Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- VI (1905)
- Issue
- 17 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Jüdische Volksstimme. ist liöelilich erstaunt, wenn nielif bitter enttäuscht, der heimische Eingeweihte ist angenehm berührt, wenn nicht gar freudig überrasclit unter einer blutig (will sägen drollig) ernsten Ueberschrift eine lächerliche Farce, eine kitzlige Humoreske oder gar eine — sagen wirs nur ungeschminkt heraus — eine ungezojrenc Burleske zu linden. Von grötleren oder kleineren lügenstrotzenden Münchhausiaden schon gar nicht zu reden. Für jeden Fall kommt der ,vorwärts־- eilende Leser auf seine Rechnung: ist er heiter gestimmt, so erhält ihn das Blättchen bei Laune, plagen ihn böse Gedanken, so stimmt ihn der ,Vorwärts“ um. Wem dieser Witzbold oder vielmehr dieser Hanswurst seine Entstehung und, sein Dasein verdankt? Du fragst noch, lieber Leser? Das konntest du ja von vornherein erraten: )lauschet gibt das Geld her und sein leiblicher Brpder Schmock macht Witze und reißt Possen. I Für gewöhnlich kommen seine Witze etwas spät zur Welt, sie humpeln der Zeitgeschimite ein wenig nach. Aber was verfichtst )lauschet, der Geldgeber, liest und hält sich den Bauch vor Lachen: auf diesen Erfolg kommts ja schließlich an. Und dann, liegt nicht köstlicher Humor darin,, daß man sich imspruchsvoll .Vorwärts* schelten läßt und dabei den Ge- Zeiten unbeholfen rückwärts nachhinkt? Ja, da hört sich doch jeder Emst auf. Wer könnte da dem Lachreiz widerstehn? ־ Ich muß gestehen, daß auch ich manchmal hei der Lektüre des ,Vorwärts־ hell aullache, trotzdem ich mit Mauschels philiströsem Wesen blutwenig gemein .habe. Und ich wette Hundert gegen Eins, der Widerstandsfähigste läßt seine l.achmuskeln spielen, so er nur z. B. den Leitartikel des ,Vorwärts“ vom 12. August UH 13 zur Hand bekommt. ,Zionisten unter sich־ — dies ist der Titel. O. Wie köstlich und vielversprechend! Umso reizender, wenn man bedenkt, daß Schabbas Nachm», der Trostsamstag gerade auf den 12. August UH)5 fiel. Mit einem gewissen erwartungsvollen Freudenschauer machen wir uns an die Lektüre. Aber um d^s Himmelswillen, was wird uns da eigentlio* aufgltischt? Liegt nicht zufälligerweise eine Verwechslung, ein Versehen des Redakteurs vor? Ach nein, wieder ein guter Witz: Er schildert die Verzweitlung der Zionisten: Zion in Trümmern, und seine Verteidiger in zwei Lager geteilt, die einander befehden. Der König von Zion, noch vor seiner Krönung, entthront und sein Volk — der Sprache beraubt (wahrscheinlich vor Entsetzen) — kurz und gut: die Zionisten außer sich. Und dieses trostlose Thema am trostreichen Samstag justament, und der Titel ,Zionisten unter sich“ statt des richtigen ,Zionisten außer sich־ — ist das nicht zum Kranklachen? Diesmal ist der Witz jedoch etwas zu tief und zu schwerfaßlich. Es gehört Geistreichtum. Kenntnis des jüdischen Lebens und — last not least — Kenntnis des jüdischen Kalenders dazu, um ihn recht begreifen zu können. Man sieht es gleich, der Witz ist, den demokratischen Prinzipien zuwider, zu denen das Blatt (wahrscheinlich spaßhalber) sich bekennt, für die ,obere* Schichte bestimmt. Und das ist es. was an der Sache gefährlich ist und davor möchten wir Freund ,Vorwärts‘ aus Krakau warnen. Die Leser des witzigen Blättchens gehören zumeist der untersten Schichte an und bringen unmöglich soviel Geistreichtum und soviel Lebens- und Kalenderkenntnis auf, um Alles als Witz hinzunehmen, was als solcher gedacht ist. Da kann es nun Vorkommen, daß ein schlichter Leser, sofern er sanftmütig ist. seinem Leibblat mangelhafte Information und redaktionelle Ignoranz vorwirft: sofern er aber T jähzornig ist, über Lüge, Verleumdung, Fopperei u. dgl. mehr schimpft. Dabei werden beide, der eine lispelnd, der andere brüllend, den Namen des Blattes nennen. Und ,Vorwärts“ wird dann gleichbedeutend sein mit ,Fort“. ־ Wenn aber das Häuflein deiner Leser, lieber ,Vorwärts“ aus Krakau. ,Fort“ gesagt haben wird, wenn dein letztes Stündchen schlägt, armer Wicht, ,dann bin ich bereit: dir den Gnadenstoß zu geben: ich schreibe den letzten Leitartikel und betitle ihn ,die Teilung der Schellenkappe“ oder ,Redakteure unter sich“. Gelt?! Testi». Zur Der sozialistische Zionismus. seiner Ermvstischen Liründung der sozialistisch-zionistisch?n Arbeiterpartei in RuSland. Der historische Prozeß ist trotz schünungsformen. trotz aller seiner uni romantischen Umhüllungen, sei 1er ideologisijhen \ ergeistlichung eine gesel schädliche hlajssenhewegnng. ln den Tiefen der Geschichte wirkt und wirbt die ewige Kraft < es Lebens, die] nach Wertsteigerung. Verschön?rung. Bereicherung. Befreiung und Verinner ichung des )feilschen drängt und die Nieder-!und Unterdrückten zum Kampf gegen den Druck und die Entartung der Machthaber sammelt. In den unterdrückten Elementen der Geschichte feiert die Idee der Neugestaltung und des Fortschritts ihre ewige Renaissanze und Verjüngung, hier wefrden beständig die Worte entwerfet und umgewertet, die alte Poesie und Romantik, weil in 1 ihrer historischen Bedingtheit erkannt, entweiht, die mystischen Hüllen tötet• und überwündener Inhalte gesprengt und dejn schöpfensehen und neugestaltenden Mächten freie Bahnen geebnet Das )forsche und Alte, das Traditionelle und Überlebte stürzt mit dem Auftreten einer neuen Klasse auf der historischer) Bühne •ein. auf daß neue Lehensverhältnisse, neue Romantik und neue Poesie aus den Ruinen erblühen.; Als ein unterdrücktes Element in der Gescjhichte waren auch die Juden seit jeher die Träger neuer Hoffnungen und Zukunftsträume. Diese Hoffnungen und Träume des irrenden Ahasver hatten eine religiös-mystische Hülle, hinter welcher aber der reale :Lebensinhalt nimmer zu verkennen war. Weil die Gegenwart finster war. wurde ein lichtes Reicl der Zukunft erdichtet und erhofft, weil der Jude dieser Gewart gegenüber machtlos dastand, erschuf die Phantasie einen übernatürlichen Erlöser, weil jeder Versuch des wirklichen Ai swegs fehlte, war Zion das erhoffte Land der Träume. Der messianische Zionismus war die Ideologie der fatali tischen Diadie in l kulturellen ihre Lebenshe Ideologie unglücklichen, machtlosen, spora des Mittelalters. Die Neuzeit hat das homogene Judentum des Mittelalters in Klassen differenziert, der veränderten politischen un Atmosphäre des modernen Lebens tendenzen und ihre mittelalterli geändert haben. Die dank der :Emanzipation zu Macht und Besitz gelangte jüdische Bourgeoisie schwelgte in Assimilation Und Patriotismus. Unter den neuverändertert Wirtschafts- Verhältnissen der Neuzeit aber und der Erstarkung des Konkurrenzkampfes stellte sich bei den Volksmassen jene Unsicherheit des Lebens und der Existenz ein, die sich in Massenemigration. permanenter Arbeitslosigkeit. Beschäftigungsmangel und Elend ohne Ausweg äußerte. 111 den Volksmassen gestalteten siqh immer mehr die materiellen Bedingungen für d einer neuen der Assimilation U11(l tisnms entgegensetzte Ideologie, und der Revolution. Das mittelalterliche Judentum noch in der jüdischen Kleinbo irgeoisie fort. Solange diese Klasse abgeschlo: sen blieb und noch nicht vom Rad der Gesell wurde, war: sie die Trägerin Ueburlieferung und Herkommens, gen Gemisches von romantischen, mystischen, nationalen und religiösen Vorstellungen und• Stimjnungen. das in der veränderten Zeit allerdings auch einen weltlichen Anstrich erlangt hat. j Als nun unter der Wucht des Antisemitis- .mus[ und der Not der jüdischen Volksmassen die ersten politischen und nationalen Zuckungen untdr den Juden begannen, erwies sich die Kleinbourgeoisie wegen ihrer geistigen Physiognomie als das für eine ,jüdische“ Bewegung am meisten empfängliche Element. Die bürgerliehen Ideologen Pinsker und Herzl, welche den Ruf nach einem Judenstaat!ertönen ließen, fanden in der Kleinbourgeoisie und ihrer Intelligenz ihren ersten Anfang. Allein die Kleinbourgeoisie legte auf diese Bewegung den Stempel des Mittelalters. In der Kleinbojjrgeoisie ist das Ideal des jüdischen Gemeinwesens zu einem Streben nach der Wiederherstellung des alten Judentums in dem ,Lande der Väter“ entwürdigt worden. In diesem halbmittelalterlichen Ghetto-Milieu hat das jüdische Selbständigkeitsideal sich mit allen reaktionären und pa- Dialogischen Inhalten assoziert, welche daselbst noch fortlebten. Es ist der reaktionäre kleine Entwicklung dem Patrioies Zionismus lebte indessen eilte zermalmt der jüdischen sowie desjenibürgerliche Zionismus entstanden. mus ist liier eine Sehnsucht iu ch Seite $ Der Zionis- Zion, und dem alten Judentum geworden un< er bedeutete einen Bruch nicht so sehr mit der Assimilation, als mit den liberalen Tendenzen 1er Assiknilation. Auf religiösem, Gebiete artet > c er Zionismus in Obskijranz und Heuchelei ai s. auf politischem Gebiete in sf hmählicl e Reaktion. In Rußland hat der Zionismus d;n Kampf gegen die revolutionäre Bewegui g ingefangen und die politische Indifferenz dei e itrechteten und geknechteten Nation gepredi! t. Das Verhalten des Zionismus war ein d >rr rtige*. daß die blutige antisemitische Regierun g i in förderte und begünstigte. Alle großen und kleinen Hamans, von dem Gendarmerieofl izii r der Provinzstadt bis zum Massenmörder P ehwe, der im Blute der Juden watete, wäre 1 < em Zionismus ,wohlwollend* gesinnt, ::ade unglückliehen Golus-Zionisten als diplo m;1 tische und politische Errungenschaften feiert >n. ln Westeuropa haben der Byzantinismu: und die patriotische Kriecherei der reaktion ire 1 Zionisten die ekelhaitesten Formen angentmnen. Nach dem Muster der Radau-Antisemite 1 ü aerschäumten auch die Zionisten von schmalzigen Huldigungstelegrammen. Adressen um patriotischen Kundgebungen allen ,Mächtige:1־ der Welt gegenüber, vom deutschen Kaiser in dessen Lande die Juden wie Bürger zwe tei und dritter Klasse behandelt werden, bis zutr König von Spanien, jenem Sprößling Ferdiiands und Isabellas, der in Ermanglung vpn Juden den spanischen Freiheitskämpfern eil 1 .] lermanentes Kischinew und Schitomir anrichtet Allein die objektiven Bedin! :urigen des jü dischen Volkslebens treiben die j idischen Volks-!nassen auf den Weg der politi: chj11־ Befreiung und der territorialen Selbständigkeit. Die Teritoriale Autonomie ist die erste ( ru)1dbedingu:1g des jüdischen Sozialismus. Der Zionismus hat darum auch im jüdischen Proletariat Eingang gefunden, hat aber dort eine andere Gestalt gewonnen. Im Proletariat ist! der politischsoziale C.harakter des Zionismus zum ersten Mid zu seiner wahren Geltung gekommen. Eid Land für die wandernde mul :!erklimmende jüdische Volksmasse, wo sie sich] sozialistisch gestalten und ihrem schöpferisclleii Kulturgeniiis freie Entfaltungsmöglichkeit eitstehe. ist der Zionismus des Proletariats. Mit dem Ideal des Zionismus hat das Proletariat auch Seine sozialistische Hoffnung verknüpft eine ZiikunftsahnungundFreiheitssehnsucht: 11ei)11m gestaltete sich der Zionismus zum Sozialist! eben Zionismus. Der sozialistische Zionismus des Proletariats ist die historische Ueberwindui g des jüdischen Mittelalters, der politische Geg: nsgtz zur Bourgeoisie und Kleinbourgeoisie. Er stellt der Zerstreuung der jüdischen \ olksmassen die Sammlung, der Flucht die O -gänisatkm. der kapitalistischen Entartung der luden den Sozialismus. der Religion und Tradition .die freie Kulturschöpfung, dem türkis: h - traditionellen Palästina Freiland, der Assimila tic!1 die Freiheit, dem Patriotismus die Revoluti mi gegenüber. Die Revolution! Der revi luiionäre Kampf ist ein innerer Bestandteil de s sozialistischen Zionismus geworden. Die Re: oliition ist nicht allein der historische Hebel di s!jüdischen Proletariats zu seiner politischen ’ifeiheit. sondern auch die höchste Sache des :mischen Volkes, seine Würde und seine Ehre. Erst der re: olutionäre Geist und Kampf ve lijicht den Juden Menschenwürde und Mensche 1 rechte. veijüngL und befreit sie und macht am ihnen eine große Kulturnation. Der Jude, sag Stelle, ist die Woche hinduri^! Sabbat wird er ein Mensch, ist der Sabbat der Juden. Revolution bekommt der Jtuh Ües Goltis seine menschliche Weihe. Erst durijh das $lut der Revolution wird er befreit un 1 Das sozialistiscli-zionistisr h? die rote Fahne der Revolulic zieht in den Heiligen Kampf z: gen die Tyrannei des Zarismus, gegen dife Selbstherrschaft und ihre finsteren Mächte. D1! Ziel der iRevolution ist aber nicht allein d e Menschenrechte und die Emanzipation, wie s e die bürgerlichen Revolutionen den Juden brai h Len, sondeiki die proletarische Revolution in 111 ßland ebnet eist den Weg für das Sozialist s :he Endziel! de s Proletariats. Weil in der Dias p ara des jüdist li Proletariats zwischen dem pc II tischen Freiheit-- kampf und dem sozialistischen ־ Klassenk: deine |a!1 einer ein Hi nd. am Die R« volulion >st di rch die innerlich erlöst. Proletariat hat n entfallet und Verlanget in Gast- und Kaffeehäusern die ״Jüdische Volksstimme