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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1912-01-01 · 3. Heft. (1912) · p. Seite 100

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
34 (1912)
Issue
3. Heft. (1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 bewassst oder unbewusst mit dem Kusari des Jehuda Halevi Uberein nnd stritt mit freudiger Siegesbewasstheit gegen die einseitig vergeistigenden Denker. Wir finden überhaupt, dass Nachmani, weit entfernt von gutmütiger Jasagerei oder überscheidenem Glauben an fremde Ansichten, sich von der Verehrung starrer, wenn auch noch so glänzender Folgerungen fernhielt, dass er an den Tatsachen nicht vorübergehen und sich über die Wirklichkeit nicht hinwegsetzen wollte. Die Ansichten kühner Talmudisten stellen viele neue Gesichtspunkte auf, man müsste sich vor ihnen und vor ihrem Scharfsinn beugen — was frommt es einem Nachmani, wenn er in richtig geschichtlichem Sinno die ältesten Quellen befragt, die der Talmudzeit näher standen oder doch unmittelbare Ueberlieferungen besassen, wenn ein Rab Aschi, ein Verfasser der Halachoth Gedoloth, ein Alfassi sich anders äussern? Unbarmherzig hält er diese geschichtlichen Tatsachen den glänzendsten Geisteswerken entgegen und betont den geschichtlichen Standpunkt gegenüber der geistigen Selbstständigkeit soiner Zeitgenossen. Da erscheint es uns wohl, als wenn er vom Glauben an die alten Meister erfüllt wäre, als wenn ihm die Selbständigkeit fehlte, wenn wir ihn anderseits nicht in der Kühnheit seiner Ansichten bewundern müssten. Dieser klare geschichtliche Sinn gab ihm die Kraft, das Fremde vom Jüdischen za unterscheiden. Er traf auch nach unseren Anschauungen darin das Richtige, dass er da, w o es sich um Erkenntnis eines alten und rätselhaften Schrifttums handelt, wo eine wortkarge Ueberlieferung sich treu bleiben und doch in ihrem klaren Sinne den später Lebenden entgegentreten sollte, den ältesten Erklärern den Vorzug gab. War eine Ansicht die bestehende, und dieselbe sollte von einer neuen Auffassung beseitigt werden, dann hielt es Nachmani mit dem, was als ursprünglich im Volke lebte. Es ist eine alte geschichtliche Erscheinung, die sich unter den verschiedensten Himmelsstrichen und zu allen Zeiten wiederholte, dass nachdem das gesammte Wissen und dio gesammtc Kunst einen griechisch-glatten und wissenschaftlich-strengen Anstrich bekommen hat, sich der״Gegensatz dazu meldet, die alten volkstümlichen Ueberlieferangen die feine Hülle durchbrechen, and ihre Vielseitigkeit dem einheitlich Vernünftigen gegenüber zum Ausdruck gelangt. Im Judentum ist das durch Nachmani geschehen, und, weit entfernt von Gleichgültigkeit gegen die Denker und ihre Lehren, war er nur der bewusste Anreger aller Bestrebungen uod der Beleber aller Kräfte, die im Judentum selbst zum Gaten za wirken bestimmt sind.

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