Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 2. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Harnack hat wahrlich nicht für den Vertreter der Rechtgläubigkeit gegolten. Von dem Augenblicke an, wo er im Apostolikum unechte Bestandteile ausgeschieden hat, bis zu jener späteren Zeit, wo er yor ״Studierenden aller Fakultäten“ eine vollkommene Umdeutung des Christentums mit Beseitigung aller ihm eigentümlichen Glaubenssätze, mit Einstellung einer Fülle bisher als ihm fremd angenommener Bestandteile vorgenommen hat, ist er von der Rechten stets mit Misstrauen betrachtet worden. In letzter Zeit ist er bemüht gewesen, von Vertretern freierer An- Behauungen abzurücken, selbst wenn sie in ihm ihren Verteidiger statt ihres Richters hätten sehen mögen. Der scharfe Ton, den er in seiner Synodalrede für gut gehalten hat, geziemte am ehesten _ einem Manne, der stets für die Ueberlieferung eingetreten ist, muss aber unbedingt überraschen bei einem Manne wie Harnack. Aber vielleicht hat Harnack, der Mann der freien Forschung, den Augenblick für geeignet gehalten, zugunsten des Herkommens gegen das Zuviel in der Wissenschaft aufzutreten? Vielleicht ist dieser Schritt gerade von seiner Seite als wirkungsvoller anzusehen, als wenn er von einem Vertreter altgläubiger Richtung gemacht worden wäre? Seht, kann man sagen, die monistische Art wird selbst einem Harnack, der doch etwas vertrage n kann, zuviel — wie übel muss es mit der Sache selbst bestellt sein! In dieser Auffassung liegt ein grosses, vielfach nicht *bemerktes Missverständnis, dem mit aller Entschiedenheit entgegenzuarbeiten ist. Es ist ein Missverständnis, anzunehmen, es gäbe einen gewissen Punkt, wo man dem Forscher einen Damm entgegentürmen müsse, bis dahin sei das Forschen ungefährlich oder gar verdienstvoll; sobald aber die Grenze berührt würde, müsse der kühne Denker zurückweichen und die Macht des Herkömmliehen' anerkennen. Es würde sowohl um den Glauben wie um das Wissen schlimm bestellt sein, wenn das möglich wäre. Wie verschieden- י• artig würden die Grenzpunkte sein 1 Jeder Einzelne würde da• Unangreifbare vom Andern verschieden bestimmen, und das dem Priester belassene Gebiet würde beliebig vor- und zurückgeschoben werden können, und dem Forscher würde sein Recht nach jedem Einzelbedünken beengt oder erweitert werden können. Das ist ja auch der tatsächliche Zustand der Dinge. Diese Unmessbarkeit und Vielgestaltigkeit der Standpunkte ist für die Notwen-