Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 2. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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92 bringt ans dem seelischen Einheitsgesetz der Welt nahe and erhebt ans so aber uns selbst. Gerade hier, wo es galt, die alte starre lehrhafte Kunstaaffassung in den Strom echtmenschlichen Tatsachenerkenntnis za lenken, hat Moses Mendelssohn eingesetzt. Er blickte, durch die hergebrachten Ueberlieferungen nicht gehemmt, durch seinen bisherigen Kampf mit dem Leben dazu ausersehen, mit freierem Blute auf diese Fragen. Mendelssohn erkennt der Bahne andere und freiere Lebensregeln zu, als der Wirklichkeit. Steht ihm auch die Selbstbezwingung sehr hoch, so gehört doch seine Mitempfindung dem leidenschaftlichen Kämpfer in des Lebens Drang. Er will grosse, sich frei auslebende Menschen, Gesamt• bilder, die der Künstler aus dem Wirrwarr der Wirklichkeit sich zusammensetzt, als wäre der Zweck der Gesammtwelt die Schönheit. So wird er zum Nachbildner der Schöpfung, und seine Gestalten verlangen den gleichen Glauben wie die Wirklichkeit. So entsteht die augenblickliche Täuschung. Lessing sieht die Wirkung in der Steigerung unseres Innenlebens durch die Erregung Diese Anschauungen Mendelssohn haben, wie Petsch ausspricht, eine Zeit lang Leasing zu freierem und weniger der Lehrhaftigkeit zugeneigten Ansichten gebracht, als er in der Dramaturgie geäussert. Petsch neigt hier einer Ansicht zu, gegen die ich mich jederzeit gewehrt habe. Wenn Leasing sich gegen die Kleopatra des Corneille, gegen seine mit dem Verbrechen sich brüstenden Helden und Heldinnen erklärt, so hatte er dabei nicht etwa einen Richard UI. im Auge. Man muss Corneille nur lesen, um seine Uebermensehen, noch mehr seine Ueberdamen Ober zu bekommen. Lessing selbst hat sich stark genug gegen das Lehrhafte, gegen irgend einen Satz erklärt, den man aus einem Dichterwerke ziehen wollte. Dass der Anblick eines Vorgangs oder einer Handlung schon in der Wirklichkeit in höherem Sinne belehrt, ist doch Tatsache. Man müsste sich denn wie viele der Neuesten, mit blossem Bruchstücken von Eindrucksteilchen und deren übermässiger Ausmalung befassen. Das ist aber denn nicht das höhere. Nicolai neigt trotz seiner Anerkennung der regelmässigen Form (selbst gegen Shakespeare) doch der englischen Bühne zu. Bei Shakespeare ist es die Fülle, die Massenhaftigkeit der Lebenseindrücke die ihn mitfortriss, während der tiefe Plan Shakespeare’scher Dichtungen ihm ▼erborgen bleiben musste. Die Nicolarsche Schrift über das Trauerspiel bot die Anregung zum Lessing und Mendelssohn’schen Briefwechsel, dann ist der Buchhändler in den Hintergrund getreten und die beiden Forscher erörterten die Sache ohne ihn. Mendelssohn geht bekanntlich von dem Mitleidsgefühl aus, das uns selbst dem Verbrecher auf dem Schaffott gegenüber ergreift, geschweige denn dem schuldlos leidenden Helden gegen-