Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- VI (1905)
- Issue
- 21 (1.11.1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jndiscbe Volkssluimb Bezugspreise: Für Österrcich-Ungar» halbjährig . . K S«.0 ganzjährig K 5־— Pcatschland ganzjährig . . . Mai* 5 — Rußland ganzjährig . Rubel 2 50 Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien. Serbien, Bulgarien u.s.w. Franks 7 — inklusive Postzusendung. v VI. Jahrgang. Brünn, 1. November 1905. - 3. Gheschvan 5666. Nummer 21. Redaktion u. Administration : Brünn, Adtedgksse Ö. Die »Jüdische Volksstimme“ erschein suu 1. und 15. eines jeden Monates. Badiiiladlerisohe Vertret««!: Ott• Nie«» Leipzig. Postsparkassa-Konto Nr, 856.040. Hertausgeber und verantwortlicher Redakt! HICKL, Brünn. — Druck KARL HABICH' 1 r MAX Ist die Krisis im Zionismns überwanden? Eine K11 tgegn 11 ng. 111 Nunnrior 18 der ,Jüdischen Volksstimme“ uulcrzielit Herr Oskar Nacht unter obigem Titel 11,1- Verhalten der Majorität auf dem Vil. Koner!'׳־־‘ gegenüber der leirilorialistischen Minderiieit einer Kritik, bespricht die Beschlüsse des Kongresses und ruft sehlieiilich mit großer Emphase aus: .Die Krisis ist nicht überwunden! 11. im wäre sie überwunden, dann wäre auch der Zionismus überwunden.“ Den Beweis, wieso die l'eberwindung einer Krisis den kranken Körper seitist vernichtet, in diesem speziellen Kalle, wie die Ueberwindung eines krankhaften .Auswuchses an der jüdischen Freiheitsidee diese selbst überwinden kann, muß uns Herr Nacht erfreulicher Weise schuldig bleiben. Ich will ihm aber nicht auf dieses tiebiet folgen, denn wie Zukunft wird uns lehren, ob diese Krisis glfirklirh überwunden ist oder nicht, teil möchte mir in wenigen Worten auszuführen versuchen, die dem durch keinerlei stürmische Kongreß- Szenen Erregten, du.'cli keinerlei persönliche I!eei11tl11ß11ngen, Sympathien und Gefühle der Abneigung Befangenen die Beschlüsse des VII. Kongresses erscheinen. Ich will mich, soweit cs die Verständlichkeit zuläßt, au die Barstething des Herrn Nacht halten. Er sagt: ,Der Grund der Krisis lag in dem immerhin verzrihlicheii Leichtsinn, mit dem man bis zum \ L Kongreß an der Frage des Territoriums v1״ beigegangen war. Palästina war unser Land der Vergangenheit, deshalb muß es auch das Land unserer Zukunft werden, das war die ganze Logik.“ Entweder hat Herr Nacht die Begründung des Baseler Programms nie gek.iimt. oder er hat sie seit dem I. Kongresse, wo sie Dr. Birnbaum in so glänzender Weise gegeben hat und wie sie seit damals wiederholt und erweitert wurde, vergessen. Birnbaum sagte: ,Die Juden brauchen ein Land! . . . Der Zionismus gebt aber weiter, er verlangt gerade Palästina. Darum müssen wir auch noch diese Forderung begründen.“ Die Begründung selbst ist im Protokoll des 1. Zionisten-Kon- FEUILLETON. ״Rabbi Esra.“ Von Max א ach er, Wien. Wenn irgend einer vom literarischen Parnaß ein Sonderling und Original ist, so ist es Frank M c d e k i n d. dessen Ziel es ist, den modernen X.-rveii die Verzückung mystischer Vibrationen zu verschalten, und der auch in seinem jüngsten Meike ,Feuerwerk“ (Verlag Albert Langen, München 1908) die Theorie verlieht, daß die aus dein Salon zurückgewiesenen, die Halb- und Zweidrittelwelts. Damen horizontalen Kalibers, ethisch höher stehen, als die ehrbaren Haustöchter mit pensionatlicher Vergangenheit. Nun darüber ließe sich ja rechten? Warum ich dies erzähle? wird mancher erstaunt fragen, "as hat dieser Akrobat in der Literatur, von dessen grotesker Komikseine Dramen ,80 ist das Leben...“ — das ich übrigens für eines der feinsten und geistvollsten Komödien der modernen Abendkunst halle— ,Die Büchse der Pandora“ (die uns Karl Kraus vermit- *e^e) ein glänzendes Zeugnis geben, was hat der in den Spalten einer jüdischen Zeitung zu tim? Wedekind hat unter seinen gesammelten Skizzen auch ,Rabbi Esra“, einen feinpointierten Monolog aufgenommen. Eigentlich ist die Skizze eine Rede, die gresses 8. 9 t IT. zu lesen. Neben dieser off izielten Äußerung einer andern Logik, »Is sie Herr Nacht in der Forderung um Palästina findet, könnte man in den sechs Kongreßprotokollen noch eine Unzahl von Belegstellen finden, die beweisen, daß ftran nicht ,achtlos an der frage des Territoriums vorbeigegangen war.“ (\ide Bubers Referat am V. Kongreß.) Weiter sagt Herr Nacht, der VI. Kongreß »beging die folgenschwere Unvorsichtigkeit, zu Leitern der Bewegung fast ausschließlich Männer zu berufen, die der damaligen Opposition angehörten.“ Das wird wohl niemand, auch Herr Nacht nicht, glauben, es. sei eine ,Unvorsichtigkeit“ gewesen, daß gerade die oppositionellsten Männer in die Leitung berufen wurden. Jeder, der den VI. Kongreß verfolgt hat, auch Herr Nacht wahrscheinlich, wird wissen, daß es wohl begründete Absicht war. Der Kongreß, der unter dem Hochdrücke von Dr. Herzls Persönlichkeit den Beschluß gefaßt hatte, eine Expedition nach Uganda zu entsenden, besann sifch sofort und verweigerte dem A.-K. zu einer solchen die Mittel und־ wählte in die zukünftige Leitung Männer der oppositionellen Minderheit. Damit war ganz klar, daß die Majorität des Kongresses auf Seite der ,Neinsager“ wari und nur infolge gewisser äußerer Einflüsse ,Ja“ gesagt hatte. Die ,Jasager“ waren eine Zufailsmajorität, aber keineswegs in ihrer Mehrheit prinzipielle Anhänger des territoriulistischen Gedankens. Herr Nacht bespricht dann die Gruppen auf dem VH. Kongreß, ,von denen jede das Baseler Programm in ihrem besondere Sinne auslegte“. Vor allem : was ist Auslegung? Doch wohl die Klärung des Sinnes eines in Worten unklaren Satzes. Das Basler Programm ist der strittige Satz. Die Zionisten sagen nun: Wir wollen (auf Grund unseres Programmes) die Schäftung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Wo ist da eine Auslegung? Die Territorialisten sagen: Wir wollen die. Schaffung einer öffentlieh rechtlich gesicherten Heimstätte irgendwo in der Weit. liier ist ebensowenig eine Aus- ,Rabbi Esra“ seinem Sohne Moses, der ,studiert hat das römische Recht und das christliche Rectit“ hält, und der im Begriffe ist. sich mit zwanzig Jahren zu verloben, obwohl er erst mit 25 Jaliren 1 Heiraten will. Wohl bäumt sich Moses anfangs!gegen den Widerstand seines Vaters auf der mit ,Kabbalistischer Flammenschrift“ im Indern des vor ihm sitzenden Sohnes zu lesen, versucht. Aber der Alte Rabbi Esra läßt nicht locker und erzählt ihm, damit er nicht ,rappelköpfig“ werde, seine eigene Liebestragödie. Vorerst die Ansichten von Moses Großvater der Zum Jungen Rabbi Esra sagte, daß nur eine reiche Frau was nutz sei. ,Laß dir sagen von deinem Vater, daß die Frau ist vergänglich. Aber so ein blanker Taler Esra, der kann sich halten durch Generationen!“ Und nun erzählt der Rabbi, wie in [ihm die Sinnlichkeit erwacht ist, er sie aber unterdrückt hat, -und den Weisungen seines Vateijs gemäß die reiche Lea Hesekiel genommen, obwohl sie war ,wie ein Schatten auf einer Fensterscheibe, man ׳hätte sie können nehmen als Lampenschirm“, aber er konnte nicht glücklich werden mit Lea, obwohl er sie liebte, denn sie hatte keine Gedanken, ebenso wenig, ,wie ich kann reden mit meinem Kleiderstock‘. Nach zwei Jahren starb sie, und Esra fühlte erst jetzt sein Elend. Und er ging hin zu den ,Töchtern der Wüste“ um seinen Jammer zu erwürgen. Dort bei Christen- und Judenmädchen hat er seinen legung des Baseler Programms zu firn d 11׳. us ist eia neues Programm. Für uns Zionisten sind eben: j|ütis Volk.; öffentlich-rechtlich gesicherte Hqii ustätl ■ und Palästina essentielle Bestandteile ,11 cs Lidgriffe־(: Zionismus. Jüdisches Volk, Hein Stätte. Palästina sind für uns untrennbar, sin I Begriff. Für die Territorialisten ist ץ: lästiua nur ejine Akzidenz. Mit ■demselben Real! [e. mit dem die Territorialisten Palästina als Seht nsacbö im Zionismus ansehen. könnte ein : nderer kommen und die Heimstätte als Akzidc nz des Begriffes Zionismus erklären und stach Aesson zur Besserung der Jtidenlage irgend < in der Alliance isr. ähnliches Programm äufst^l en und behaupten, es wäre Zionismus und -et ließlich ein Dritter ,jüdisches Volk“ als Akzi i •nz erklären und die Gründung einer Heim: t ittp tür die Neger als Zionismus propagieren, c!1 führe dies alles nicht deshalb aus, um 17 i irgend einechi schlechten Scherz die Territ ג ialistnn ad absurdum führen zu wollen, ich n eine es emstj und bin überzeugt, daß jeder, ier das allianceähnliche Programm oder den י?danken der Negerkolonisation aufstellen würd:•. denselben Erfolg mit Leichtigkeit erringen dessen sich die Territorialisten rühmpi weit größeren Teil des Judentums könnte, einen Wonnen zu haben, als der Zionismus. Es ist -< Ibstverstündlich. Für ein philanthropisches Werk —- Zangwill seiht nennt es eine ,Tat dei reinsten Menschenliebe * — sind die Juden I ■11er zu haben, als für die gewaltige Idee der Befreiung ihres Volkes. Das alles ist und war den 1 ionisten . bekannt und selbst Zangwill hat vor ni rl 1t langer Zeit; als er die Worte sprach: ,G<Jet das Land ohne Volk dem Volke ohne Land“ sehr gut gewußt, warum er den Englände 11־ nicht zurief: ,Gebet dem Volke ohne Land |e i 11 Land ohne Volk. “ Nicht wir sind an der F age des Territoriums achtlos vorbeigegangen, Uir haben alles, was mit der programmatischen 1' armulierung unserer Wünsche zusammenhäri rt. wobt erwogen, sondern die andern haben In Verlaut von acht Jahren oder auch in kürte! rer Zeit vergessen, daß es nicht Aufgabe und nicht das Sinnen ungebändigten Lauf gelassen und je mehr sie diesen behagt hat, ,dest > weniger habe ich gespürt von Sünde, desto : rereehter ist mir zumut, desto näher habe ich mich gefühlt dem Allmächtigen“. Und weiter fahrt Babbi Esra fort: ,Moses, und wenn du mir bötest eine halbe Million, ich möclitt sie nicht nelgnen um diese Erkenntnis.“ Und ג lf Grund dieser Erkenntnis, verachtete er das Geld des Weibes ging, hin und suchte siehff?in \ eib nach all seinen Sinnen, Sarah die Tochter Mo rdechgis, ,herrlich anzuschauen, wie die neu!ז schaffene Erde“. Diese Sarah wurde die Mutl r'Moses, der studiert bat das römische und-! I! s Christliehe Recht. ,Und in der Hochzeits 1 icht, ־ so endet der Rabbi Esra seine befreien!! Beichte, indem er sich den Schweiß von der'Stirne trocknet, ,Moses, mein Sohn, in «׳ r Nacht, der du verdankst dein Leben, da hgjt e ich erkaünt, daß ihr Leib war der Zwilling'z 1 meinem Leib,“ Schwer atmet Esra. als er gekniet; doch sein Sohn sprach kein Wort, sondere schlich sich gesenkten Hauptes von dannen.. Es ist nicht zu leugnen, in i?1־ Skizze steckt eine ganze Skala von menschlic 1 t Liebes- Psychologie und gerade die seltsame ' S nkleidung der eingangs erwähnten Theorie י e rleiht der Skizze einen neuen, eigenartigen, reizvollen Charakter: sie zeigt die allgenwärt;g;n Allzu• Menschlichkeit. ־X7־er ־breitet cLerr ,.TnädiscHea TTollcslraierrcler“ ׳,