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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1911-01-01 · 2. Heft. (1911) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
33 (1911)
Issue
2. Heft. (1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 90 (sequence 42)
Language
German
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90 sagt: Die ganze Dichterkraft dieses überlegenen Geistes ist vielmehr durch Verkennung des echten Aristoteles, ja, durch die sklavische Achtung von den gelehrteu Richtern seines Cid gehemmt und gebrochen worden. Dann hat Dacier in der Erklärung der aristotelischen Dichtkunst noch den Rest dichterischer Unmittelbarkeit verwässert und beseitigt. So konnte die Auffassung des tragischen Helden stets nur von Seiten der Schuld oder Unschuld am eigenen Schicksal, also wiederum von der sitt* lieben Seite gefasst werden. Dass ״der Formalismus der klassizistischen Dramaturgie durch Pierre Corneille endgiltig überwunden sein 8011“, wie Petsch (S. XIX) sagt, ist mir nicht einleuchtend. Wenn wir vom Cid absehen, so hat sich Corneille als ausübender Dichter immermehr in den Dienst der starren Schulregeln, wie er sie verstanden hat, gestellt, nur dass er den Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, dabei den ernsten Normannen und den Schüler der spanischen Bühnendichtung nicht verleugnen konnte. ״Mittelcharaktere“ hat er kaum; nicht einmal seine Nebenpersonen sind dafür anzuzeben. Wie ״exemplarisch“ seine Helden aussehen, das empfindet man sofort, wenn in ihnen sich ganze Gesetzbücher der Pflichtenlehre und ihres Gegensatzes, des Verbrechens, stets aussprechen, sodass sie oft nur verkörperte Eigenschaften guter oder übler Axt sind. Wenn er in seinen Erklärungen über das Trauerspiel sich freier zu zeigen scheint, so liegt das daran, dass er den Diskurs später, als seine Trauerspiele geschrieben, da er erst damals die Poetik genau gelesen hat. Die ״Kämpfe zwischen Pflicht und Leidenschaft“ (S. XXI) bleiben nicht deshalb starr, weil ״die antike Theorie es verlangte“, sondern weil Corneille in sich etwas Starres hatte, was immer mehr in ihm zur Geltung kam. Gerade darum hat er den Formalismus als Dichter allherrschend gemacht. Wenn Racine der Dichter der Moderne wurde, der Verkünder der Leidenschaft und ihrer unveräusserlichen Rechte, 80 hat er mehr als ein Anderer auf die Alten, zumal auf Euripides zurückgegriffen, dessen Grösse er erkannt und allen Splitterrichtern gegenüber verteidigt hat. Racine ist der antikste Tragiker Frankreichs in seiner Menschendarstellung, und darum auch der modernste, weil er in seinen Vorwürfen sich nicht an Aeschylus oder Sophokles gehalten hat (in Britannikus und Mithridat hat er bewiesen, dass er auch das Grosse darzustellen versteht, wie etwa Göthe in den geschichtlichen Szenen seines Götz oder Egmont), sondern an den uns näherstehenden Euripides. Mit Recht stellt Verf. dar, wie trotz des weiteren Gesichtskreises der Aufklärung, der sich von England aus Frankreich mitteilt, erst die Kenntnis Shakespeare’s in Voltaire kräftiger nachwirkt; in ihm steckt schon, ihm halb unbewusst, der Widerstand gegen den Pseudoaristoteles, mit dem er nur nicht völlig brechen kann.

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