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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1911-01-01 · 4. Heft. (1911) · p. Seite 152

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
33 (1911)
Issue
4. Heft. (1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 scheibenhaft und fremdenfeindlich verengt war. Unter dem Zeichen des Humanismus verschwanden Hexenverbrennungen und Folter, regte sich die BlQte der deutschen Literatur im grossen Weimaranischen Zeitalter, im Humanismus allein konnte Deutschland das Vorbild der Vaterlandsliebe finden; ja, das dem Leben abgekehrte Mittelalter fand im formenfrohen Griechentum seine eigene Lebenslust erst wieder, musste sie also auf den TrUmmern Athens und Roms entdecken. Nun 8011 das Abgraben dieser Quellen mit einem Male von Heil sein, und ohne sie sollen wir die geistigen Gesammtgüter Europa’s wahren können? Der Gedrückte, der Geknechtete, der dem Humanismus Alles zu verdanken hat, — muss er nicht mit aller Kraft sich für den Humanismus bewaffnen, voll des Vertrauens, dass das freudige Leben der Gegenwart darunter nicht verkümmern, dass es neue Kraft gewinnen werde? Dass es nicht wahllos die alten Gedanken entlehnen, die alten Formen nachahmen werde, dass es den lebenskräftigen Geist jener alten Zeiten in sich werde aufnehmen können? Und 8011 aus gleichen Gründen der jüdische Gelehrte sich seinen alten Qnellen entfremden? Sollen aber vielleicht die empfindsamen wenigen Bestandteile, welche die Neuen aus dem gesammten Judentum noch wollen gelten lassen, die allgemeinen paar Grund- Sätze, welche die Luft des Lebens nicht atmen, sondern Ergebnisse des Schulschweisses und der Schulstreitigkeiten sind, uns jene umfangreichen alten Quellen ersetzen? Gerade diese wenigen Reste, diese allumfassenden Grundsätze, welche als Kennzeichen des Einzelnen willkommen sein mögen, stellen doch selbst eine Verarmung des Geistes, eine Ertödtung künftiger Lebenstriebe dar! Treibt uns der Talmud aus dem Leben hinaus? Ganz umgekehrt! Als Ausgestaltung der Thora, welche das ganze Leben umfasst, führt uns die Lebensfülle seiner Be- Ziehungen jeden Augenblick in’s Leben zurück, lässt uns durch seine Gegenstände immer auf Menschen und Menschenschicksale blicken, durch seinen Aufbau auf die Entwickelung des Geistes von Geschlecht zu Geschlecht, er zeigt uns den Einfluss der Zeitalter und ihrer Bewegungen auf den Talmud, die halachische Herleitung der Gegenwart aus der Vergangenheit, so dass schon aus diesen Gründen seine Schätzung oder Vernachlässigung die Kraft oder Ohnmacht des jüdischen Geistes kennzeichnet. Die grossen Zeitalter jüdischer Denker und Dichter waren stets erfüllt von starker Tätigkeit auf dem Gebiete des Talmuds.

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