K.C. Jahrbuch ...
- Journal
- K.C. Jahrbuch ...
- Volume
- 1908
- Article
- Nathan Birnbaum: Die sprachliche und literarische Entwicklung der Ostjuden
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- section
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4862473-6435523--312-4862764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Entwicklung der Ostjuden. 108 zusammen, so daß der Glaube an einen außerdem waltenden selbständig schaffenden Sprachtrieb noch kein sicherer sein kann. Um abe^ die Einheitlichkeit, Eigenart und Schöpferkraft der ostjüdischen Sprache zu Erkennen hraucht man nur ihre schöne Literatur zu kennen. Das ist allerdings für den Außenstehenden nicht leicht. Auch wenn er deutsch versteht. Hat er schon die hebräischen Buchstaben, mit “welchen das‘jüdische geschrieben wird, überwunden und sich etwa eine gute Transskription in lateinischen Lettern hergestellt — so weiß er erst recht nicht, woran er ist — was schon einen starken Beweis für die innere Fremdheit zwischen Deutsch und jiddisch bildet. Einen noch stärkeren liefern die Uebersetzungsschwierigkeiten. Keine Sprache widersteht der Uebersetzüng mehr als die jiddische und bezeichnenderweise am meisten der Uebersetzung ins Deutsche. Eben deswegen, weil die beiden Sprachen gleichzeitig philologisch so verwandt und geistig so fremd sind. Am schwersten sind — aber nur aus technischen Gründen — Gedichte zu übersetzen. Sonst sind sie am leichtesten zu yerstehen, aus Gründen, die denjenigen analog sind, mit-welchen wir die Erfolge des Hebräischen in der Lyrik erklärten. Der lyrische Dichter projiziert seine Seele nach außen und was die Welt dabei zu sehen bekommt, gehört trotz aller persönlichen und nationalen In-