Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 3. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492408-6582235-8773741--4053-4859099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 lebende Einfluss der Natur, den die alten Volker sonst als selbstverständlich annahmen, zu etwas Bewusstem. Lese Sombart den Sirach, um diese Seite die Wasserdichtung in der Naturdichtung zu beobachten. Lese er den Talmudtraktat Taanit, um die merkwürdigsten Aufschlüsse und Gleichnisse über das Wasser und sein Wirken zu finden. Lese er den Tal des Kalliri, das Frühlingslied zum Gottesdienste des ersten Pesachtages, und dessen Geschem, das Herbstlied für den Gottesdienst des herbstlichen Schlussfestes: Da wird er im Pijut des jüdischmittelalterlichen Dichters das Bild der Fluren finden, ihres eigentümlichen Lebens, ihrer Sehnsucht nach dem Wasser, des Wechsels der Jahreszeiten mit ihren verschiedenen WassereindrUcken; das Wasser als Gotteswort, als Gotteslehre, als belebende Macht — wunderbare, leider vom Umverstand zu oft verkannte Gemälde! Und dasselbe wird Sombart in vielen jüdischen Dichtern der spfttesten Zeit entdecken können. Was ergibt sich hieraus? Hier, wo Sombart Gegensätze unversöhnlicher Art ä la Chamberlain sucht, findet sich innigster Zusammenhang. Hier, wo er auf scheinbar so reiche Gedankengänge schmerzvoll verzichten muss, um der Hauptsache gerecht zu werden, bewirkt deren weiteres Ausdenken, dass sich das Gegenteil herausstellt, eine Gleichheit (bez. der Natur- und Wasserdichtung) der beiden zum Vergleich heranzuziehenden Volksgeister, die ihn gewiss auch zum Staunen bringen wird. Und so wie er hier in ״Göthe und das Wasser“ einen wichtigen Gegenstand zur Behandlung mit Sicherheit empfiehlt, 80 wird jedem seiner Gedanken etwas Wahrheit — das berühmte ״Körnchen“—innewohnen. Wie er aber hier einen Gedanken der ihm bestechend erschien, sofort mit ״neuzeitlicher dvSpewt“ für wahr hielt, nur auf dessen Ausführung vielsagend verzichten muss: So wird er vieles volltönend ausgesprochen haben, was, wie hier, der besonderen Prüfung nicht Stand hielt. Und er hätte es durchführen müssen, 80 gut er Religion und Geschichte in Erwägung gezogen hat: Die literarische Seite ist ja bei allen Betrachtungen bez. der Volkerwissenschaft von herrsehender Wichtigkeit. Konnte er es aus guten Gründen nicht im Einzelnen ausführen, so müssen derartige volltönende Orakelsprüche unterbleiben. Und so wie hier mit Sicherheit eine Lücke in dem Gedankenbau entdeckt ist, so werden sich deren viele finden! Wir haben in einem Literaturblatte uns mit dieser Seite beschäftigt und glauben damit unsere Pflicht getan zu haben.