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Bericht der Großloge für Deutschland · 1895-02-01 · Februar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1895
Issue
Februar
Date
1895-02-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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10 — bewegenden Gelehrsamkeit eiqher. dass sie für den Laien kaum verständlich sind, für den Gelehrten eine unerschöpf liehe Quelle geistiger,Nahrung bleiben werden. Was Wunder dass sie einen kaum berechenbaren Einfluss auf den geistigen Fortschritt seiner Glaubensgenossen, auf geschichtliche und religiöse Aufklärung ausgeübt haben, ja noch mehr, sie sind mit der vollen Absicht eines solehen Einflusses ge schrieben worden. Denn Zunz hatte das volle Verständniss für die traurige politische und religiöse Lage der Juden insbesondere Deutschlands in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Die Emancipation war damals noch ein Weisses Begehren Darum stürzte sich Zunz mit Feuereifer in den edlen Kampf. Aber er sah bald, dass die Quelle aller Uebel die Unkenntniss >ler Vergangenheit war. .die erschreckende Unwissenheit und >eine Geschichte bei Juden und Christen. Das Unrecht wurde am bequemsten Vertheidigt durch den Hinweis, dass es immer so gewesen sei, und die Verjährung war das schlagendste Argument. . Hierfür sei nur ein Beispiel angeführt. Die Reaction, welche damals am schamlosesten ihr Unwesen trieb, wollte durchsetzen, dass den Juden verboten würde, christliche Namen zu führen. Sie sollten nur noch Namen aus dem alten Testament tragen. Da schrieb Zunz das Büchlein „Namen der Juden".' Er geht darin einen Zeitraum vdn mehr als 3QOO Jahren durch und beweist, dass die Juden zu allen Zeifen und in allea Ländern-sich nicht nur der Landessprache, sondern auch der landesüblichen Namen bedient haben.- in (iaiechenland griechischer, in Babylonien babylonischer, 'in Spanien spanischer, in Frankreich. England, Italien französischer, englischer, italienischer und natürlich in Deutschland deutscher. . Ja, mit unverkennbarer Ironie, wenn auch mit dem gelehrtesten Gesicht weist er nach, dass gerade die mit Vorliege für jüdisch gehaltenen Namen echte alte deutsche Namen sind. Ich bin Dicht, im Stande, alle Werke von Zunz zu charäkterisiren oder auch nur aufzuzählen. Nur auf zwei Werke möchte ich noch ein wenig eingehen. . Ich habe schon im Eingang bemerkt, wie tief die Unwissenheit insbesondere in der Geschichte Israels war. Nur diese Unwissenheit macht die Schroffheit erklärlich, mit der sich damals die Parteien im Judenthum gegenüberstanden. Der Zusammenbruch der Ghettomauern, der Eintritt der " Juden in (die allgemeine Bildung, die Zuführung neuer Elemente zii eiper veränderten Weltanschauung hatte das bisherige nai\ie. religiöse Denken und Leben, auf das heftigste erschüttert jund bei denen, welche nicht etwa gänzlich mit der Religiojn ihrpr Väter brachen, machte sich mit gebieterischem Kämst dw^Gewissensforderung geltend, das neue Gewonnene mit dem Ererbten auszugleichen. Für das häusliche und private Leben fehlte der gemeinsame Boden, aber für das Leben und Denken der Gemeinschaft war dieser Boden der 'Gottesdienst. Seinem Inhalte nach stand er natürlich ganz in den Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts und zeigte Auswüchse, aller der' traurigen Verirrungen aller vergangener Jahrhunderte, seiner äusseren Form und Erscheinung nach war er ganz das Spiegelbild des Ghettos und des Jargons. abstossend. lärmend, würdelos, widerwärtig. Hiergegen erhob sich laut und dringend der Ruf nach Reform. Aber man hatte gar keinen Massstab für das Wesen und die Grenzen einer Reform, die doch Wiederherstellung bedeuten soll, — weil man das alte, das man hätte wiederherstellen sollen, nicht kannte. Vielfach . griff man daher mit rauher Hand ein, als einziges Muster sich den christlichen Gottesdienst vor Augen haltend, und als einzigen Massstab den aesthetischen kennend. — Diesem Radicalismus entsprechend war nicht minder heftig der starre Conservatismus, der nicht ein Titelchen preisgeben wollte, und unkluger Weise gegen die vernünftigen Neuerungen am heftigsten eiferte. Eine solche Neuerung war die Einführung der deutschen Predigt. Brächten es doch die Finsterlinge dahin, dass in Berlin der Betsaal der Reformfreunde polizeilich geschlossen wurde, weil darin deutsch gepredigt wurde! „Es müsse alles beim alten bleiben" entschied König Friedrich Wilhelm III. Da erschien 1832 das Buch von-Zunz: „Die göttesdienstlichen Vorträge der Juden." Mit einer bisher noch nicht erhörten Gelehrsamkeit, mit einer Klarheit ohne gleichen wird. hier ein Chaos entwirrt, ein zweitausend^ jähriger Trümmerhaufen aufgebaut. Es ist die Geschichte der erbaulichen Rede der Predigt im Judenthum. Sämmtliche .Werke dieser Art seit dem Abschluss der Bibel werden darin aufgeführt, ihre Zeit, ihr Vaterland, ihr Verfasser, ihr Inhalt, ihr geistiger Standpunkt und ihre Geschichte auseinandergesetzt. Man kann es das Standard work des Judenthums, für den Verfasser ein monumentum aere peremius £ennefri. Mit keinem Worte ist in diesem scheinbar rein gelehrten Werk von der Reform die Rede, aber die Frage der Predigt, der Umgestaltung des Gottesdienstes war dennoch jetzt von selbst entschieden Hier war ja der unanfechtbare, durch die Fülle der Zeugnisse erdrückende Beweis geliefert, dass zu allen Zeiten und in allen Ländern das erbauliche, tröstende, ermahnende, belehrende Wort des Predigers von den Kanzeln ertönt, hallte in Griechenland in griechischer, in Rom in italienischer, in Spanien in spanischer Sprache, und dass nur die tiefe politische Erniedrigung den Geist so hatte abstumpfen können, dass er nicht mehr darnach verlangte! A^f dieses unvergängliche Werk von. Leopold Zunz wurde gewiss sehr treffend versucht mutantis mutandis das berühmte Urtheil anzuwenden, welches einst Wilhelm von Humbold über die Philosophie K'ant's gefällt hat. Dieses Urtheil würde hier heissen: „Wie viel oder wenig sjch von den Ergebnissen, der gottesdienstlichen Vorträge bis heute erhalten hat, oder künftig erhalten wird;- maasse ich mir nicht an, zu entscheiden, allein dreierlei bleibt, wenn man den .Ruhm, den Zunz dem Judenthum, den Nutzen, den er der jüdischen Wissenschaft verliehen hat, bestimmen will, unverkennbar gewiss. Einiges, was er zertrümmert hat, wird sich nie wieder erheben; einiges, was er begründet hat, wird nie wieder untergehen — und was das Wichtigste . ist,-er hat eine Umwälzung in der Wissenschaft des Judenthums geschaffen, wie die gesammte Geschichte der Wissenschaften wenig ähnliche aufweist." Zunz arbeitete mit der ganzen Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit der deutschen -Gelehrten. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, Jedes Jahr einen dicken Band hinauszusenden. — Aber «*r hatte auch gar nicht das Bedürfniss, nur zu schreiben, um seine Gelehrsamkeit zu zeigen. Er beobachtete den Kampf der Geister und sobald es ihm an der Zeit war, warf er sein gewichtiges Wort, die Stimmen

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