Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 3. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Das Judentum bleibt auch dem nicht fiberlieferungsgemäss die Dinge betrachtenden C hristen immer nur die Vorstufe zum Christentum, nach dessen Entstehung es zu verschwinden hat. Graff- Wellhausen hat durcli die Losung: Erst Deuteronomium, dem Priestergesetz der herrschenden Entwickelungslehre gemäss eine* der christlichen Auffassung willkommene Lösung geschaffen: Die jfidische Gesetzesreligjon ist jünger als die Prophetenreligion, folglich ist das Chrislentum keine Tochter des Judaismus, sondern hat vielmehr die im Deuterojesaia und den Psalmen liegenden Ausläufer des Prophetentums als Uebergänge zur eignen Ausgestaltung benutzt. So hat das Christentum nur ältere biblische Ueberlieferungen bewahrt und sich dem jüngeren Judaismus gegenüber ablehnend verhalten. Diese neue Auffassung ist um des darin liegenden Gegensatzes zum Judentum, wie auch als Mittel, das Christentum mit der Alles bedrohenden Entwicklungslehre zu versöhnen, gern von den herrschenden theologischen Richtungen aufgenommen worden. Besonders dem gesetz;sfeindlichen Protestantismus entsprach diese Verurteilung des Gesetzlichen und! die starke Betonung des persönlich Freiheitlichen in der guten Tat, der Religion und dem Sittlichen als einem allgemeinen Triebe, als einer allgemeinen Richtlinie Unter diesem Zeichen ist das Christentum 6elbst als Glied der Weltenentwickelung gerettet worden. Wohlgemut nimmt dem gegenüber an, dass die paulinische Lehre von den Neueren in einem ihr fremden Sinn umgedeutet worden ist; all’ der יVidersprucb, in dem diese Auffassungen zu den Tatsachen des Lebens stehen, ist aber darin geblieben. Es fehlt diesen angeblich hoben Auffassungen die Lebensgrundlage; das Judentum, das dagegen Aufgaben, die ,dem griechischen Denkertum entstammten, nicht überspannte, ist der Bewertung seiner Glaubens- und Lebenslehre im Sinne der nüchternen Wirklichkeit treugeblieben und hat sie nicht übertrieben, so dass sie im Leben wirken konnte. Bei Betrachtung <3 er Geschichtswissenschaft geht Wohlgemuth auf Schürer und Weber ein. Wohlgemuth zeigt, welch fremden Geist diese Forscher in die talmudischen Quellen hineintragen. In der Hagada, in den Midraschim sehen sie feste Gebilde und folgern demgemäss, um alle Schatten auf das Gesetz und die Gesetzesliebe zu werfen. Wohlgemuth dringt hier auf eine Beurteilung, die dem gemütvollen und dichterischen Grundton der freien Midraschim gerecht wird, nicht zuviel, aber auch nicht zu wenig aus ihnen folgert. Auch Schürer weist Vf. falsche Deutung und falsche Wertung und demnach falsche Schlussfolgerungen nach. Dazu gehört die im Judentum vermutete blosse Lohndienerei als gesetzlicher Trieb. Dagegen lehnt er die יron Schürer dem Judentum untergeschobene Losung: Gesetzeserfüllung und messiasche Hoffn u n g nicht ab, aber ohne den Nebensinn, dass die Ausübung