Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- VI (1905)
- Issue
- 19 (1.10.1905)
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 *Jüdische Volksstimme. Stotl zu klagen. Ilat man U(־l«*rtluß an Mitteln. I>t*2nü2t man -ich nicht mit dem Alltatrlicheu. Man «lurch/icht ׳Hie \vette.sten um! seltensten Lund.-triche. durchfurcht die entferntesten Meere, man ladt Genus*•• im hohen Norden, wirft sieh in den Taumel de» hitzigen Südens, man sehreckt auch nicht vor den dunkeln /auhermarchen de- Orients. Ist man mm f^heivfitUgt von den seltensten lieiuiss.-n mal martert man^vergebens da- Hirn. Nein•־•'zu finden und 7.11 ertmden und 1t di»׳ Schatzkammer der Freuden und des I!oldes zur N׳ ige. hat man das Leben .aus- 2l‘l't. dann — folet di׳• Verzweiflung, die ewige Nacht, kein Lichtstrahl des Glückes fallt auf si׳'. War der Genußmensch, der Freudekünstle,- glücklich? Dieses Bitd wird kaum jeni.nal «•in v׳-rs< hämtes Ja entlocken. Haben .di•* Menschen mir Verstand, aber nicht das Verständnis; ihn zu gebrauchen, um glücklich zu -ein., dann fehjt ihnen das Glück, denn um , g 1 nckIi ׳׳ h zu s׳»in. muß man verständ 1 2 sein. Kin Verständnis glücklich zu sein hat «ler' M»*Us*־h dann erlangt, wenn er den Zweck des W.-Ns, ,.liehen Lebens keimt und weiß: Glücklichj I. li- Ii heißt, das Menschliche im L. heil erkennen! lind l'etatig׳ n. Ks ist aber ein völliges Miß- \ ••r-tfünhii-. ein Verkennen des menschlichen.; 1.. >״-lls/w.. k׳-s. uvnn man seinen Verstand | .־ nur dazu benutzt, tun sein Ich zu fliegen, sein ] > lh-t zum Mittelpunkt der Welt machen zu ן w r.-u. als war»• :,lies nur •da um dem eigenen! Ich zu •heuen. Sich ab-ondern. sich heraus-! •־neben wollen ans der Menge.-ich vereinsamen, i I si'li d־׳r* tie-aintheit geg,-nüherst׳-llen ist das! K־‘de des menschliche,, Glückes. Wer es Ver- >!.-ht. sich alseinen Teil de- Ganzen zu fühlen. \1״m Ganzen und für- Ganze zu schaden, mit uudeni sich ׳•ins .zu \vi--.־n. versteht das liehen und i-t glü« klh-li. Glücklich kann daher ♦־in M1:־־-«h -♦•in. wenn er Leid und, Schmerz. Kummer und Trauer mü andern mitleidet, wenn dat'uulück and«-rer teilt und wenn ׳ - ander«• mit ihm teilen. Die be-te S'^iul♦• hi'für war dem Juden >*׳•(* da- Hau- und die Familie und diese wieder im Sahbat- 11ml Festgewnmle. Wie viel F'S.-l liehe* und Inniges, wie viel Seelenglück u־.vd H«T7.ens4־üvk* U*hte da still und unbewußt, ehedem an *•iti'^u lio-eh-Iia-chono Abend. In;0er dunklen Ahnung, was ׳•in neues Jahr bringen konnte. Wünschte, betet•* man so innig, fühlte r an mit jedem, wollte man jedem vom Herzen g.-nie zum Guten, zum Glück und S'-gen helfen t.-־d all׳ - Bö*׳• ahwehren. Da feierte'die Liehe i!:,e höchsten Triumphe vom Herzen zum Her- /••!ן. Das■ waren keim- Sylvesterabende mit r.:uunpa2nerkMallen und frischen DäiiscUen. Da gab ee.-hte. wahrhalte Seeleiiftvmh•. Tempi •seufzt man. netrarhtet man die mo ׳lernen kühlen Neujahr*ab11׳de. l’ns׳*rc jöd i *ch en Hä n -׳• r und Fami 1 ien. besonders unsere gebildeten und aufgeklarten, haben vielleicht Verstand, aber kein Verständnis für jüd ische Fest e. und n 11sre j üd isch en Feste finden keine jüdischen Häuser; Das ist das Ergebnis der halbhundertjahrigen KeformarbeiL das ist der Segen, den uns die Aufgeklärten nach fünfzigjähriger Tätigkeit] gebracht.-Hätten die jüdischen Gemeinden \erständnis dafür, könnten wir noch gifte dich werden und glücklich sein! Glücklich sein kann man nur in und mit seinem Hause und seiner Familie, und glücklich ist man nur. wenn man wie jene Sunemiterin sagen darf: ״Ich wohne in meinen Volke, ich lebe mit meinen Volke“, t'nsere Alten, die ganz im Familienleben aufgingen, hatten noch nicht d**n Begriff!vorn volfclichen oder nationalen Leben mul wjaren doch national in des Wortes vollster! und edelster Bedeutung. Ihnen war das Volk (loch nur die größere jüdische Familie, der > alle J11d$n angehörten. Daß ein Jude, der nicld ein MesMmmad. ein Ueherlunfer war. ein andersnationaler als ein Jude sein kann, das konnte einen jüdischen Verstand —und ein echter Jade hat ja auch Verstand — gar nicht einleuchten. Kann ein Jude ein Goj sein? hätte siel, «1er Babbi Jizchak gefragt und hätte sich geantwortet: Lin Goj ist doch k־׳in Jude. Lin Jade gehört also «lern jüdischen Volke an., und weint wir auch durch unsere eigene Schuld und unsere Sünden m allen Weltteilen zerstreut leben, so sind und bleiben wir «loch ein Volk. .W erist wie d ei u Vol k Israel ein einziges Volk?!“ so beten wir doch jeden Sabbat, hätte ich fast gesagt, soll aber heißen: stellt im Sidur.5 So war der Ge«la!!k»*ngang un>»*rf־r Alten. Unsere Jungen hatten aber ganz andere Gedanken. Sie meinten, man könne Jude .-ein und auch einer Nationalität, welche sie immer sei. angehören. Lin halbes Jahrhundert ist es, seitdem die gewaltige Propagumtu aller (J)rten in Szene ' gesetzt wurde, «laß <li«* Jaden! sich! den Völkern, unter denen sie leben, vollemls anschließen, sich nur als eine Konfession erklären und die Nationalität ihrer t'mgobiiiig annehmen. Vomder Konfession hatte die Besonn nicht viel übrig gelassen, die Nationalität sollte der Jude freiwillig ansgeben, was war noch Vom Jaden Jude geblieben? j Die ersten Apostel der Assimilation mögen viellbiclif im guten Glauben gebandelt hjiben, glaubten vielleicht das richtige Verständnis zu halten, die Wohlfahrt «h*r Juden zu föiidem. wenn sie mit allen Mitteln «lahinwirkenj daß sich die Juden vollständig mit ihrer Umgebung assimilieren. Sie erwarteten davon die I vollkommene bürgerliche und soziale Gleichstellung der Juden, «las Verschwinden des Judenhasses und das Ende der tausendjährigen Judenfrage. Das Ende des neunzehnten Jahrhunderts zeigt aber jedem klar, daß die AssimilatUmsfiührer kein richtiges Verständnis für die Bedürfnisse Nr. 19 ihres Volkes hatten und noch weniger die richtigen Mittel liiefür anwandten. Denn die gelungenste Assimilation hat den Antisemitismus und seine ungeahnte׳ Ausbreitung nicht verhindert. Nun sollte man denken, die Erfahrung mußte unsere .Stimmführer in den Gemeinden verständig machen, daß sie endlich einsehen. die Assimilation1 war ein Irrweg, den gerade die Gebildeten, die Fortschrittsmänner, die Tonangeber unseres Volkes, die große Masse führten und hat־ sich überlebt, überlebt, weil sie die Erwartung nicht rechtfertigte und niemals rechtfertigen wird, und überlebt, weil der Nation a 1 i s m u s die herrschende Strömung, der jetzige Zeitgeist ist. Wenn also noch heute eine sogenannte Fortschrittspartei in den jüdischen Gemeinden die unglaublichsten Anstrengungen macht, um den Juden die Assimilation anfznzwingen. so muß man sie als Rückschrittler. als bedauerliche Rückständige nicht allein mit Achselzucken bemitleiden, sondern kräftigst ahwehren. Die Assimilationsideen, die dem Judentume, der Judenlieit die schwersten VV muten geschlagen haben, die dürfen sich heute nicht mehr als die alleinseligmachenden Retter der jüdischen Gesellschaft auf blähen, sie gehören der Vergangenheit an und die jüdische Geschichte wird ihnen kein ruhmreiches Blatt widmen. Wer noch heute auch nur im guten Glauben lebt, daß die Juden als Juden jemals eine soziale Gleichberechtigung in der nichtjüdischen Gesellschaft durch die Assimilation erlangen werden, glaubt eine viel lächerlichere U t «> p i e, als er den Zionismus' nennt. Der einzig verständige Gedanke, der Judenlum und Judenlieit retten kann, ist der nati«vnale. Der nationale Jude ist der moderne Jude, der sich «len Zeitgeist mit Verständnis zu eigen gemacht und ist demgemäß der Vertreter des wirklichen Fortschrittes innerhalb der .1,1 den 11 eit. Nur der nalionale Jude, wenn er auch vorderhand gar nicht nach Zion geht, gar nicht an Zion denkt, wird sich die Achtung und Anerkennung aller andern Nationalitäten, denen er gar nicht feitidl'ch gegenüber treten muß. mit denen er sich ganz gut befreunden, ja sogar koallieren kann, erwerben, wird ihnen ebenbürtig auftreten und statt zum Prügelknaben zum Friedensvermittler der Nationalitäten dienen. Vor allem Zionismus müssen wir Juden* national werden. — Jüdischnational sein.‘— das wird sich bald zeigen — heißt jüdisch verständig sein. Fangen wir nur an jüdisch verständig zu sein, machen wir unsere Jugend verständig, dann kommen die Alten bald nach. Dann werden die Kultusgemeinden auch bald genug verständig werden einzusehen, daß es für das Wohl־ und das Ge «leihen der jüdischen Gesamtheit noch höhere Aufgaben gibt als Scheinjudentum und Entjudung. Hat der Verstand des jüdischen Volkes oder dessen Führerschaft als seinen größten -׳.1, M׳׳!n >-׳hu 11:1hm Frauen aus aller Herren Länder. ׳!> km ׳-r da« Id׳-, die Völker zu vereinen und seinem G-cv znzuiühren. Aber G«»tt ist, imübertragbar. «len ׳•ח;■* -l׳-d׳-r linden im Tiefsten seines Herzens, auf! ihn be*itz<-.* | .Ach. Majestät.“ wandte ich ein. .das Wider-!•.ז.!׳!־ den 112״«nen. Das könnte limeu bei uns ■ ■■!:!־•-. ־haden.“ I>־׳r König .t'-lit•־!.• mein••* Einwurfs nicht und 1c i f«>:*: .Ind wieder leuchtete ein Stern auf in'!. :;. :1ejn iihe!• einem S.dme jn«*ine> Stammes.' Das Amt van der Liehe zog durch die Lande und .1•■-•- Meer und weil hinanhis an die Grenze K- L״!-׳-ll>. D.-r l«11f ertönte aus Jefusahhn und w :derhaflt«• v.»n den vier Enden der Welt: .Friede d־׳n MeiiM-lie״. die . in, < Gottes >ind. K •id.-l «•me* Vaters!“ Eine -ruße!'aus,- trat *♦in. IMr König seufzte tief auf. v dann?.praeh er n.d u.preßler Stimme: Au* Bellehe,n zog die Sehin-nobt, Himmel 1;nd Erde zn v-nnähhn -- ( bt-rmensehliclies wurde M-.׳ii1t und 1' innen schliche* kam oft.;ms Licht.“ 'Da> war ein gutes Stichwort für mich, ׳•ine Anknüpfung, um audem M«-t.1pl1y-i*ehen in die >phä!v d.- Tag׳ - zu kommen. .Jawohl. Majestät.* *timmle h l, «in.;und wie de׳ Kind!•: Ihi•׳- > behandelt werden! Di«• S'r.ißen JeiM-aleiu> -p,efln•,! davon. Anne, krank«• Jude!- an* M.uokk«־■:.!,«•herhafte Kinder Israels rtns l'er-ien. halbveilmn2׳rt«• S.'ihh«• Davi«B au* Arabien. .׳׳:* Rußland. .10* Bolen. ׳,!,«• recht•• Mnslerkarle Lteiul*. d.« auf cn nett«•- Waarenlagcr von Jammer in den Ländern schließen läßt aus denen s><• kommen.“ «Sie .haben die rein׳• Idee.“ unterbrach er. .Beine Kleider wären ihnen besser.“ witzelte ich. Der König blickte finster. Ich suchte den üblen Eindruck 711 verwischen. ״ .Majestät, verzeihen*, aber wir leben im: Jahrhundert «ler wirtschaftlichen Weltanschauung! nicht die Ideen regieren mehr, sondern das Geld. *־ Der König hörte mich gar nicht mehr, er tiob d.. Als ich nun zu sprechen begann, drang die Morgensonne strahlend durch, die Luft klärte sich und man sah deutlich die Städte auf der ganzen Erde, und darinnen die einzelnen Bauten. Die Sonn** wurde immer strahlender, der Blick tiefer, daß er in die Häuser drang. - Dort drüben im Vatikan zu Rom saß ein ehrwürdiger Greis mit einem Buche in der Ha^id: um ihn viele Herren in farbigen Talaren. Von dort aus zogen sich Bänder in alle Städte Europas und über alle Meere. Sie lie Arme empor und ich fühlte, wi«• wir in diej einten viele Millionen Menschen und alle hatten sie Höh«* strebt«•»* Der scharfe Luftzug nahm mir die Worte aus dem Munde, daß sie ungeliört verhallten. Es ging erbarmungslos immer höher und höher. Gingst schon sahen wir die Berge von Judäa wie kleine Maulwurfshügel, diu Gletscher des Libanon wie weiße Schaf•• unter uns. Im Osten leuchteten di«• erstarrenden Spitzen des Himulaya, im Süden glänzt׳» «ler Nil wie ein zartes Band, es hoben siel, schroff«■ Gipfel aus den Urwäldern ,Afrikas und ebneten sich wieder unter unseren Bücken. Im Westen ist ein breites Meer, dann ein langer Luidstreifen: Amerika. Im Nordwesten die kleine, vielgezackte Fläche: das war Europa. Und mitten drin ein kleiner winzigerFleok. ein dunkler f*unkt: «las mußte meine Heimat sein. — Di♦• Bewegung hörte auf: wir stunden fest. Der König sprach: .Zeig«• mir Deine Heimat.“ .Herr, man sieht so wenig davon und sie ist so winzig von hier oben,• entgegnete ich. I ,tml 111111 erzähl׳*.“ forderte ־ er mi(h auf. .Sprich von Deinem Leid, von «lein Deiner Nächsten in der Heimat.‘ •*״* ein Buch zur Hand. - Und von Zion zog eine Linie weit über die Lande in abenteuerlichem Gewirre und darinnen Männer mit Riemen um das HuupL einen hellen Mantel um die Schultern, und sic hielten ein Buch in Händen. Und dann hoben sich viele kleine Gruppen von Männern und Frauen, und sie hielten alle «•in Buch. Von Europa bis Asien, his nach Afrika und über Amerika hinaus. — Von Mekka schwebte eine Wolke hernieder auf Jerusalem, sie zerteilte sich im ganzen Morgenlande und bis gegen Süden im schwarzen Weltteil, und in den Nebeln saßen Männer, deren Haupt von einem Turban umwunden war. und sie hielten ein Buch. Und das Sonnenlicht klärte die Luft und ward immer heller. Die Nebel wichen.*Und auf all den Büchern glänzte es in goldenen Lettern: .Die Psalmen Davids!“ Das Licht strahlte und glühte, bis daß es in die Tiefe drang. Die Erde öffnet'sich, aus dem Düster stiegen die Toten, eine ganze Generation — das Licht drang weiter, die Eide, gab die Toten heraus: eine zweite Generation. Und in immer weiteren Tiefen hellte die Sonne das heimliche Düster, ׳laß Verlanget überall die ״REVUE“, Organ der Kultusgeiüeinden!