Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 2. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492408-6582237-8773746--4191-4859225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und Gläubige einander nicht mehr mit misstrauischen und feindliehen Blicken betrachten. Ich weise es, dass diese Sitze eben so viele Sonderbarkeiten, wie Worte enthalten. Dass sie nur Wenigen zuliebe niedergeschrieben sind und dass die Meisten kopfschüttelnd fragen werden, warum gerade i c h diese Grundsätze ausspreche und ob ich das Ungeheuerliche derselben nicht bemerke. Es gibt in unserer eigenen Mitte ja die gleichen Kämpfe. Die Einen wollen alle Ergebnisse der Wissenschaft, ob sie die Welt oder die Bibel betreffen, auf die Kanzel bringen und in Schule hineintragen — Andere wollen das zum Teil, aber nicht ganz — noch Andere wollen die Güter des Glaubens nur dann für gesichert halten, wenn dieselben mit den Forschungen unserer Zeit gar nicht in Berührung kommen. Bezeichnend genug ist es für unser Zeitalter, dass von keiner Seite man die Wissenschaft offen, zu verbannen wagt — wir leben eben im Zeichen der Wissenschaft. Auch wer sie fernhalten will, gesteht sich dies selbst nicht, sondern betont es auch als sein Recht, ihr Diener zu sein, es aber nach seiner Wahl sein zu dürfen, dass heisst: nicht all' ihre Irrwege mitmachen zu müssen. Niemand kann leugnen, dass damit die Sachlage in allen Glaubensgenossenschaften genau gekennzeichnet ist. Niemand kann leugnen, dass von allen Seiten man Ueberbrückungen versucht, selbst wenn man die Wissenschaft für verderblich glaubt halten zu müssen. Die Bannflüche unserer Zeit gegen das freie Forschen, von welcher Seite sie auch kommen, sind an Heftigkeit, Offenheit und an Folgen mit denen früherer Zeiten nicht zu vergleichen, und selbst wo man Freidenker maassregelt, geschieht es mit so vielen Vorbehalten, mit so vielen Begründungen, dass man auch da den Zwiespalt bemerkt, in welchem der Richter zu seiner Pflicht sich befindet. Und umgekehrt! Die Freunde der Wissenschaft, zumal die Leute der rechten Mitte, die weisen Vermittler, — sie möchten wohl Freunde des schrankenlosen Forschens sein, sie bilden sich ein, es zu sein, aber sie sind es nicht; oder sie sind es nur bis zu einem gewissen Grade: So weit die Liebe zur Wissenschaft ihrer Glaubensauffassung nicht zu nahe tritt. Sie geben allerdings vor, die Sache der Forschung mit ganzem Herzen zu lieben, aber es darf nicht zu schlimm kommen. Im Innersten der Seele ist es nicht die Wissenschaft und kann es nicht die Wissen-