Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 4. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Würdigug des Ganzen, zumal auch der Breuer'schen Abwehr, zu bieten und allgemeine Folgerungen aus einer solchen Erscheinung zu ziehen, erscheint uns als eine Pflicht der ernsten Wissenschaft. — Das Hohelied von glaubenstreuster Seite als Liebeslied, besser als Schilderung betrachtet, wie ein junges Paar in seiner sittlichen Strenge durch Liebest&ndelei ohne ernstes religiöses Zukunftsziel abgelenkt und damit vernichtet wird — das ist, kurz ausgedrückt, der Gegenstand vorliegendes Buches. Salomo will den Liebesempfindungen würdige Endziele anweisen, und darum bietet er ein abschreckendes Bild des Gegenteils. Dabei 8011 der Überlieferungsgemässe bildliche Sinn des Ganzen beibehalten, ja, er kann nur durch Voraussetzung des Wörtlichen gewonnen werden. Diese Behauptungen sind gar nicht neu, nicht so neu, wie der warme Ton des Vf. s vermuten lä86t. Schon Raschi, der viel verkannte und noch lange nicht verstandene Erklärer mit dem Adlerblick sagt am Anfang seiner Erklärung zum Hohenliede : ״Eines nur spricht Gott, Zwiefaches höre ich Ein Vers kann viele Deutungen erfahren, und am Ende darf (die Deutung keines Satzes den einfachen Wortsinn überschreiten. Obwohl nun die Propheten nur im Bilde gesprochen, muss man dies Beispiel in seinem Gange und nach seinem Aufbau begreifen, je nachdem die Sätze aufeinander folgen. Ich habe über dies Buch viele agadische Midraschim gesehen. Einige bringe!! das ganze Buch in eine Midraschordnung, andere sind zerstreut unter verschiedenen Midraschim als Einzelsätze und lassen sich mit der Sprache der Schrift und mit deren Ordnung in keinen Einklang bringen. Da sagte ich in meinem Herzen: Ich will den Sinn des Schriftwortes feststellen, um ihre Erklärung nach ihrem Aufbau zu begründen und die Midraschim unserer Weisen werde ich an Ort und Stelle anführen. Und ich sage, dass Salomo im heiligen Geiste das zwiefache Golus und die zwiefache Zerstörung des Tempels vorausgesehen, wie Israel ob dieses Golus willen die einstige Herrlichkeit bejammert. Es gedenkt der ersten Liebe, da es ihm ein Eigentum war unter allen Völkern und nun spricht: Ich will gehen und zu meinem ersten Manne zurückkehren, denn besser war mir’s damals, als jetzt (Hosea 2, 9); sie werden seiner Gnade und ihrer Treulosigkeit gedenken und des hohen Glückes, das er ihnen für die Zukunft verheässen hat. Und er (Salomo) dichtete dies Buch im heiligen Geiste unter dem Ausdruck einer Frau, die, durch ihre Witwenschaft (Einsamkeit) gedrückt, nach ihrem Manne verlangt, nach ihrem Freunde sich sehnt, der Jugendliebe zu ihm gedenkt, ihre Sünde eingesteht. Und der Freund leidet mit bei ihrem Schmerze, erinnert sich an die Liebe ihrer Jugend, ihre Lieblichkeit, wie ihres edlen Wirkens, wodurch er in Liebe an