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Jüdische Volksstimme · 1904-11-15 · 22 (15.11.1904) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
V (1904)
Issue
22 (15.11.1904)
Date
1904-11-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 22 Jüdische Bolksktimme Seite 3 uns dessen inneres Wesen.jrci ist. wo die Ideale niiien können. Wir müssen auch diese Betrachtungen delierzige» und wach sein, um unsere Pflichten am besten zn erfüllen und auszuüben. Als Lehre kann uns die Vergangenheit dienen, die uns einen Spiegel Vorhalt, in dem wir uns ganz gut sehen können mit all unsren Gebrechen und Vorzügen, schlechten und guten Seiten, um davon viel Nützliches zu ziehen. Wie wohl ist diesem, dessen Geburtstag ah einen Feiertag fällt, wo Eindrücke an Eindrücke sich reihen und da« menschliche Weicn in Glani verntzen und dasselbe mit einem Nimbus verhüllen. W!r iehen, wie sehr die PrdriS der Theorie damals so naherückt ist und wir müssen Alles, was wir emostndcn in die Praxis umsctzen und umgekehrt, was wir tun, suhlen sollen, nach den Worten des Dichters: ,Dar ist ja, war den Menschen ziert und dazu ivar ihm der Verstand, daß er im inneren Herzen spürt, was er crschasst mit seiner Hand." ';'Jollen wir uns ausjührcn, so und nicht anders. Meute« Russische Shettoliteratur. -Die Judcnsrage, die heutzutage immer aktueller wird und einer cndgiltigen Löjung harA, ries bereits in allen Literaturen Europas einen eigenartigen Wicderhall hervor, den wir mit Recht .Gnetiolitcratnr" benennen, weil sie sich mit dem geistige» und ökonomischen Judcnghetlo besaßt und die Tiefen der Judcnnot zu ergründen trachtet. Nach Herzls ,Neuem Ghetto", nach Grünau's .Eril", nach Heyermann'S .Ghetto" kamen die ruiiischcn Ghcttobilder von Juschkiewitsch, Pruschanski und Tichirikow. Und was für himmelhoher Unter ׳chicd läßt sich beobachten! Während die deutschen und Nor ohne Ende" he ßi, —!andererseits an der Universität und zu Hauie, in sdcr Stadt und im Torf, beim reichsten und ärmsten Juden, überall stellt sie sich ein, Heftel sich an seine Fersen und rrn ״Zieh". V damatt. "obwohl' ^damaI-"q>Ä!7'7 ״\b״t י״״י** SIaTa. '"j Tichirikow» Schöpfung. Ihre Hauvteigenichait ist ti-i,-rineiie keine konventionellen »etien l. J,, '׳,11 11יfcn■ '•lnö obwohl den Genalten k,ncr,e>tL eine teiP Charalieranrjayung der Neben- L7 Tennni»7A!r istVLi de7 entidie'w.e ,77' "7 Nestre" Psucholog.e, abgch.,!Personen. Ta? Milieu d7s Helden, und die träat nur dieser dciicn ib-,, ,n, ,!,1!:?׳ ,b״ den andere» -chrimlellern au,zuwc,,cnidrainatiiche Atmosphäre, die das ganze Stück von dessen SinnAUcS umspannen tmd verstehenkan»! ond'rn^' u durchtränklj und .Verzweiflung und dessen inneres Wesen.srei ist. wo l ,*־״״ SS!finfi gelungenen Schilderung der rnfsischen Gesellichatt wegen der Gheitoliteratur Rußlands würdig clnzureihcn. ,t»r eine Seite des jüdischen Lebens i verläßt ihn, wie ein treuer Diener scinxn Herr hat Pruschanski kein Verständnis, nämlich für die, bis zum letzten Atemzuge keinesfalls. ,T>c Juden poliliiche Entwickelung der russischen Judentums,: als .Parias" der menschliches Gesellschaft sind die eben als eine direkte oder indirekte Folge der ־ ‘ י'"' י * —י׳ peinlichen WirtichaftSlage anzuschen ist. Ticjcs Verständnis finden wir aber bei Juschkiewitsch und tichirikow und in dieser Beziehung überragen sie als Ghettoschilderer den Besprochenen. ,Ghetto" 2) nennt Juschkiewitsch eine sowohl kleine und niedliche, wie erschütternde Erzählung aus dem Leben eines jüdüchen Schneiders, der im Kampfe ums Tasein Heldentaten leistet und Heldensch in erz e« leidet, bis er infolge überanstrengender Arbeit erblinde; und arbeitsunfähig von seinen Gläubigern zugrunde gerichtet wird. Mit der tiefsten und innigsten Wärme wird das Leben dieses armen Mannes, des Besitzers von einige» Kindern und einer vom Schicksal gequälten Frau geschildkrt, -die ihrem Manne mit fortwährenden Vorwürfen und Flüchen das Leben gar zu sauer macht, bis das Unglück und der! feine Kräfte zersetzende Kamps ihm den Gnadenstoß verietzey. Nach diesem piätensionslosen Bilde folgt eine längere Novelle .Tie Parias",>l d>e sich vom .Ghetto" dadurch unterscheiden, daß die Gestalten piychologischcr behandelt find, daß die Charakter verliest und die politisch,» Strömungen, die die jüdische Proletariermasse revvltirren, berücksichtigt werden. Es sind: der SozialiSuiu; und der Zionismus. Judenkrawallc bcweisen die Nichtigkeit des iozialistischen Losung». Wortes .Gleichheit und Brüderlichk,it" und der Zionismus, diese ewige 2>h»sucht nach Freiheit und Vaterland, bleibt den bodenlosen Unglücklichen und Holland,,chen Tichter die eigentliche Judenloge einziger Trost. Auch diesmal sind die Hauptso mehr vom Hörensagen kennen, prallen wir bei! de» russischen Schriftstellern vor einer außerordentlickien Kenntnis der Judennot. einer bis in die kleinsten Einzelheiten seinen Psychologie und einer durcktous richtigen und gerechten Auffassung der, Maschine schleift die Haut von den Händen, es voliwchen Strömungen, welche in den Reihen bcs )!ftorft der Atem — umsonst. Fort! Fort! — heißt ,udiick'en Proletariats — oder besser geiagt — des l|fä und dagegen gibt'־ keinen Widerstand. Pros״- proletarischen Judentums Wurzel gefaßt haben,! tution und tiefstes Elend. Krankheit und Tod be- Lniick Tie Ursache dieser interessanten literariichen!gleiten daS Leben der Parias, die idealistische An- Eriiheinung ist leicht begreiflich. Tie ruf,!sehen!streuqungen einzelner Individuen nicht zu retten Schriftsteller leben eben selbst im Zenkrum des vermögen. Was weiter? — dies ist die Leben«. Zarenreichs, in dem sie Augenzeugen der grauen-! Hag?. welche der pessimistische Nachmann stellt und Iiasliii Vorgänge st I» Äischinew sind, sie bewohnen j ein schwer zu lösendes Problem bleibt, os, ׳eldst den AnsiedlungSrayon der Juden und'! Tiejclde Frage spukt auch im Ghettodra'ma!onne» ihre erbarmungslose Zusammenpferchung, Lich,r,kowS ,d 1e J u d c n" das infolgedessen und die damit verbundene fortschreitende Verelendung s sth״,. eigentliche Lösung des dramatischen Knotens derselben auf allen Gebieten beobachten, was eben j bleibt. Auch hier werde» wir in ein russisches naturgetreue, fein nuancierte Schilderungen der! Städtchen versetzt, wo sich in dem Hause eines Juden, 10t verursacht, die die Werke der genannten armen Handwerkers ähnliche Szenen, wie in den Slbniisteller auch charakterisiert. .Parias" abspielcn. Wenig Handlung, mehr Schilde- Einer der ältesten Ghettoschilderer ist der! ,!!״<,, Tispute und eine ichwüle. eigenartige Stim- Sol׳» eines Schmiedes auS Pruschany, N. Pru-i»,ung hervorruscndc Geipräche bilden den eigen!» ichanski, der noch im Jahre 1868 seine schrift- | liefen Inhal! des TramaS. Tie unglückliche Lage irNleniche Laufbahn betreten hat und sich 'seitdem |, ״ Juden wird in den krassesten Farben genialen; mrssthließlich mit dem Judenleben im russischen | Zionismus und Sozialismus, verkörpert iu den Ruche besaßt. In einer Reihe von Romanen jchil- ׳ handelnden Personen, erscheinen als Ideale', die sich den er die Zustände und Mißverhältnisse unter hg; Recht Unmaßen, die Judenfrage lösen zu können, den russischen Juden, den .Ausgestoßenen",!.- da kommen dumpfe Hep Heprusc aus Kischi- .Helden des Lebens", die von alleß Ständen, st-w, ein Blutbad wird veranstaltet, es Hilst weder gestalten Arbeiter, aber keine Handwerker, sondern FabrikSarbciter, die in den geräuschvollen Eisen- Hütten und den geslankvoUen Zigarrenfabriken dem Moloch Kapitalismus ihre itzeiundheit opfern. Die^Wahl des Schriftführers einzig und allein den Ver aber kein spezifisches Charaklfristilon Rußlands — das kann schwarz auf weiß jedem ״ein Blatt auS der Chronik seiner Stadt" bcweiien, diesen Beweis liefert auch die' Gheitoliteratur anderer Nationen, die eine besondere Behandlung erfordert. l M Llrnerissock- Sic Lultusgemeindewaiilen in Vrnnn. Tas Präludium für die Brünner Kultusgemeindewahlen bildete die am 6. d. M. im Gewerbevereinssaale ftaltgefundeue Wählcrversaymlung. Entgegen dem bisherigeo Brauche erfreute sich die Versammlung eines äußerst starken Besuche«. Nicht mehr die Ruhe ind scheinbare Zufriedenheit herrschte in dieser! jerjammlung. Im Zeichen des BolkSwillenS tagte die Versammlung. Wenn auch die Herren im K iltusvorsrande da« Wahlkomitcc selbst, bestimmten, o müssen wir zugeben, daß bei Zusammcnstell ing des Komitees aus sämtliche Schichten Rücksicht genommen wurde. Ja, was uns direkt lächerlich trscheint, cs wurden sogar Gewerbetreibende in das Wahlkomitee genommen, die anläßlich der testen Wahlen gezwungen wurden, sich der Wahl zu enthalten, also Leute, die jo wenig Unabhängigkeit befaßen, ihren Willen zum Ausdrucke zu bringe». Tie Bersammlung civfsnete Tir. Leop. W iß. Kraft seiner Autorität ernannte er sich seinen Schriftführer, Natürlich Herrn Tr. Fr. Piräk. Wir gestatten uns Herrn Direktor Weiß. der vi m Verjammlungs-׳ wesen ׳ wohl keine Ahnung Hab n wird, den Ratzu geben, falls er -nochmals Gele!;enheit haben sollte den Vorsitz in einer Versammlung zu führen, die des rnssiichen Gesellschaft aufs härteste bedrückt werde» und allerlei Verfolgungen politischer, wirtstbaitlicher und kultureller Art aurgesetzt sind. Ihr .Leben außerhalb des Gesetzes" entozialirmus noch Zionismus und^ — tiiiita la tlaqoeiliii. Ter Tichter läßt die Frage ungelöst, sie bleibt ein Tilemma — denn der Verfasser will ״ _ , objektiv sein und außer dem Drama als analyhall >o viel erschütternder Tragik, daß es in jedem j jätender Beobachter flehen. Wir hätten gedacht, Menschen Sympathie und-Mitleid weckt, der nur daß Tichirikow für seine .Juden" die dramatische ein!,, Funken Menjchcnstolz und Menschenwürde ן Fon» der novellistischen eben deshalb und nur zu . V• _- . la. . ' >_-I . __..... (t.ti <■>■1 benvu Solche Vorfälle wie die Judcnexzcsje in Kochinew und Ho'mcl, solche Zustände, wie man sic in, den Judenhäusern des AnsiedlungSrayon« anlrisit, die Lumpereien sowohl der höheren Stände -wie der russischen Masse, deren sie sich den Juden gegenüber zu Schulden kommen lassen, wie endlich d!e bestialische Indifferenz und Gleichgiltigkeit der rniiiichen Regierung — sind sehr geeignet einen Protest aller ausländischen Regierungen hcrvorzurufen und sollten einen jeden rcchtsgläubigen und chrlich denkenden Menschen zum tatkräftigen Einlchrciien ausfordern. Diese Mißwirtschaft der russttchen Regierung unter Nikolaus I. bildet auch den Inhalt des letzten Romans von Pruschanski, der fff .CinemBlattaus derChronikunserer «ladt">j neuerdings die Gelegenheit ersaßt, das ._* 1 iltrlag S. EronbaL, Berlin, Ivos. diesem Zwecke vorgezogen hat, um die Tragik de« jüdischen Ghetto, die psychischen Evolutionen _ und Revolutionen seiner Bewohner mit desto größerer Prägnanz und dramatticher Schärfe schildern zu kgnncn. Aber dar geschah nicht. Tie Handlung ist schwach, rückt wenig vor, die Vorgänge im Lfben der Hauptpersonen sind wenig tragisch, alltcwlich und' rufen keine oder wenigstens eine sehr schwache psychologische Reaktion hervor. Tendenzdmmen — und als solches müssen .die Juden" ihiem Inhalte .nach im vollsten Sinne dieses Wortes gelten,'— besitzen gewöhnlich viele Fehler, formeller oder dramatischer Art und diese Regel eignet sich auch im Großen und Ganzen für *) Wiener Verlag 1903. 1'. Leilag Tr. Mrrldtewsti, München, tvvt. *1 Verlag Tr. Marchlew«l>, Manchen, 1904. sammelten zu überlassen. Nach irrstatlung des Bcrichte« über die Vorarbeiten seit ns des Herrn Tr. Fr. Pirak erteilte Direktor Weiß dem seinerzeitigen Präsidenten Herrn Tr. i j i 01 l-a das Wort. Gg. Max H i ck l gab dem Wunsl je Ausdruck seitens des Vorstandes möge ein Rech!nschait-dericht erstattet werden. Tr. Fialla mlchte vor allem die Mitteilung, daß er nicht als Ka! dtdat, sondern als seincrzeitiger Präsident den Wählern über die in der Kultusgemeinde eingetrctene KnsiS, sowie über die Ursache seines Rücktrittes a iS dem Vorstände Bericht erstatten wolle. Nachdem in dcr-Tempeldaufrage die meisten seiner Kollegen gegen ihn gestimmt und er auf diese Art nicht da; Vertrauen seiner Kollegen hatte, betrachtete er e; als seine Psticht sein Mandat nicderzulcgen. Tie 2 udcn. die aus dem Taumel der sogenannten Gleichb, rcchtigung erwacht sind, dürfen der Außenwelt nicht!das Bild der Zerfahrenheil bieten. Wir Juden werden von den Andersnationalen und Andersgläubigen als Fremdkörver betrachtet. Es ist bei den heutigen Zeiten Pflicht und Schuldigkeit der Juden als etwas ״Ganzes״ aufzutrclen und der Ajißenwclt zu zeigen, daß wir Juden ein Faktor siifd, mit dem man jederzeit reldnen müsse. Tr. Fialla süyrt auS, sei, Verdienst sei es, daß die Sitzungen des Llorstaiides parlamenlarischeu CharLlter haben. Redner habe sich bemüht eine tüchtige Lehrkraft zu gewinn:n, jedoch sei sein Antrag im Vorstande gefallen, weil die Koste» zu hoch gewesen wären. Tie Rabbi »erfrage habe idn intensiv beschäftigt und er wasie־. der die Ver- Handlungen mit Tr. Löwy ein^eleitet habe. Tie Schaffung der T:enslZxagmatik sei fein Werk. Tie Tenipelbaufragc, die die Gemüter! so sehr erregt, sei aus dem einzigen Grunde nicht gelöst worden, weil die Herren die Kosten nicht akzeptabel fanden. In einer solchen Frage dürfe eine Grvßgemeindc Briinn keinen kleinkrämerischen Standpunkt cinnehmen, ,nsbesondere wo ein Mann wie׳ Architekt Fleischer die Pläixe ausarbeitete und den Bau beäuisichligl hätte. Der Tempel hätte der Brünner Kstltusgemeinde zur Ehre gereicht. Bon einem Brünner Baumeister durfte ein solcher Bau nicht ausgeführt werden, da ohne den Her/cn nahe treten zu wollen er den Brünner Baumeistern bei Ausführung eines solchen Baues nicht da« nötige Berlraucn entgqgcnbringcu könne. WaS die Aufbringung der Kosten betrisit, so wäre durch Erhöhung de« Quotienten um 8 X die Frage Verlanget in Gast- und Kaffeehausern die ״Jüdische Völksstimme“.

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