Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 2. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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72 vorher besessen, nichts ist ihm geraubt — vielleicht ist ilun durch die freiwaltende Tatsachenwissenschaft noch ein reiches Gebiet zur Verarbeitung hinzugekommen. -Wo die sichtbare Welt aufhört, da beginnen die Fragen nach dem Innern, dem Zusammenhaltenden. Alle Forschungen, soweit sie sich auf die Aussenwelt beziehen, sind nicht im Stande, diese Fragen zurückzmlrängen. Nie regen sich in uns; sie entspringen dem Bedürfnis, die Lücken unseres Wissens nach dem Unendliehen in Zeit und Kaum auszufüllen. Das Bewusstsein unserer Kleinheit und Abhängigkeit, die Unentbehrlichkeit einer festen, unerschüttlichen Stütze in der sich wandelnden Welt und der klaren Grundsätze unseres Tuns und Lassens, wo wir ratlos auf uns selbst angewiesen sind — alle diese Triebe sind sich in der Menschheit zu allen Zeiten gleich geblieben. Man konnte diese Bedürfnisse zu Zeiten gering schätzen, sie hinwegleugnen, die Mittel zu ihrer Stillung beseitigen — sie regten siel» immer wieder mit gleicher Kraft. Die der Religion scheinbar abgestorbene Gesellschaft erwachte und pochte an die Pforten des Heiligtums. Das ist nicht etwa der Rest eines Gefühls, das dem Uebermensehen der Zukunft einmal fehlen wird — noch viel stärker wird es in ihm nach Maassgabe seines reicheren inneren Wesens vorhanden sein. Hier ist das ewige Gebiet der Religion, hier war es von jo vorhanden, und hier wird es zu allen Zeiten in seiner Kraft und Innerlichkeit zu finden sein. Und dieses Gebiet wird von der sich ausdehnenden Wissen- Schaft auch nicht verengt und um seinen Umfang gebracht. Es muss auch für den Nichtforscher dem welterklärenden Triebo entsprechen, und dem dient die Gottes- und Schöpfungslehre; es muss dem geschichtlichen Bedürfnis dienen, dazu gehört die Geschichte von der Gottesleitung der Menschen, von der Glaubensgenossenschaft bis zu ihren fernsten Zielen. Dom Streben nach einer Stütze des Tuns kommen die inneren und äusseren Satzungon entgegen, die dem tiefen Menschenkenner unbedingt als notwendig erscheinen werden; den Schwierigkeiten der Welt und des Lebens gegenüber sind die Tröstungen des Glaubens in Gebet und 11011nung unerlässlich; dem Triebe des Forschens und des Gedankenlebens kommen die verschiedenen Bücher des Glaubens entgegen, ja, ihm entspricht eine eigenartige Wissenschaft, welche den Glauben selbst und seine Gestaltungen betrifft.