Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 4. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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151 Haben die Literaturvereine nicht Vieles in Bezug auf Geschichte und Schrifttum Israe s gebessert? Soll das Gleiche nicht geschehen, wenn talmudische Fortbildungsvereine sich aller Orten mehren und es zum guten Tone gehören wird, sich den bezüglichen Gegenständen zu widmen? ״Aber unsere Zeit drängt ja fort von den alten Büchern, der Nützlichkeit, dem Wirklichkeitsdrange zu? Der Führer und der Beamt• der jüdischen Gemeinde darf doch die Zeitgenossen nicht vom frischen Leben hinweg zu alten Formeln und Schulquellen führen, muss vielmehr glücklich darüber seiq, dass wir einer Zeit des einseitigen Buchdaseins und Druckpapierlebens entronnen sind! Weshalb uns, die Kinder einer gegenwartsfrohen Zeit, wiederum hinweisen auf die engen Letirhäuser der alten־Judengassen, auf Lehrgegenstände, welche der Jugend gar nicht mehr verständlich werden sollen!“ So könnte man siegesbewusst zu uns sprechen und uns damit jede Berechtigung des Auftretens für den Talmud rauben und uns auch jede Aussicht versperren für seine Wiederbelebung. Vielleicht denkt unbewusst unser ganzes Zeitalter so und lässt darum stillschweigend das immer weitere Absterben talmudischer Triebe vor sich gehen. 1 Im Widerspruch damit steht allerdings das Eintreten für den Talmud den Judenfeinden gegenüber, die Betonung seines Geistes und seiner Geisteshpheit in eigenen Kreisen, um deren jüdisches Bewusstsein zu | festigen, und das Weiterbestehen wichtiger Anstalten und bedeutsamer Einrichtungen unter dem Zeichen des Talmuds. Sollen diese Dinge nur Ueberlebsel einer überwundenen Zeit darstellen, die an sich doch der Vernichtung geweiht sind? Zunächst ist der Wirklichkeitstrieb unserer Zeit den Gymnasialstudien, dem Humanismus, den alten Griechen und Römern gegenüber durchaus kein Zeichen grösserer Selbständigkeit und Kraft, sondern nur des stürmenden Vorgehens der jugendlichen Nachgeborenen, sich loszumachen von den Spuren einer grossen׳ Vergangenheit, der man all;8 Herrliche zu danken hat. Nicht der Verachtung des Geistige! verdankte Europa das Entdeckungs- Zeitalter und die grossen Kii chenbewegungen, sondern der Wiedergebürt der alten Wissenschaften; den Spuren der alten Kunst folgten Italien und Deutschland nicht zu ihrem Schaden. Unter dem Schutze des humanistischen Banners wuchs Freiheit, Gleichheit und Duldung hervor, während alles vorher mittelalterlich butzen-