K.C. Jahrbuch ...
- Journal
- K.C. Jahrbuch ...
- Volume
- 1908
- Article
- Nathan Birnbaum: Die sprachliche und literarische Entwicklung der Ostjuden
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- section
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4862473-6435523--314-4862766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dte Entwicklung der Ostjuden. 106 Was die erzählende Dichtung betrifft, so sollte man denken, daß sie im jüdischen nicht so stark 'wie im Hebräischen von Tendenz Anwandlungen heimgesucht worden sein könne, daß sie als unmittelbare und urwüchsige, vplktümliche Dichtung davon verschont gehliehen sein müsse. Und doch ist dem nicht ganz so. Denn was hilft die Jugend einer Diehtufig, wenn das Volk nicht mehr jung an Jahren ist und gerade von den ersten Schauern eines gewaltigen Sturmes gegen seine alte in den Herzen verankerte .Tradition geschüttelt wird? Auch die jiddische erzählende Dichtung stand daher anfangs unter dem Banne der Tendenz. Hur daß sich diese Tendenz nicht pathetisch, sondern derb ironisch gab, — wie sich denn überhaupt das Jüdische durch seine Eignung zum kurzen und kräf- " tigen, sinnvoll spaßhaften Witze auszeichnet. Gerade diese Nuance aber hatte sehr viel zu bedeuten. Sie trug die Hoffnung einer neuen, jungen Naivität in sich. Und diese Hoffnung hat sich auch in der Wirklichkeit erfüllt. Wir haben Erzählungen von künstlerischer Reinheit sondergleichen. Und diee trotzdem das geschilderte Leben der östlichen Judengasse mit ihren tragischen Kulturkampfkon- . flikten zur Absichtlichkeit geradezu herausfordert. -Rüben Ascher Brandes, den ich bereits nannte, und der außer Hebräisch auch Jüdisch schrieb, gehört natürlich atich im Bereiche dieser Sprache noch nicht zu den tendenzfreien Künstlern. Im