Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 3. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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133 Er sendet sein Wort und läs^t sie schmilzen, es weht sein Tau wind — schon fliessen die Wasser!“ ״Und dräut der Winter noch 80 sehr mit trbtzigen Gebärden und streuet Eis und Schneo umher — es muss doch Frühling werden“, wie der Deutsche Emanuel Geibel empfunden hat. sich der Dichter nach Gott — da hört er das Nachtlied Und die steinernen Fluss- Im Psalmenpaar 41—42 sehnt wie der Hirsch nach Wasserquellen der niederrieselnden Quellflüt sehen, betten rufen jedes durch die Nacht: ״All’ deine Wogen und Wellen gehen Uber mich dabin!“ Damit tröstet sich der Dichter; auch seine Mitgeschöpfe müssen leiden. Psalm 124 sind die drohenden Gewässer, welche Ueberschwemmungen anrichten, Spiegelbilder der Völker, die Israel im Völkermeere wollten verschwinden lassen; Psalm ,23 vertraut das Lamm dem Hirten, er werde es an ruhige Quellen leiten, um es zu erquicken; Psalm 135 sind die Bäche Babels, in denen sich Trauerweiden spiegeln, der stimmungsvolle Hintergrund für die um Zion klagenden Leviten. Ist das nicht echte Naturdichtung? Spricht hieraus nicht die tiefste Sehnsucht nach der Natur, nach den bewässerten Fluren, die Freude an ihrem Anblick, das tiefe Gefühl, mit Wald und Flur eins zu sein? Zwischen Götiie und der Naturauffassung Israels ein Gegensatz? * Ganz umgekehrt! Durch Herder ist Göthe nochmals zur Bibel zurückgeführt worden, und ihr hat er diese Bilder nicht entlehnt, sondern nachgeftihlt, so dass die Götbe’sche Naturdiebtung aus der biblischen Naturdichtung allein stammen kann. War er doch gerade fähig, diese Seite der Bibel recht zu empfinden. Es lässt sich nachweisen, dass dies Gefühl für Natur in der Dichtung eine Eigenschaft der alten Völker nicht sein konnte, da sie ja in ihr lebten und eine Sehnsucht nach ihr nicht empfinden konnten. Erst die Zeitalter eines Theokritos, noch mehr eines Horaz waren dieses Gefühls der Nachgeborenen fähig. Wie kam es aber, dass alle Seiten der Bibel davon voll sind? Durch den Glauben an den einen Gott und Schöpfer, aus dessen Hand Alles stammt. Dem jüdischen Dichter stehen keine Najaden und Dryaden, keine Meeres-, noch Himmelsgötter hemmend entgegen, vielmehr drängt es ihn dazu, die Wahrheit seines Glaubens durch das Gefühl der E nheit in der Natur zu beweisen. So sieht er in allem Sichtbaren eiwas dem eigenen Wesen Verwandtes, d48 Werden und Vergehen des; Baumes, der Pflanze und des Mensehen stellt sich ihm als Wirk en derselben Macht dar, die Ordnung und der Zusammenhang aller Dinge, eine liebevolle Zeichnung ihrer äusseren Mannigfaltigkeit und Er3cheinungsart wird Lieblingsgegenständ seiner Dichtunget — 80 zieht die innige Liebe zur Natur und ihren Einzelheiten in sein Herz, 80 wird ihm der be-