K.C. Jahrbuch ...
- Journal
- K.C. Jahrbuch ...
- Volume
- 1908
- Article
- Nathan Birnbaum: Die sprachliche und literarische Entwicklung der Ostjuden
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 14)
- Language
- German
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Die Entwicklung der Ostjuden. 97 einer Sprache, an deren großen, ganzen, lebendigen Organismus er sich ansaugt, um manche Partien und Gewebe desselben zu zerstören und seine kranke Substanz an ihre Stelle zu setzen. Das ist Jargon % Und nun fragt es sich, ob auch das jüdische Idiom diesen herabsetzenden Namen verdient. Die Antwort darauf wird uns nach einem Blick auf die Ents.tehungs- und Entwicklungsgeschichte des Jüdischen nicht schwer fallen. Das Jüdische hat seinen Ursprung im deutschen Mittelalter, am Mittelrhein. Man kann es nicht auf soziale und ökonomische Antriebe zurückführen, wiewohl ja die Juden damals auch sozial eine eigene Schicht bildeten. Gewiß haben sie es auch dazu benützt, um von den Nichtjuden nicht verstanden zu werden, aber das war nur ein Ergebnis, das sie nicht abwiesen, war nicht einmal Anlaß — es sei denn in_ einigen wenigen Fällen — geschweige denn tiefere Ursache. Diese lag vielmehr in der Fortdauer .einer ausgeprägten jüdischen Eigenart', die sich dem deutschen Sprachgeiste nicht einfach ausliefern wollte. Vor allem schuf das religiöse Traditionsleben, das mit seinen eigentümlichen Geistes- und Gemütsgehalt den wesentlichen Träger der jüdischen Volksindividualität. bildete, die Notwendigkeit zu jüdischen Va: riierungen . der deutschen Sprache. Vermittelst dieses Traditionslebens zuweilen aber auch ganz