Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 34 (1912)
- Issue
- 2. Heft. (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Bilde zusammen. Lautlos horchen sie auf den Redner, der im Anschloss an seine Worte ihnen den dichterischen offenen Fehdebrief vorliest, oder derselbe wird in ihrer Mitte?erfasst. Der Eine entwirft den Anfang, er benützt dazo in witziger Weise einen Bibelvers, unter jabelnder Zustimmung der Versammelten überbietet ihn der Zweite, indem er den Reim dazu fiudet, einem Dritten stösst irgend eine entlegene Redewendung aus dem Talmnd auf, bis schliesslich ein ebenso beredtes, wie witziges und scharfgewürztes Schreiben vollendet und bald von den Unterschriften der Anwesenden bedeckt ist. Es wird in Abschriften von kundigen Männern vervielfältigt, und schon warten die Boten, die es in die Ferne tragen sollen. Gespannt harrt man in den Nachbargemeinden auf die Träger der Botschaften, sie nahen dem Orte ihrer Bestimmung, oder schon lange vorher, ehe der Empfänger etwas ahnt, ist es an den Strassenecken und an den Synagogentären zu lesen. Denken und Fühlen ist dichterisch und formenfroh, in geistvollen Dichterbildern werden Meister auf den Schild gehoben oder ihr Werke werden verurteilt. Der lebensfrohe Zug, der die ganze Zeit durchweht, ist auch hier nicht zu verkennen, wo man nicht um den Loorbeer des Dichters kämpft, nicht in öffentlichen Kampfspielen vor den Schönen der Zeit glänzen will, sondern die gesamte Judenheit um die Berechtigung oder Beseitigung eines Denker» Werkes streitet — bei allen dunkeln Leidenschaften, die dieser Kampf entfesselt hat, doch ein fesselnder, in der Geschichte so seltener Anblick. Es' fehlt in diesem Bilde auch nicht die entsetzliche Tat des Verrates, 2m den Brüdern geübt, vom Täter vor sich selbst mit dem guten Zweck entschuldigt. Salomon von Montpellier, da er sich selbst von Gleichgesinnten verlassen sah, nahm die Prädikatores zu Hilfe und vor den Augen der entsetzten Zeitgenossen loderte der Scheiterhaufen für den More Nebuchim empor. Jona Gerundi bewirkte das Gleiche in Paris. In schlimmer Folgerichtigkeit gingen die Mönche weiter als Salomon und Jona gewollt, sie verdammten das gesamte talmudische Schrifttum zur Vernichtung durch Henkershand, und so wurden in Paris viele Wagen davon vor der Sorbonne verbrannt. (Fortsetzung folgt.)