle, für die Wahrheit und Gerechtigkeit zu leben und zu wirken; er betrachtet seine Bestrebungen, welche l darauf gerichtet sind, die Geschichte unseres Stammes, die Entwicklung der Menschheit, den Inhalt unserer Bestimmung, die Thätigkeit des Menschengeistes auf allen Gebieten des Wissens zu erfassen, auch als Ausfluss der Religion und als vornehmste Bethätigung derselben. Wer in dieser freien geistigen Weise das Wesen des Judenthum's begreift, def kann, ohne das religiöse Ceremoniell zu unterschätzen, unserem Bunde das Zeugniss nicht versagen, dass er auf dem Boden des Judenthums steht, dass er in sich vereint die hingebende Arbeit vieler edeldenkenden Israeliten für die sociale, ethische Hebung unseres Stammes, dass er verkörpert den idealen Aufschwung aller Bundesbrüder zur Weckung des jüd.- Selbstbewusstseins, zur Heilighaltung u*d Ehrung des jüd. Namens, kurz, dass er die Mission des Judenthums zuerfüllen sucht. .Ihr sollt mir ein heilig Volk, ein Volk von Priestern sollt Ihr mir sein". Unser Bund und das Haus, das wir ihm weihen, stellen sogar den lautesten Protest dar gegen den krassen Materialismus der Gegenwart, gegen den schmählichen Glaübensverrath in unserer Mitte, gegen die gedankenlose Assimilatiönssucht unserer Zeit, welche die Absichten der Vorsehung durchkreuzen und uns in der Reihe der Religionen verschwinden lassen will. Mögen daher auch noch so viele welke und faule Blätter vom Baume des Judenthums fallen, unser Orden lässt sich hierdurch nicht wankend machen'; nur ein Klärungsprozess, nicht ein Auflösurigsprozess vollzieht sicÜ" vor unseren Augen. Die Vorsehung hat in wunderbarer Weise schon dafür gesorgt, dass der Stamm erhalten bleibt und immer neue Aeste ansetzt. Eine alte Legende möge diesen Gedanken noch anschaulicher machen. „Vor seinem Tode hat unser Führer Moses,, wie die Schrift erzählt, nochmals Heerschau gehalten und das Volk unter Strafandrohungen und Eidschwüren auf das Festhalten am Bunde verpflichtet. Da soll das Volk sich aufgelehnt haben mit dem Ausruf: „Wer kann bestehen unter dem Drucke so vieler Flüche und Eidschwüre?" Beruhigend habe Moses geantwortet: .Eid und Leid erhalten Euch". Damit, meine Freunde, sind in prägnanter Weise die geheimen Kräfte bezeichnet, welche das Judenthum zusammenhalten. Zunächst ist es die Kraft der Eide, ' d. h. die Ehre des Juden, die Achtung vor seiner Geschichte,' die PietSt gegen seine Vorfahren erfordern, dass er die Eide nicht bricht, die Jene auf die Hochhaltung des Bundes geschworen, dass er das Glaubensmartyrium nicht verräth, das Jene freiwillig auf sich genommen. Sodann ist es die" Kraft der Leiden, der Schicksale,• die über unseren Stamm hereingebrochen; sie beweisen auch dem hartnäckigsten Gottesleugner das Walten einer ewigen Vorsehung. Denn die Schicksale haben sich bis aaf das letzte Wort erfüllt, wie sie vor Jahrtausenden verkündet worden. Die Leiden haben aber auch unser Volk vor geistiger Erschlaffung bewahrt, sie haben dessen Läuterung und immer erneute Kräftigung bewirkt, sie haben die Ausscheidung aller jener kranken und fauligen Elemente erzeugt, welche einem gesunden Volksorganismus nur schaden, sie haben immer zur rechten Zeit die Männer geschaffen, welche in die Bresche getreten und unserem Stamme sein Selbstbewusstsein und moralischen Halt wieder gegeben haben. Auch unser Bund, zusammengesetzt von edelgesinnten Glaubensgenossen aller Berufsstände, verdankt seine Entstehung den vielfachen Anfeindungen, welche gegen Ende dieses Jahrhunderts gegen uns rege geworden. Wer könnte deshalb daran zweifeln, dass unser Bund von der Vorsehung berufen ist, ein Bollwerk für die Erhaltung unseres Stammes und Glaubens zu sein und dass wir gerechten Anlass haben, diesen erhebenden Gedanken zum Brenn- und Mittelpunkt unserer Festesstimmung zu .machen. Darum sei der erste Ausdruck unserer Festesfreude Preis und Dank dem Weltenlenker, dem Gott Israels, der in seiner Liebe uns so. wunderbar geführt, von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag, der uns nicht hat zu Schanden werden lassen, trotz Hass und Scheelsucht, Feuer und Schwert, die gegen uns gewüthet, der uns unsern gehebten Orden geschenkt, auf dass er das Judenthum stütze und stärke. Dank ihm, der auch das heute vollendete Werk mit . seinem Segen Übergossen, von der Stunde seiner Entstehung bis zum Tage seiner Vollendung. Ehrfurchtsvollen Dank weihen wir auch unserem erhabenen Kaiser und unserem greisen Landesherrn, jenem als mächtigen Schirrriherrn des Friedens, diesem als eifrigen Protector aller humanen Bestrebungen. In stiller Verehrung gedenken wir auch der Manen des hochverdienten Staatsraths August Lamey, welchem die badische Judenschaft ihre Emancipation verdankt und dessen Namen zu tragen unsere Loge die Ehre hat. Vielen herzlichen Dank sage. ich auch allen Brüdern, die mitgewirkt dieses herrliche Heim zu schaffen, zu schmücken und zu zieren, insbesondere den Mitgliedern der geschäftsführenden Haus-Commission, der Bau- und Anschaffungs-Commission. Mit Wehmuth und Dankbarkeit wollen wir auch in dieser Festesstunde jener BBr. gedenken, die mitgearbeitet am heiligen Werk, denen es aber nicht vergönnt war, seine Vollendung zu schauen. Es sind dies folgende BBr: der wackere Gottschälk Abehheimer, der bescheidene Berthold Neckarsulmer, der edle Simon Kaufmahn und der schlichte Julius Bing. Sie sind nach ernster Pflichterfüllung heimgegangen in die friedliche Heimath, sie ruhen aus vom langen Tagewerk, aber in dieser feierlichen Stunde treten ihre verklärten Gestalten nochmals grüssend vor unsere Seelen; darum sei ihr Andenken gesegnet und segenbring'end, sei auf ewig mit unserem Haus verknüpft und lebe mit demselben fort. Und nun lassen Sie mich unseren Tempel seiner Bestimmung weihen. Lassen Sie mich hierzu das vornehmste