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Jüdische Volksstimme · 1905-11-01 · 21 (1.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
VI (1905)
Issue
21 (1.11.1905)
Date
1905-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wesen des Zionismus i d. einzelnen luden — und wäre es eint halbe Million — in materieller Hinsicht 7.u Reifen, für eine Anzahl Juden- Familien eine gesicherte materielle Basis zu schaffen. sondern daß der Zionismus die Lösung des ganzen Komplexes d;r Judenfrage bedeutet. Wir wollen keine philanthropische Gesellschaft werden, mag der einzelne von uns •noch so mitleidsvoll, noch so wohltätigen Sinnes sein und mag der Zionismus schließlich vielen eine Wohltat werden. Mir 'allen hier einige trekkliehe Worte des Sozialdi mokraten Pemerstorfer ein. Ich zitiere sie. nehme mir aber die Freiheit, dort wo Pernerstorfe! .Sozialismus* sagt, ,Zionismusv und wo er ,Menschen* sagt, Juden“ zu sagen. - . .Der Zionismus sc 11 der Judenheit nicht nur die gesicherte materielle Existenz bringen. Er soll vorerst diese etablieren, aber nur als Vorbedingung einer höl eren Stufe der Kulturentwirkhuig. Nicht dahin wollen wir bloß arbeiten, ,laß die Juden m -nschenwürdig wohnen, -ich nähri n. sich kleidet. sondern daß sie auch fähig werden, selbst Kultur zu haben, Kultur zu erzeugen. Jede Kultur aber ist national.* Wo aber ist eine jüdische Kultur möglich? Wenn ich hier Kultur sage, meine ich nicht 1,111׳ die Ergebnissei künstlerischen Schaffens, i. i, meine Kultur im weitesten Sinne des Wortes, b h glaube nur in Pal istina. Die Geschichte lehrt es uns. 40.<XR» Juden, die aus Babylon mu h Palästina wandert! n, haben das jüdische Volk erhalten, nicht je le vielen, vielen Tau- -ende, die in Babylon zurückblieben, obwohl -ie dort eine ,Autonome* besaßen mit dem Kusch Gelutha an der Spitze. Die Territorialisten dürfen sich also nicht wundern, wenn alle• jen;, welcttt eine Lösung der Judenfrage janslreben, philanthropische Ideen innerhalb des Z onismus• nicht dulden woben, wenn alle jene die ein vollkommenes jüdi-ches Volk in der ]teilte der Völker sehen woben, es nicht duldet!, daß ihre große Dreiheitsidee auf eine Stuft; sinkt mit dem Prograntme eines . 1 Iilfsvereins deutscher Juden* eine Alliance isr. und anderer Assoziationen, von denen ja die Territorialisten schon hemeisterte Zustimmungen! erhalten haben. Deshalb ist es gut und ridhtig, daß ■der Kongreß die Möglichkeit gegeben hat. denen den Schekel zu verweigern, welche territorialistische Ideen Zionismus nennen, welphe den Zionismus mit philanthropischen Gedanken verwässern wollen. Das treib, h soll und wird nicht hindern, daß alle Zionisten als Einzelpersonen alle Bestrehnngeii fördern werden, die darauf hinauslaufen, die Lage auch nur eines Teiles der Judenheit zu verbessern, das soll und wird nicht hindern, ■ laß man Personen in der Partei lassen wird, die neben der vollen Anerkennung der Kongreßhesvhlüsse. neben dem Zionismus sich den Luxus des Territorialismus gönnen, ebenso wie man niemanden aus der Partei weisen wird, , lei irgend einer andern Wohltätigkeitsgesellschaft ungehürt. Der Zionismus aber als solcher und seine Vertretung. 1k׳r Kongreß, müssen die territorialistische Krise ן überwinden, wenn ■ sie iijichl selbst immer überwunden sein wollen. Ernst Gütig, Prag. ־<>• Die Juden iii Rumänien. Ihr letzte Monatsbericht der Alliance I-raelit׳• Universelle (August—September/ enthält die folgende bemerkenswerte Korrespondenz aus Bukarest: i y .Der Antisemitismus fahrt hierzulande, -eitib m die Konservativen ans Ruder gekommen sind, wieder mit j vollen Segeln. Unsere Glaubensgenossen fragen sich, ob nicht das Regiment der sogenannten Liberalen dem gegen• wärliA'N vorzuziehen war. Man hatte sich hier und da der Hoffnung hingegeben, daß das Beispiel Rußlands, das die Lösung der Juden frage wenigstens in Angriff nimmt und dis Juden zür Wahlurne zitläßt, auf die Rumänen Eindruck machen und, ihr Gewissen rühren , würde. Bisher ist davjon nichts zu merken. Niemals hat die!*resse des Landes eine so brutale Gehässigkeit gezeigt wie gerade in diesen Tagen. Einige Bezirkspräsidenten gehen in ihren Willkürmaßregeln soweit und die Regierung beweist sich ihnen gegenüber so schwach, daß man an die häßlichsten Vorgütige aus der Verwaltung des Herrn Sturdza erinnert wird. I Jüdische Volksstiinme. Nr. 21 Zur Stunde muß Herrn Vasescu, dem Präfekten des Departements Botosani, der Rekord der Verfolgungen zugesprochen werden. Er sieht seine Aufgabe darin, die Juden seines Bezirks durch unsinnige Maßnahmen aufs äußerste zu quälen, und hat sich vorgenommen, auch diejenigen Juden, die seit Jahren die kleinen Städte und Dörfer bewohnen, in der Stadt Botosani einzupferchen, um sie direkt im ׳ Grifte zu haben. In mißbräuchlicher Auslegung des Landgemeindengesetzes fordert dieser Präfekt-Satrap, daß alle, welche die vom Gesetz geforderten Aufenthaltszeugnisse unter großen Mühen und Kosten bereits erlangt haben, sie noch einmal nachsuchen, ln seiner Eigenschaft als Präfekt hat er die von den Gemeinderäten ausgestellten Zeugnisse annulliert und treibt die Unglücklichen, die sich schop seit Jahren im Besitz einer Art von Bürgerrecht dünkten, mitleidslos ohne Verzug hinaus. Noch unbegreiflicher ist,.daß Herr Vasescu seine Ausweisungsedikte nicht nur an die kleinen Händler in den Städten, sondern auch zu Dutzenden an die Großpächter auf dem Lande gerichtet hat, an Leute wie Fischer, Costiner, Juster, Bermann, Gutmann, Krasusselsky und hundert andere, deren Kulturen in der nördliehen Moldau mehrere Millionen Franks repräsentieren. Er verweigert ferner auch den angesehensten Juden von Botosani, die sich ins Ausland begeben wollen, die Pässe. So wurde letztens dem reichen, achzigjübrigen Schneyer der Reisepaß verweigert, weil er keinen Ausweis darüber vorgelegt habe, daß er dem Militärgesetz genügt hätte! Aber es ist unmöglich alle Aeußernngen eines überspannten Machtbewußtseins aufzuzählen, durch die sich Herr Vasescu seit dem Regierungsantritt seiner Freunde hervorgetan hat. Auf Bitten mehrerer Glaubensgenossen, die ich in Botosani sprach, teile ich nur noch folgende Tatsachen mit. 1. Herr 8. Brief, aus Dostesti, hatte das Recht zum Aufenthalt in dieser Gemeinde von der Zentralverwaltung seihst erlangt. Der Präfekt Vasescu annulliert diese Erlaubnis entgegen dem Geist und dem Buchstaben des Gesetzes, das allein dem Richter Vollmacht hierzu gibt. 2. Eine Witwe, seit 40 Jahren Einwohnerin des Dorfes Ostopceni-Ciuru (Jijia). wurde brutal hinausgetrieben trotz guten Führungszeugnisses der Ortsbehörde. 3. Pincu Cohen, aus Cerun, erhielt einen Ausweisungsbefehl durch die Bezirksbehörde, nachdem er von Herrn Juretz, dem Gehilfen des Bürgermeisters, barbarisch mißhandelt worden war. Cohen liegt seit einigen Tagen im Hospital, für sein Aufkommen ist wenig Hoffnung, 4. Alle Juden, die auf den Gütern der Bojaren, in welcher Eigenschaft immer angestellt sind, müssen ihre Wohnsitze aufgeben, sofern sie nicht einen neuen Autenthaltsschein beibringen; dieser wird ihnen jedoch wohlgemerkt unter den nichtigsten Gründen verweigert. So ging es selbst dem bevollmächtigten Administrator des Großpäfchters Costiner. Der Maire, der von dem Präfekten Vasescu gewonnen war, beantragte die Ablehnung seines Gesuches. Dennoch stimmte der Gemeinderat aus Achtung für Costiner, der nicht nur heträchtliche Steuern zahlt, sondern; auch als Wohltäter v^eit bekannt ist. Vasescu annullierte nichtsdestoweniger diese Entscheidung unter dem Vorwände, daß der Petent den Besitz eines Kapitals von/1000 Frs. nicht nachgewiesen habe. 5. Die Zahl der jüdischen Familien, die gegenwärtig Ausweisungsbefehle erhalten haben, beläuft sich auf 283. Im Departement Dorchoi haben die Behörden besonders die armen Juden aufs Korn ge- ׳nommen, die auf den Gütern des ehemaligen liberalen Prätekten Pilat angestellt sind. Auch Herr Pilat ist während seiner Amtsführung mit den Juden nicht sehr zart umgeprungen. Die Zeitungen verzeichnen folgende Drohung Pilats, die er an die Adresse der Konservativen gerichtet hat: Heute verjagt ihr meine Juden, morgen verjage ich die eurigen.* Die rumänischen Juden gelten ihrer eigenen Regierung als Fremde. Sie genießen aber andererseits nicht den geringsten Schutz irgend einer fremden Macht Es nimmt nicht Wunder, daß sie so unleidlichen Verhältnissen, wenn nur irgend möglich, zu entrinnen suchen. Ein Brief Dr. Max Nordaus an;Dr. Adoli Friedmann, Wiesbaden. Paris, den 22. Oktober 190ä Sehr geehrter Herr Doktor! Ich bedaure nun doch, daß über meinen Rechenschaftsbericht an meine hiesigen Wähler nichts in die zionistische Presse gelangt ist. Denn in meiner Rede habe ich ungefähr alle Fragen die in Ihren lieben Zeilen enthalten sind, ausführlich beantwortet. Der Territorialismus ist nun einmal eine Tatsache, die man beklagen, doch nicht aus der Welt schaffen kann. Wir müssen darum zu ihr Stellung nehmen, da es auch nicht angeht, sie zu übersehen. Eine Aenderung der Kongreßbeschlasse kann nur ein Kongreß beschließen. Eine Auflehnung gegen sie, ehe sie regelrecht aufgehoben sind, wäre ein anderer Charkower Putsch. Nach meiner Auflassung binden die Kongreßbeschlüsse nur die Organisation, die als solche territorialistische Bestrebungen mit ihren Mitteln nicht fördern darf. Dagegen bezieht sich die Ablehnung des Territorialismus ,als Zweck und Mittel* nicht auf den einzelnen Zionisten, der seine volle Freiheit wahrt, auch nichtzionistische Be- Strebungen zur Besserung der Lage eines Teils des jüdischen Volks — zumal von nationaljüdischem Geiste erfüllte — zu unterslützen. Wenn Zangwill und die um ihn sich nicht auf Wohltätigkeitskolonisation a la General Booth beschränken, sondern sich als berufen hinstellen würden, die Judenfrage durch eine politische Tat. die Gründung eines Staates für das ganze Jüdische Volk, zu lösen, würden wir Ihnen ebenso entgegen treten müssen, wie jenen die die Lösung durch die Assimilation herbeiführen zu können behaupten. Aber für eine derartig verkehrte und schädliche Haltung Zangwills habe ich noch keine Anzeichen. Einstweilen scheint er für das jüdische Elend Eiemente zu interessieren, die ihm gegenüber kalt geblieben sind und das ist Gewinn. Er lehrt überdies manche nationaljüdisch denken und macht auf diese Weise den Territorialismus zur Vorfrucht des Zionismus. Lassen wir uns von einiger Aufregung der Schwankenden unter uns und einigem Holmächeln der Gleichgiltigen und Gegner nicht irremachen. Das überdauern wir, wenn wir dauern. Die Hauptsache ist. daß wir standhaft bleiben und an qifngen einfachen, klaren Leit- Sätzen fest halten; Die Lösung der Judenfrage durch Schaffung eines nationaljüdischen Gemeinwesens ist mir in und um Palästina möglich. Wir müssen diese Lösung durch möglichste Stärkung unserer Organisation und praktische Erforschung aller wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas vorbereiten. Bis zur Lösung haben wir für Bestrebungen zur Erleichterung des Judenloses nur Sympathie. Von alledem können Sie, mein sehr geehrter Herr Doktor, beliebig Gebrauch machen. Aufrichtige Grüße von Ihrem hochachtungsvoll ergebenen M. Nord au. -o~ Zangwills Erfolge. Philadelphia, den 1. Oktober ISO■‘. Mein lieber Zangwill! Ich unterstütze von Herzen gern die Jüdische Territorial-Ürganisation. Sie, wissen, daß ich jeder Zeit über alles empört war, was nach Anti - Zionismus roch, obgleich mir der zionistische Plan, die Herrschaft über Palästina zu erlangen, unter den gegenwärtigen Verhältnissen niemals ausführbar erschien. Das Projekt der JTO mag Schwierigkeiten i n der Durchführung bieten, es ist indessen der ernsthaftesten Prüfung wohl wert. Weit davon, entfernt, dem Zionismus entgegengesetzt zu sein, ergänzt die JTO ihn vielmehr und Wird, *wenn sie in allem erfolgreich ist, bei seiner Erfüllung und endlichen Realisation ihm beistehen, die andere Hand streckt die JTO zur J. C. A. hin. und sie sollte schließlich in ihrer praktischen Seite imstande sein, mit jener konservativen und wohlnieinenden Gesellschaft in Eintracht zu wirken. Ich wünsche Ihnen und der JTO, Gott möge sich eilen! Die Wahrscheinlichkeit, daß Ihre selbstlose Ergebenheit zu der Sache der Verlanget überall die ״REVUE“, Organ der Kultusgemehidea!

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