Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1896
- Issue
- Oktober
- Date
- 1896-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 60 <— die Anhänger des Antisemitismus überhaupt eine politische Partei? Ist es denn überhaupt denkbar, dass eine Strömung, die nichts als ihr gemeinsamer Hass gegen Juden und Judenthum zusammen hält, eine politisch geschlossene Einheit darstellen kann? Und wenn wir uns dagegen auflehnen, wenn wir nichts weiter thun, ads unser vom Gesetz verbürgtes gutes Recht vertheidigen, wenn wir beweisen wollen, dass wir uns fühlen als Deutsche so gut, als nur irgend Jemand, dass der jüdische Glaube; noch* Niemand daran gehindert hat, und dass, wer es anders sagt, entweder unseren Glauben nicht kennt oder bewusst in verhetzender Absicht die Unwahrheit spricht, treiben wir da Politik? Wir treten ja gar nicht in die Oeffentlichkeit, und Politik und Oeffentlichkeit sind so eng mit einander verbunden, dass man sie von einander nicht trennen kann. Mit demselben Recht könnte Jemand die Behauptung aufstellen, wir mischen uns in die Politik, wenn wir uns mit der Geschichte unseres Volkes befassen. Denn was ist die Geschichte des Judenthums anders, als eine fortwährende Leidensgeschichte, als ein dauernder, endloser, Jahrtausende langer Kampf gegen unsere Verfolger. Von Haman bis zu den Koryphäen des gegenwärtigen Antisemitismus bildet die Geschichte unseres Volkes eine endlose Kette von Peinigern, und sollte eine Darstellung dieser Kämpfe in der. Vergangenheit: Geschichte, in der Gegenwart: Politik heissen? Der Judenhass ist so alt wie das Judenthum selbst, und das Geschlecht der Judenfeinde stirbt eben so wenig aus. wie der jüdische Stamm und erneuert sich mit diesem von Generation zu Generation. Wenn der Bund gemäss seinen Satzungen in der Förderung des Judenthums seine Hauptaufgabe erblickt, so muss er sich nothgedrungener Weise mit den vitalsten Interessen desselben, mit dem Kampf um seine Existenz, mit dem Beweis der Unhaltbarkeit aller Anschuldigungen intensiv beschäftigen, wenn er nicht einen Widerspruch in sich und mit sich selbst hervorrufen will. _Und das kann er und muss er, ohne nach aussen hin aufzutreten, im Kreise seiner 3rüder auf die mannigfaltigste Weise. WiF sollen uns nach der These in eine Polemik gegen den Antisemitismus als wirtschaftliche oder politische Tendenz nicht einlassen. Das heisst denn doch nach unserer Auflassung, dem Antisemitismus viel zu viel Ehre angethan. Wir bestreiten überhaupt, dass derselbe zu einer wi-rthschaftlichen oder politischen Tendenz auch nur die geringste Berechtigung hat, und jeder Jude muss dasselbe thun. Wenn wir eine solche Seite des modernen Antisemitismus als^yorhanden anerkennen, dann geben wir ja gewissermaßen ihm eine Berechtigung seiner Existenz zu, und das wollen wir nun und nimmermehr in alle Ewigkeit nicht Nein, die Bekämpfung desselben durch unseren Orden innerhalb seiner grundlegenden Satzungen hat mit der Politik absolut nichts zu thun, zumal wenn wir uns darauf beschränken, nach innen nicht nach aussen zu .wirken. Im Gegentheil, es sollte die heiligste-Pflicht des Ordens sein, die Brüder zu stärken in diesem Kampfe. Das kann er aber nur, wenn er ihnen auch die Mittel, die geistigen Waffen in die Hand giebt. Wenn heute unsere Gegner uns beschuldigen, dass der Talmud ausdrücklich verlange, man solle den Christen nur besudeltes Fleisch verkaufen und dabei auf ein Kapitel Jore dea verweisen, wer von den Brüdern ist denn im stände, die Sinnlosigkeit solcher Anschuldigungen auch nur im privaten Verkehr mit christlichen Mitbürgern nachzuweisen? Dazu soll ihm eben die Loge die Hand bieten, indem sie ihn autklärt über derartige Dinge und so ihn in den Stand setzt, die Pflicht der Selbstvertheidigung im kleinen zu üben. Nur der Unkenntniss und dem Indifferentismus ist es zuzuschreiben, dass man gerade in den gebildeten Ständen unserer Glaubensgenossen gar nicht so selten Aeusserungen gehört hat, die dann auch ihre Consequenzen nach sich zogen: Was geht mich der Talmud an, was weiss ich, ob er Weissheit oder Dummheit enthält, ob er neben erhabener Moral auch gemeine Sophismen predigt, und doch soll ich für ihn verantwortlich gemacht werden? Soll ich und meine Kinder immer wieder in Angst und Bangen schweben, wenn irgend wo auf der grossen Welt ein Christenkind verschwindet, und nun das Märchen vom Ritualmord wieder auf die Tagesordnung gebracht wird? Das ist mir meine Religion nicht werth, und ein Märtyrer meines Glaubens zu spielen, dazu fühle ich keinen Beruf in mir — Dem Umsichgreifen derartiger Ideen einen mächtigen Damm entgegen zu setzen, war ja gerade die Loge nach Deutschland verpflanzt worden, man hat sich zusammen geschlossen, um ,,leichter dem Anstürme von aussen zu wiederstehen." Aber das Zusammenschliessen allein vermag einem derartigen, gewaltigen Ansturm nicht Stand zu halten, es gilt auch sich zu wappnen, „Hoffnung und Zuversicht" allein vermögen eine bessere Zeit nicht herbei zu schaffen. Unser jüdisches Selbstbewustsein und Selbstgefühl kann sich nur stärken und kräftigen, wenn wir selbst mit Hand anlegen an die Befreiung aus der gegenwärtig schweren Zeit, und unsere Brüder werden es uns zu danken wissen, wenn wir ihnen in unseren Sitzungen die Mittel und Wege weisen, und zwar im Rahmen unserer Satzungen, die wir nach dieser Richtung hin nicht antasten wollen, und vor allem es auch nicht nöthig haben. Und ferner, auf einen sehr bedeutenden Punkt ist noch hinzuweisen, nämlich dass durch die Entziehung der* Besprechung des Antisemitismus aus den Logen diesen selbst ein sehr wichtiges, vielleicht das' wichtigste Anziehungsmittel fern gehalten worden ist. Was klingt mächtiger in uns wieder, was hält unsere Seele mehr gefangen, als das, was uns am tiefsten bekümmert und tagtäglich uns vor Augen steht! Die leidige Furcht, dass wir mit den Gesetzen und unseren Satzungen bei richtiger Behandlung dieses Stoffes, frei von jedem politischen Beigeschmack, in Konflikt gerathen, ist ebenso zaghaft gedacht, wie unnöthig und absolut unberechtigt, und deshalb richten wir an alle Logen die dringende Aufforderung nicht der oben erwähnten, sondern unserer These zuzustimmen: „Es ist die Pflicht des Ordens, das Judenthum überall da, wo es durch den Antisemitismus gefährdet erscheint, durch Aufklärung und Aussprache innerhalb des Ordens selbst und seiner Satzungen, zu schützen." Wir sind fest überzeugt, dass durch Inkrafttreten dieser These eine günstige Rückwirkung auf den Orden erzielt und dadurch die Richtigkeit derselben ii? ihrem Erfolge eine baldige Bestätigung finden wird. *