Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 2. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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68 vor Harnack stets Kernpunkte des Christentums gesehen; von Renan, Strauss, Bruno Bauer mochten sie angegriffen werden — erst Harnack hat das ihm Unbequeme als unwesentlich fortzuglitten gewusst*). Nun bat die Bergpredigt gewisse Grundsätze der Weltflucht, der Gleichgültigkeit gegen das eigene Recht, gegen alles Besitztum, gegen die Freuden des Diesseits. Mit seiner Geschicklichkeit hat Harnack diese Grundpfeiler, die Eigenart und den Stolz des Christentums, sacht hinweggehoben und war der Ansicht, nun sei Anerkennung der Welt, des eigenen und fremden Rechts, des eigenen und fremden Besitztums, mit einem Worte statt der Welt flucht eine Welt freudigkeit die Grundlage des Christentums. ״So sei es in Wirklichkeit gemeint.“ Nun hatte man bisher eben jene Weltabgekebrtheit stolz dem Judentum und seiner Werkheiligkeit, seiner Veräusserlichung und Weltlichkeit entgegengehalten. Hat nicht Harnack dieselben Züge, die man als weltlich an Jsrael gehasst bat, dem Christen• tum verliehen unter dem Vorgeben, das Fortgedeutete sei das Unwesentliche am Christentum, die neuen, von ihm hinzugebrachten Züge seien das Wesen des Christentums, also das ihm Eigentfimliche, ihm Innewohnende? Nun hätte das Judentum wenigstens eine höhere Bewertung seines Wesens durch Harnack erzielen müssen, da das durch ihn Fortgedeutete dasselbe war, was man bisher im Judentum vermisst hatte, und das was ihm als das Innere des Christentums erschien, einer Anähnlichnng an die Eigentümlichkeiten ähnlich sah, welche man am Judentum immer verdammt batte. Aber siehe da! Als es sich darum handelte, das Judentum am Christentum zu messen, zog es im selben Augenblicke bei Harnack den kürzeren, wo derselbe Harnack alttestamentliclie Züge dem Christentum Verliehen hat. Der Tausendkünstler, der Alles beweisen kann, hat auch dieses Kunststück vollbracht, und das Judentum stand nun vor ״Studierenden aller Fakultäten“, auch vor jüdischen Studierenden, doppelt beraubt da. Der Vertreter des Freisinns und der Duldsamkeit war später im Stande, ein schroffes Vorgehen gegen Freidenker zu verteidigen; der Vertreter der rücksichtslosen Wissenschaft, auf den sich unsere eigenen Stürmer beriefen, ist gegen den Monismus in nicht freundlicher Weise vorgegangen. Wir werden Riesen Alles- •) Ohne aus der Kirche auszutreten, so dass er als berechtigter Veitreter des christlichen Gedankens galt und gilt.