K.C. Jahrbuch ...
- Journal
- K.C. Jahrbuch ...
- Volume
- 1908
- Article
- Nathan Birnbaum: Die sprachliche und literarische Entwicklung der Ostjuden
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 21)
- Language
- German
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104 Nathan Birnbaum. dividualität denn doch zu sehr in das Bereich des ewig Menschlichen, um nicht in allen halbwegs empfänglichen Menschenherzen verwandte Seiten anzuschlagen. Damit ist es ja auch .zu erklären, daß von der jiddischen Literatur zuerst die Lyrik die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Und zwar war es Morris Rosenfeld, ein New-Yorker Schneider, der zuerst bekannt wurde. Er wurde zuerst ins Englische, dann von Jaroslav Vrchlicky, der ihn einen der größten Dichter des Jahrhunderts nennt, ins, Tschechische und später erst ins Deutsche und andere Sprachen übertragen. Rosenfeld weist manche Anlehnung an fremde Muster auf, kämpft auch manchmal nicht gerade glücklich mit der jugendlichen Ungefiigtheit und Derbheit der Sprache. Aber die Eigenart der jiddischen Lyrik dieses scharfe und doch keusche Schauen, dieses heiße und doch ernste Jubeln, dieses starke und doch nie weinselige, sentimentale Klagen, bringt er immer wieder zum Ausdruck. Man hat Rosenfeld einigermaßen Tendenz zugeschrieben. Er hat manche Reminiszenzen daran. Meist aber ist die vermeintliche Tendenz nichts Anderes als unwillkürliches dichterisches Ausleben seiner gesellschaftlichen Gefühle und Leidenschaften._.._ Neben Rosenfeld sind es noch eine Reihe anderer, im Westen weniger bekannte Kamen, die in jiddischer Lyrik hervorragendes geschaffen haben.