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Jüdische Volksstimme · 1905-09-15 · 18 (15.9.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
VI (1905)
Issue
18 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Jüdische Volksstimme. worden, das macht den Ausschließungsakt 7.u hinein um so mehr verbrecherischen. Denn nachdem die kämpfende Minorität den Kongreß bereits verlassen, erhob sich im nunmehr ,gereinigten“ Kongresse eine Gruppe, die erklärte;mf dem Hoden des Baseler Programms,“ werde sie auch fernerhin auch nicht-palästinensische Territorien als die Verwirklichung des Zionismus vollziehen betrachten. Was nun? Wie soll man dieser neuen Opposition sich erwehren? mußte die ,siegende“ Majorität sich an den Kopf fassend fragen. Unsere ganze Ausrottungsarbeit war umsonst! pic Krankheit, die wir vertilgt geglaubt, greift von Neuem um sich! Die ,Arbeit* des MI. Kongresses war also null und jene Blutungen vergebens und ohne das gewollte Resultat? Nur sind die Herren jener Gruppe, die aus Deutschen Zionisten besteht, doch zu große Optimisten. Sie haben auch nur deutsch-ziouistische und nicht russisch-zionistische Verliältnisse im Auge. In Deutschland wird mit Freuden ein Schekel verabreicht, wer nur;■inen solchen verlangt. Nicht so in Rußland. Und dort liegt doch die Entscheidung. Sind dort schon bis jetzt die Nicht-Palästinenser als Stiefkinder der Partei behandelt und ihnen an vielen Orten der Schekel, der zur Wahl eines Delegierten berechtigt, verweigerl worden, so würde das nach dem VII. Kongresse und nach den vollzogenen neuen Wahlen zur Leitung der Bewegung in noch weit verschärfterem Maße der Fall sein. Die Territorialisten der verscliiedenen Schattierungen wären somit unter dein von der Majorität für sie geschaffenen Ausnahmegesetze weiterhin verdammt, die Stiefkiud-Stellung einzunehmen, die sie auf dem letzten Kongresse innehatten, und. wollten sie sich nur einigermaßen zur Geltung bringen, so müßten auf einem neuen Kongresse sich die gleichen Vorgänge abspielen, wie auf dem hinter uns liegenden. Denn wem mit Gewalt begegnet wird, dem ist es nicht möglich sich auf andere Weise zu wehren. Das und nichts anderes zwang die Territorialisten sich unter Führung Zangwills zu einer neuen Organisation zusammenzuschließen. Zangwill schloß sich ihr an, nicht, weil er den palästinensischen Jünglingen, die ihn aut dem Kongresse ungebührlich behandelten, schmollte (wie ein Herr in einem in der ,Welt“ ahgt— druckten offenen Briefe an Zangwill in höchst lächerlicher Weise glauben machen will), sondern weil er der Ueberzeugung war. daß er und seine Gesinnungsgenossen vom Kongresse entrechtet worden waren, weil die Moral in der Bewegung durch die angenommene Resolution zerstört worden war. Denn sieht man sich sie genau an, so haben danach nur noch sehr wenige Zionisten, auch nur ein sehr geringer Teil der Zione-Zionisten (nämlich nur die poli tischen Zionisten unter ihnen), ein volles Recht in der Organisation zu bleiben. Alle übrigen, d. h. die weitaus größte Mehrzahl, kann jetzt nur auf Schleichwegen auf dem ,Boden des Baseler Programmes“ in die Organisation hineingelangen. Dieser unwürdige Zustand könnt] von aufrichtigen Zionisten nicht ohne W ״iteres akzeptiert werden. Dies allein ist der Se te 3 Ent- Her Schreiber erhob sich aus seiner gebeugten Stellung. .Seraja. wie heißt es weiter?“ Seraja rezitierte: ,— wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Nachtwache.“ Mit Verlaub, mein königlicher Herr. Psalm neunzig, Vers vier war es . . . Erinnern sich Majestät an Vers zehn desselben Stückes: der dann durchs g-nize Land schwebte wie eine Möve und wieder zurückkam wie eine Taube, die in ihr Nest!liegt? -Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn cs huch kommt, so sind es achtzig und wenn es kusllich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. ־ ,Als ich das zum ersten Male unten im Tale Josaphat vorgelesen hatte, da kamen die Leute und küßten das Pergament — besonders die alten Männer waren außer sich, sic wollten alle ־ den Psalm geschrieben haben. - Zwei Sehekel Gold bekam ich fürs Stück und jedes vollendete Blatt wurde von anderen Schreibern abgeschrieben und jenes wieder von weiteren — das ganze Land war voll des Liedes. Ach, welche Zeit! Damals, wo die Hirten zu Berge zogen mit Deinen Hymnen, 0 Herr und König!“ ,Das Meer sali und floh, der Jordan wandte *1.1'1י zurück, die Berge hüpften wie die Lämmer, *he Hügel wie die jungen Schafe.“ 6-1,1-tz stehungsgrund der ,Jüdisch-territorialist isclien Organisation“, deren Angehörige in ihrer Mehrzahl durchaus nicht gewillt sind in der alten Organisation das Feld zu räumen. Der Zio! lismus drohte verwässert und inhaltslos gemariit zu werden, weil jenen majoritätssüchtigen S iegern Genossen ohne jede zionistische Gesinnur g weit liebere und nützliche Brüder wurden, als »olche, die innerhalb des Zionismus mutig einen Standpunkt vertraten, die kein Patent von Gl arkow und Freiburg vorzuweisen hatten. Das Bi ckgrat wurde etwas Überflüssiges, die neue Organisation wird es ihm wiedergeben, der n mit ihrem erweiterten Programme ist sie w« it eher imstande ein größeres jüdisches Volk un sich zu vereinen. Die Entrechteten des Ml. Kongresses werden, unterstützt durch die leb« ndigen Kräfte des \ olkes. wieder erscheinen un« in der alten Organisation ihr Hecht fordern. Daß dies nicht in allem Frieden \v rd vor sich gehen können, ist nach den geg ebenen Umständen selbstverständlich. Die Verschwörung von Charkow lat die Krisis hervorgerufen, die Verschwörung In Freihurg hat sie versehtrfl. der Kongreß!hat .-ie durch «las verbrecherische Attentat aiif einen Teil der Partei bis zum höchsten gesteigert.' Die Erklärung dek Herrn Wolfsohn hat daher verzweifelte Ähnlichkeit mit demjenigen jenes französischen Ministerpräsidenten, welcher verkündete: .Es gibt keine ,Dreifuß-Aflaire־ mehr“. Aber die Dreifuß-Krisis war durch jene Erklärung nichts weniger als heschworeii; auch die Krisis im Zionismus ist durch einige feierlieh gesprochene Worte noch nicht überwunden. Nein! Die Lage ist kritischer, denn je! Denn jetzt muß noch die Sünde des ML Kongrosses gebüßt und gesühnt werden. Die Krisis ist nicht überwunden! Denn wäre sie überwunden, so wäre auch der Zionismus überwunden. Die jüdiscli-territorialische Organisation. Von Israel Zangwill; Das tragische Problem der ruhelosen Wandening der Juden verlangt von Tag izu Tage dringender nach einer definitiven Lösung. 111 «ler Rede lies Herrn Dr. Adler, des Oherrahiners des britischen Reiches, besieht der springende Punkt in der Frage nach dem ,Wohin“. ־ I Hunderttauseiule von Juden wandern Jahr für Jahr aus «1111־ Ländern aus. in denen sie der Armut und der Unterdrückung schutzlos preisgegeben sind. Teils sind sie auf der Suche nach bessern Lebeiisbedingungen. teils wollen sie auch dem sichern Tode entrinnen] der sie entweder durch den Hunger oder auch durch blutige Massakres daliiuraflt. Die Leiden nml Entbehrungen, weiche mit einer solchen Aus- Wanderung nach unbekannten und ungastlichen Ländern verknüpft sind, die Anstrengungen und Schrecken einer vielleicht monatelangen Reise, auf welcher die Emigranten aiif Schritt und Tritt von gewissenlosen Ausbeutern und skrupellosen Schergen bedroht sind, bilden eine so ungeheure Summe von menschlichen Elend, daß es als eine Tat der reinsten Mens chonliebe aufzufassen sein würde, zu seiner jh seitignng beizutragen, oder es doch wenigsten - so viel als möglich zu lindern. Der Hauptausgangspunkt dieser E nigvation liegt in dem russischen Ansiedelung:-?: von, was unschwer zu erklären ist. wenn mar die tatsächlichen Verhältnisse, wie sie bis auf den heutigen Tag dort noch bestellen, ins .luge laßt. 111 den in Rede stellenden Gebiet: 11־ hat die Uebervölkcrung zur Zeit einen derart! gen Grad erreicht, daß das Land an der äußerst :11 Grenze seines Fassungsvermögens angelangt ist, wenigstens in seinem augenblicklichen Kulturzustände. Leicht liegreiilich ist es datier, daß der natürliche jährliche Zuwachs der Betölkerung ein starkes Bedürfnis nach der Erschließung neuer ökonomischer Hilfsmittel hervorruft. Der einfachste und natürlichste Weg. dieses Bedürfnis zu befriedigen, wäre zunächst in einer Ausbreitung 11er aufgestauten .jüdischen Massen in Rußland selbst zu suchen. Jedoch diese Möglichkeit, die die ei nfaehsfe Lösung der brennenden Frage bildet würde, ist für das russische Ansiedelungsgebii t durch prohibitive Polizeimaßregel kurzerlian« abgeschnitten; daher muß sich «ier Strom ler Aus- Wanderer notwendigerweise neue Weg : bahnen und zwar außerhalb der Grenzen des n ssischen Reiches. Diese Bewegung, die sich unter r ormalen Verhältnissen mit einer gewissen, mar könnte fast sagen gesetzmäßigen Regelmäßig! eit vollzieht, durchbricht dagegen alle Schranke 1, wenn, wie es ja heute durch den russisch-jap mischen Krieg verursacht, der Fall ist, das gar ze Land sich in revolutionären Zuckungen wirr, let. Mit einer ungeahnten Heftigkeit ergießt sich der Strom der russischen Auswanderer he ite über die außerrussischen Gebiete :•in mach: iger Flut alles mit sieh fortreißend, überflutet and verschlingt er die bestehenden philanthropischen und sanitären Institutionen. 'Die Hauptwucht dieses gewaltige 1 Stoßes trifft zunächst England, gleitet hier ab und wendet sich nun nach den Vereinigte! 1 Staaten von Nordamerika: aber auch Kanada. Argentinien, Südafrika usw.. »sw. erhalten ihr Teil, auch ihnen fließt ein Teil des jüdiscien Auswandererstromes zu. In allen diesen i ufluchts- Zentren, wenn man sich so ausdrüoten darf, zeigen die Emigranten meist eine ausge: procliene Neigung, sieh in der Nähe ihrer sfchon vor Urnen im Lande ansäßigen Freunde und Verwandten seßhaft zu machen. Sie bilden auf diese Weise große Ghettos, indem sie Hie schon an und für sich stark übervölkerten und datier ungesunden Städte noch weiter vergrößern!reifen. I Auch einem weiteren und noch! größeren Uebel leistet diese Bewegung Vorschub: denn die Angßsiemng. Amerikanisierung o« er irgend ein anderer lokaler Assimilationsprozeß, welchem erfahrungsgemäß die Neueingewand: •rteiJ nur allzuschnell zu verfallen pflegen, bängt].eine tiefe moralische Erschütterung he •vor] die Bande der Familie, bisher eine heilige Tradition, werden unwiderruflich zerrissen, die nächsten Blutsverwandten werden getrennt. Eltern und Kinder für immer auseinandergerissen, luuge Leute, bisher an engste Abhängigkei gewöhnt, werden auf einmal völlig auf eigene Füße gestellt, wodurch die Moral von unzäh] igen unter ihnen völlig untergralien wird, ein P vzeßt noch begünstigt durch die Verwirrung, velclie die fremde Atmosphäre, die gänzlich 1 euenl Verliältnisse in «len Gemütern hervorrult. J Aber noch schwerwiegender und für die Zukunft verhängnisvoller gestaltet : ich dieser geistige Verfall, wenn die Aus wand« rer in Familien oder auch in kleinen Gruppe in irgend eine abgelegene iändlic >e Finüile verschlaget! werden, die sie seihst als \ erba(mung völlig emplinden und wo sie sich fühlen von Stamme Israel. Aber auch vom tinanzielen Standpunkt aus betrachtet, bietet diese Art Wanderung keine Vorteile: sie igroßen ökonomischen Verlusten verl nüpf . weil Punkt vergibt, läutig krlieit auch Frage ie nicht schrittweise systematisch zu!*linkt, von Station zu Slatioi solidem suchend, unsicher tastend ganz sprungweise, wodurch sowohl ,vereinigt. losgeiris: der mit sondern um rotes Gold, mit dem mari doch, wenn es zweckmäßig und ziclbewuß ang ־wandt würde, so unendlich viel Segen Stift]־,! brennende Not stillen könnte. Auch in England kann man diese gleiche Erscheinung beobachten, wenn si] I1i]r auch Verlanget in Gast- und Kaffeehäusern die ״Jüdische Volksstimme“. Auslir J-> die an und für sich sehr erschwert wir 1. al die erreichte» Resultate oft wiedv Tn gestellt werden. Die in New-Yori »»> übrigen Teilen der Vereinigten S! aatei Nordamerika ansäßigen Juden sin! ilurcii die fortlaufenden Hilfeleistungen, die :•k ihren einwandernden Glaubensgenossen l>ei d« re» > jederlassuug gewähren, schon aufs äußer de i 1 Anspruch genommen. Allein in der .Glarity־ werden Summen verausgabt, die m t Le chtigkeil liinreiclieir würden, einen kl« inen Staat völlig zu unterhalten, und doch I omn t man dadurch, wenn man die Sache rieht!( betriebt«-!, der Lösung der sobrennenden jüdi dien Frage nicht um einen einzigen Schritt »;Hier: 'gleich den Danaiden schöpft man hier n ein Faß ohne Boden, ohne die geringste Jussujht. e auf diese Weise jemals füllen zu können, nur «laß es sich hier nicht um \Vas-]־r ljand«־it

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