Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 3. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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120 materiellen wie die metaphysischen, die physischen wie die religiösen sind anf das sorgfältigste berücksichtigt. Jede dieser Kräfte bewegt sich frei innerhalb ihrer Grenze, keine überschreitet die ihr gezogenen Grenzen; alle aber wurzeln vereint in dem Boden der Moral. Die religiös dichtende Phantasie in Israel wollte in dem Bau und in der Einrichtung der Stiftshütte durch Moses ein Abbild der oberen Welt des Himmels erblicken. So könnte man mit Recht sagen, hat das Judentum mit seinen moralisch-religiösen und sozialen Ideen und Einrichtungen den Menschen im einzelnen und die Menschen in ihrer Gesamtheit als ein Abbild der Harmonie des Kosmos erfasst. Und wie dieser die scheinbar gegensätzlich getrennten Elemente durch ein uns unbekanntes höheres Gesetz zu gemeinsamen Zusammenwirken in sich vereint, erscheinen hier im Menschen die nach Wesen und Eigenschäften, nach Lichtfärbung und Temperatur scheinbar sich ausschliessenden Kräfte in der Richtung auf ein allgemeines höheres Ziel zusammengefasst. Dieses höhere Ziel ist das wahrhaft Menschliche in der Entfaltung seiner edelsten Grundkräfte in der reinen Sittlichkeit und in der reinen Religion. Das Fundament, auf dem das Judentum sich auf baut, ist die Anschauung von der reinen Menschlichkeit und von dem einheitlichen Menschengeschlecht. Diese Anschauung erweist sich als mächtige, tragende Kraft durch alle Phasen seiner Entwicklung: in der mosaischen, prophetischen und talmudischen Lehre, wie nicht minder in der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters und in der Literatur in der Gegenwart herein. Durch alle diese Geistesströmungen leuchtet diese klare, reine Grundlage der jüdischen Weltanschauung hervor und verleiht ihnen die milde Färbung und den ewigen Glanz der reinen, edlen Menschlichkeit. Mit genialer Kraft zeichnet das Judentum den Grundriss eines kulturellen Weltplanes für die Geschichte der Menschheit durch die Annahme eines einzigen gemeinsamen Urvaters des Menschengeschlechtes und eines dereinstigen Zeitpunktes der Verbrüderung aller Völker der Erde aus der geklärten Erkenntnis der brüderlichen Zusammengehörigkeit; vom \ Ursprung der Menschheit bis zum Ziel ihrer vollendeten Entwick-