Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 35 (1913)
- Issue
- 3. Heft. (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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116 dogmatischen Grundsätzen dienen sollte, gestattet. Dagegen ist bis heute noch nicht in befriedigender Weise erklfirt worden: weshalb das Christentum die Wohlfahrtseinrichtungen des biblisch-theokretischen Staates, die offensichtlich aaf rein soziale Fürsorge zarückzafäbren sind, einzuführen unterlassen hat. Die Lösung für diese auffallende Tatsache mag vielleicht eine religionspsyohologische Betrachtang aber die Anfinge des Christentums, geben. Das Urchristentum war im eigentlichen Sinne nar eine Gemeinschaft mit ausgesprochen religiöser Tendenz. In diesem Zustand rerblieb es bis zum dritten Jahrhundert, wo es, dank der Annahme des Christentums seitens Konstantins, zur römischen Staatsreligion erhoben wurde. Nun stebt heute ziemlich fest, dass bei den Urchristen die Gütergemeinschaft eingeführt war. Wie sicher aber dieses System innerhalb einer kleinen Gemeinschaft den Einzelnen vor Verarmung schützte — hatte doch hierdurch das Individuum an jedem Besitz seinen Anteil — so sicher ist es, dass dies Prinzip, auf ein grösseres Staatswesen übertragen, undurchführbar sei. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass dieser Zustand der Gätergemeinschaft unter den Urchristen sich bis zur Erhebung des Christentums zur römischen Staatsreligion erhielt. Denn bereits vor diesem Zeitpunkt war das Christenstum an vielen Stellen verbreitet, welche Tatsache einen Kommunismus sehr erschwert. Aber die bedingenden Faktoren eben dieses urchristlichen Kommunismus, seine bewirkenden Ursachen, der urchristliche Ebionismus, blieben jedoch gerade in den Führerkreisen, bei den massgebenden urchristlichen Gesetzgebern noch lange erhalten. Denn aus der Neigung zum Ebionismus entstanden bereits in diesem Stadium, wie dann auch später, die verschiedenen Mönchsorden. In dieser Geistesverfassung aber vermisste man keine sozialen Institutionen; eben daher bemühte man sich auch nicht um Begründung bestimmter Wohlfahrtsinstitutionen. Die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion hat aaf die asketische Richtung der Führer des Christentums keinen Einfluss geübt; in der Stadt Rom selbst war die Asketik, auch durch die damalige Philosophie bewirkt, sehr verbreitet. Hierzu kommt noch ein religionspsychologisch sehr wichtiges Moment, das die obenerwähnte auffallende Tatsache noch besser zu erklären vermag. Bei der Entstehung des Christentums seufzten die Juden unter dem schweren Joche der Römer; der Druck war nicht minder als derjenige, der auf ihren Ahnen in Aegypten lastete. Aus mystischen Antrieben versuchten in dieser schweren Zeit viele Minner,