Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- IV (1903)
- Issue
- 5 (1.4.1903)
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. r> Jüdische Bolksstimme «eile 3 ftimutige Annahme des Antrages. Es ist zu er-| warten, daß die Schaffensfreude der Delegierten anhält und sie dem Beschlüsse, der vorläufig pla-, tonisches Wohlwollen für die Gemeindebediensteten t verrät, bald die Tat folgen lassen. Das MHratormni• ,hat die Ehrenpflicht übernommen, das von Tr! Spitzer mit edlem Eifer begonnene Werk zu Ende| zu führen lind zu beweisen, daß im Landermafsasond eine fruchtbare sozialpolitische Tätigkeit möglich und mißverstandene öffentliche Mildtätigkeit nicht sein ausschließliches Wirkungsgebiet ist. Hoffentlich geht diese Angelegenheit rascher vorwärts als die Statutenanderung, ivelche abermals auf die lange Bank gefchoben wurde. Wie lange noch'? Der Referent über die Statutenänderung Tr. Körner hat endlich das erlösende Wort gefunden: ,-11 dlcx-Annahme Tie Bestimmungen über die Wahl der Delegierten und ihre Funktionsdauer erklärt er für nebensächlich So ganz nebensächlich sind sie denn doch nicht. Ein kleiner Unterschied liegt schon darin, ob die Telegierten von den Gemeindemitgliedern gewählt oder vom Ausschüsse ernannt werden, ob sie für drei oder sechs Jahre ihr Mandat in der Tasche haben. Tr. Körner, der vor Jahresfrist stolz wie ein kühner Reformator seinen Statutenentwurf vorlegte und in einer langen Rede begründete, landet ״still aus gerettetem Boot" im sicheren Hasen der <•11 blne-Annahme. Er hat sich und der Delegierten-! Versammlung zu! viel zugetraut. j Wir freuen uns konstatieren zu können, daß das Niveau der Generalversammlung, was die, Sachlichkeit der Beratungen und die pariameutariich.•! Form der Verhandlung betrifft, von Jahr zu Jahr! steigt. Bon dem kindischen Mumpitz, mit dem sich j in früheren Jahren kais. Rat Mandl pünktlich! einstellte, indem er um jeden Preis den Vorsitz: sichren wollte, blieb die Versammlung verschon:.! Ter alte Herr, der durch 33 Jahre im Kuratorium schlecht und recht seine Pflicht getan, verschwindet l endlich vgin Schauplätze, nachdem feine Zeit schon j längst bevor abgelaufen war. An seine Stelle tritt als ObmannstellvertreterRegierungsrat Tr. Spitzer,! der sich unter den Delegierten allgemeiner Sympatien erfreut. Ob er den verfahrenen Karren in ein neues, Geleise bringen und anderen moderneren Per-: waitungsgrundsätzen im Fände Eingang verschasse» wird, wissen wir nicht. Jedenfalls liegt es m seiner Macht. N’^s. Oer «rfic vetegiertentsg des zioniftiktv . orthodoxen Zentrums ״Misrachi". | Lida. Dienstag, den 27. Schebat fand hier: der erste Delegiertentag der zur ״Misrachi"^ ge-! hörigen Vereine statt, an welchem 40 Delegierte! aus Rußland, .Polen und Lithanen Jeilnahimn.! Diese relativ schwache Beteiliguiof' wurde durch eine. behördliche Verordnung veranlaßt, welche die Zahl der Delegierten aus jedem Governement aus drei, beschränkte. Den Verhandlungen wohnte eine grcße j Anzahl Gäste bei. ן Zimmer mit jenem düsteren Gefichtöausdrucke, der! Lea nicht entging. j Al» die Nacht hereinbrach und dem ganzen - Städtchen Ruhe brachte, da war wieder Leas Fenster ן das einzige, aus welchem ein Lichtichimmer drang. Lea wachte am Krankenlager ihres Kindes. Auch in den gefahrdrohendsten!Momenten der .Krankheit verlor sie nicht den Mut und bemühte sich, ihre Hoffnungsfreude auf ihren Sohn zu übertragen:! Es sei doch nur eine vorübergehende Krankheit, veranlaßt von den Mühen des Weges, von den Strapazen der Reise. Rur einige Tage Ruhe, einige Wochen in der stifchen Lust, und Duwidel werde sich wieder erholen — Gott wird ihn und sie nicht verlasien... Mit diesem hoffnungsfrohen, angenehmen Gedanken ließ sie ihren Kops neben dem ihres Kindes hinsinken und schlief ein. . Als sie die frühe Morgensonfie aus diese», süßen Schlafe erweckte, da fuhr sie mit einem entfctzlichen Schrei in die Höhe: Der furchtbare Anblick von gestern bot sich ihr wieder dar... nur bewegte Duwidel nicht mehr die Lippen... er träumte den ewigen Schlaf.... « * * Als Lea dem ״Rojch-hakahal" alle erforderlichen Sterbedokumente einhändigte mit dem Ersuchen, für die Beerdigung ihre« Kindes zu sorgen, da blickte sie dieser verwundert an. ״Wie, Lea, dein Sohn war ein Meschumed?" Wie von einem vergifteten Pfeil getroffen, fuhr Lea auf: Dieser Rücksichtslose kennt doch nie Tie Wahlen - in das Präsidium ergaben solgendes Resultat: :lkabbiner Reines, Ehrenpräsident, Herr S. Kurland, Vorsitzender, die Herren A. Slucki und P. Pin es. Vori/yender-Stellvertreter, Sekretäre die Herren S. Alesandrow, P. Friedland. Berman und Kolm. In seiner Ecöisnungsrede setzte Herr Rabbiner Reines die Gründe der Entstehung des Verbandes ״Misrachi" auseinander und erk.äne als dessen Hauptzweck: Die Verbreitung des Zionismus unterlden orthodoxen Juden. Aus dem vom Sekretär verlesenen Berichte verdienen folgende Ziffern Hervorgehoden zu werden. Dem Verbände״ ׳Misrachi" gehören im ganzen 510 Vereine an. In dieser Zahl sind auch *2 neue Vereine enthalten, die schon nach Entstehung des. Verbandes ״Misrachi" von letzterem begründet wurden. Die Mitgliederzahl des Verbaitdes beträgt 11.000. Für die Schekel wurden lO.OQO und für den Nationalfond 7000 Rubel gesammelt, wobei die Sammkungen behufs Eintragung der Vereine in das Goldene Buch nicht mitgerechnet!sind. Interessant ist, daß auch ausländische Vereine dem Verbände ״Misrachi" dZträicn, üyd^zwar in England 3 Vereine — welch letztere zur Einberufung einer Konferenz der englischen Rabbiner und hiedurch zur Bäsesiigung und Verbreitung des Ziontsmus in England beitrugen — und in Deutschland l Verein. , Die Begründung von Organisationen mit gleicher Tendenz.ist in nicht zu ferner Zeit auch in Amerika, Deutschland und der Schweiz zu erwarten. Wäbrend der s Monate seines 'Bestandes verschickte die Leitung des Verbandes ״Misrachi" 2500 Briese und 1S.00O Zirkuläre, erhielt hingegen 2S0 Briese. Durch die. Agttcksion des ״Misracht" wurden auch 259 Kolonialbankaktien verkauft. Ter Verband beschränkt sich nicht bloß aus die Verbreitung des politischen Zionismus, sondern trägt auch zur Gründung neuer Vereine bei, welche jüdisches Wissen und jüdiiche Lehre ausreligiöier Grundlage verbreiten. Solche Vereine zur Förderung der jüdischen Geschichte, der Bibel, des Schuicban Arnch und des Talmud wurden bisher 121, mit einer Gesamtmitgliederzahl von 2350 ge.- gründet. In vielen Stadien wurden Jeschiwas, Ehedarim, Abendschulen für Arbeiter und Handels Angestellte, Wohliätigkeitsvereine und dgl. gegründet. Die Einnahmen des Verbandes betrugen 1297 Rubel, die Ausgaben 134א Rubel Tie 2. Sitzung war sehr stürmisch. .Es wurden die Einzelheiten des Berichtes scharf kritisirt. Man beklagte sich, daß der Verband den Odcjiacr Verein zur Kolonisation Palästinas zu, wenig unterstütze. Es wurde gerügt, daß die Leitung nicht jene Jeschiwas bekämpfe, deren Verwaltungen gegen die zionistischen Hörer inauisitorisch 1'Mgefren. Die Erregung der Gemüter steigerte sich noch, als die Angelegenheit der .Erzieh un g des Volkes zur Sprache kam. Es jwurde der Leitung vorgeworsen, daß sie sich mit der religiösen Seite zu viel betaste. Erbarmen und selbst gegen Tote erlaubt er sich grausame Worte. Sie wollte sich aus chn Wersen, ihn schlagen — doch sie fühlte sich!0 schwach. Ein vor Verzweiflung flammender Blick traf den ״Rosch-hakahal". v-J ״Ja, Lea, es ist reine Wahrheitl So' lese denn selbst, und überzeuge dich. Er tvar kein Jude, hier die Zeugnisse, er war ei n Meschu tu eü! So machen sie es alle... nein, nein. Getaufte begraben wir nicht, sie gehören nicht zu uns....'. Sie. konnte kein Wort hervor-bringen. wie zllsammengeschnürt tvar ihr die Kehle, ihr Spiachvermögen versagte. Es schien ihr, daß der Via,in sich nur an ihr räche, weil sie don Gemeindesäckel nicht mit Geld füllte. Mit Anstrbngung stammelte sie: ״Reb Sender . ... habet Gott im Herten. .. Erbarmen. . . was sprecht ihr denn..." Reb Sender verlor bald die Geduld und sfampste mitfdem Fuße. I ״Willst du etwa, daß wir einem Meschumed ein ״Kewer" in unserem ״guten Ort" gewähren? Schau, daß du für ihn irgendwo anders ein Grab findest, er gehört nicht mehr uns an... Sie empfand und verstand kaum, wäs Reb Senden sprach. Sie fühlte, daß ihr die ,Kräfte schwinden, daß ihr schwacher Kopf.dem Bersten nahe sei... Um Reb Sender, der sich wie wütend geberdete, und um Lea. die verzweifelt dastand, fammelten sich die Leute. Mit vor Aufregung zitternden Händen, zeigte Reb Sender auf die Dokumente. Ein jeder der Zuschauer warf einen Blick in-diejelben, sah Lea nochmals an, und entfernte sich... was die Talsttche beweise,' haß rein zionistische Vcreine 4א, während Vereine zur Pflege der Taiuiudlehre te. 126! eriiticren. Ter Verband ״Misrachi" habe bloß dafür zu sorgen, daß antireligiöse Strömungen! im Zionismus nicht die Lberycpid gewinnen, es obliege ihm jedoch nicht die Aufgabe, religiöse Tendenzen zu fördern, geradeso wie es der Zionismus nicht zulasten dürfe, daß antireligiöie Tendenzen plvtzgrciicn. ״Mirrachi" müsse vor allem ' zionistisch sein. Ans diese und ähnliche Anwürfe erwiderte erschöpfend Herr Rabbiner Reines, woraus der Bericht zur S ennrnis genommen wurde. ' In seh: gehobener Stimmung wurde der Delegierten!!!, um 3 Uhr früh geschlossen. A.<; Sas Papier iö?11 sch leihtv Die letzfe Nummer der ״Jüdischen Volksstimme" brachte einen Bericht über die Zustände des Ung. Hradischer jüdischen Turnvereines aus Anlaß feiner letzten unjüdischen Purimseier T!e durchaus berüchtigte Kritjk eines ehrlichen jüdischen Blattes, bas keine andere Ziele verfolgt, als die Juden zu ihrem-Volke zurückzusühren und an dem großen Besreiungswerke des jüdischen Volkes mitzuarbeiten, wird von einzelnen verbohrten Individuen ' in ihrer gewohnten Art damit beantwortet, daß Las Papizr zu schlecht sei —. Hier solle« diese Rohheilen, •die sich von selbst richten, nicht erst die gebürende Zurückweisung erfahren, aber indem wir.,, die Verhällniste zeichnen und ihren Ursachen auf den Grund zu kommen suchen, wollen wir zu einer Meint unserer bisherigen Tätigkeit gelangen und,-, Gesichtspunkte autznstellen vcriuchen, die. Gilt,gleit I und darum Interesse haben ivllen über den lokale»•' Rahmen hinaus. Als der jüdische T ur nv er ei n.-i» Ung. Hradiich vor nicht allzulanger Zeit von den zio. nistischen. Studenten ins Leben geruien wurd.-, glaubten die Wohlgesinnten, daß mit dieser Tat eine Wendung zum Besseren begonnen habe, 01״. welcher Meinung sie noch durch die schöne Krimdungsfeie! des Vereines bestärkt wurden, wo der <r׳:e Vereinsobmann die Ausgaben und Ziele' des Vereines in streng natianahem Sinne ans mu>tergütige Weife flarlcgte. Es ist nur zu bedauern', daß das Interests dieses Herrn baid erlahmte, und nach seinem baldigen Rücktritte Iral.wtrklich eine »nverkennbare Reaktion ein. Und dies umso stärker als sich der neue Geist in der kurzen Zeil dcn׳no:igeu Emsluß uichl harte schassen können. Wie die V.rhältntste heute stehen, erhellt aus der Ictzlen Paruu- Veranstaltung zur Genüge. Wenn man zu einem restlichen Gedenktage, den man als Erinnerung au die glückliche, durch das Los erfolgte Errettung der Juden aus der Hand ihrer Feinde begebt, ein arisches Publikum ciniädt, das diesem Feste keine besonders sympathischen Gestihle eiitgegeiibringen kann, so ist das nichts andere; als der alte - Unverstand und d i e r e 1 n ft e Assimila11 o n. Daß aber ein südlicher Turnverein ohne üati anale Baiis als logischer Unding allen Bpden unter den Füßen verliert, braucht nicht erst g§ag! zu werden. ' ' Wenn man abcr ehrlich unb odjekliv sein will, muß man zugestelfen, daß .an den gegenwärtigen desolaten Zuständen die-Schuld auch aus jionimülKt Seite liegen mag Wo. es zarte Keime, gibt, thißt . es vorsichtig' zu ״Werke gehen. - Tätigkeit aus un- , richtigen Wegen und Radikalismus an Unrechtem Orte können vieles verderben. . Tie Tätigkeil der jüdischen Akademiker war zunächst eine viel zu äußerliche, .als daß sie, dauernden Erfolg hätte haben können. Was jeit!etterhätte geschehe» müssen und noch geschehen muß. ist. mit Geduld uZd Liede aßs Werk zu gehen, langsam Aufklärung ttz die Masse zu tragen, der grefnzenlosgn Unwissenheit aus j ü d i s ch e m @ e b t e t e. f 0 nt i e öer aj I g c nt e i n « 1t Unbildung einen Dam m zu" setzen und den neuen Geist der Jugend ein zu pflanzen. Den großen Umschwung, den wir ersehnek, können bloße Kommerie mit Festreden und TanzkEnzchen nicht herbeisühren, fortwährendes Reden v Kuß zur Phrase werden und rein äußerliche Propaganda muß wirkungslos vätpunen. Tie Kommers-; i begtiftetung ist bloßes Strohfeuer, das schnell rerglimmt; und unsere Ideale sind wahrlich nichl dazu da, um stets bloße Tanzgetcgknhcitzu jchaijeil. Und abgesehen von der Hohlheit und W-.rkuugslosigkeit eines solchen Tuns, wäre das ״Akquiricrcn" : von Zionisten, aus diesem allerdings kurzen Wegs ' mehr Schaden als Nutzen, es würde für die.Ent- Wicklung nuferer Idee zueiner direkten Gefahr MP" Gedenket des jüdischen Nationalfond.es!