Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 35 (1913)
- Issue
- 3. Heft. (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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98 erheben, der Erörternng dieser Dinge viel von ihrer verhängnisvollen Einseitigkeit genommen hat. Je mehr geschichtliche Tatsachen za verarbeiten sind, desto mehr verliert sich die leidenschaftliche Art, nur den Gegner za sehen, and selbst die feindlichste Absicht muss sich hinter kahle Darstellungen and wissenschaftlich scheinende Folgerangen verstecken. Wir sind in der glücklichen Lage, zwei Arbeiten dieser Art zu besprechen, ״Die Wanderungen der Jaden“ and ״Die jüdische Colonis&tion Palästina’s“. Man mag von diesen Büchertiteln nicht viel erwarten, da sie scheinbar Vielbehandeltes von Neuem bringen. Aber das Vielbehandelte ist ja gerade das Wichtige, was die Zeitgenossen 80 sehr ergreift; and das, was einer Frage ihren Schwerpunkt verleiht, noch einmal nea behandelt za sehen, das darf diejenigen nicht ermüden, denen mehr an der Wahrheit, als an dem ״noch nie Dagewesenen“ liegt. Die Wanderungen der Völker gehen zunächst oft unbewusst aaf das Ziel los, Wohnsitze dauernder Art aufzusachen. Die massgebenden Völker der Neuzeit kennen solche Wanderungen nicht mehr, da sie sich schon vor langer Zeit in ihren Ländern festgesetzt haben. Die Jaden dagegen haben bis zum heutigen Tage noch keine festen Wohnsitze gefunden, da selbst ihr zweimaliges Staatsleben nur ein vorübergehender Aufenthalt in Palästina gewesen ist. Da die Juden hier als selbständiges Volk betrachtet werden, so wird auch der Umstand, dass sie noch nirgends das Herrenvolk sein konnten, als ein bewegender Trieb bei ihnen angesehen. Sie konnten sich nur da betätigen, wo die Berufsarbeit des herrschenden Volkes eine Lücke gelassen hatte, während sie weiter nicht in das Wirtschaftsleben der Anderen eindringen konnten oder mit Gewalt davon gehindert wurden, weitere Berufe zu gewinnen. Aber auch diese Lücken wurden bald vom Wirtsvolke ausgefüllt, und es begann ein wirtschaftlicher Kampf. Und da gereichte das Zusammenwohnen der Jaden in Masse ihnen nicht zum Segen; nur wo sie in geringer Anzahl vornanden waren, konnten sie Erfolge erzielen. Sobald ihre Widerstandsfähigkeit beim Vorhandensein grosser Massen sich verringerte, begann die Notwenoigkeit der A u s w a n - derung. Die Wissenschaft hat nun die Verhältnisse des Landes, welches der Jude verlässt, mit denen des Einwanderungslandes zu vergleichen. Lange Zeit war es für die Juden besser, in weniger entwickelte Länder einzuwandern, während in unserer Zeit das Umgekehrte sich vollzieht. Damit hängt die Frage der Anpassungsmögtichkeit an die Umgebung zusammen, wovon wiederum die Forschungen nach der Erhaltung des jüdischen Volkes bis zur Jetztzeit ihren Nutzen haben können. Die Behandlung dieser Gegenstände, so meint der Vf., läge in drei Arten nach den verschiedenen Zeitaltern und Standpunkten den Forschern vor: Die älteste Auffassung ist die von der göttlichen Strafe, weil Israel seinen höheren Beruf nicht beachtet und die damit