Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 2. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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89 griechischer and französischer Trauerspiele (ich sehe die gelben Velh&gen und Klasing’schen Heftchen ganz deutlich vor Augen), einen Shakespeare augenverdei blichsten Londoner Druckes in einem Globe-Band — so sitze ich da und lese die fünf roten Hefte in einigen Tagen in endlosen Sitzungen durch. Dies Lessing’sche Werk trieb mich zum Aristoteles, zu Laharpe, zu Schlegels Vorlesungen — es bezauberte mich durch die Gründlichkeit und zugleich stete Lebendigkeit der Darlegungen, durch die Weite und Vielseitigkeit der Standpunkte. Besonders eines hab’ ich ihm zu danken: Die Freude an wissenschaftlicher Erörterung, die Furcht, Ober Aeusserlicbkeiten (gleich den falschen Aristotelikern) das Wesen der Sache aus deu Augen zu verlieren (wie jene den echten Aristoteles), und den G lauben, dass nicht durch Wissenschaftlieben Kirchhofsfrieden, sondern nur durch frischen fröhlichen Streit und Kampfesmut Nichtiges und Hemmendes verschwinden und das Kernige sich zeigen kann. Lessing ist uns bereits zu enge geworden; seine Zeit- und Kampfgenossen haben wir vergessen. Das ist von Uebel. Jeder Schritt, der über Lessing hinaus nicht im Wesentlichen wieder zu Lessing geführt hat,־ ist wahrscheinlich ein Fehlschritt. Wie weit wir in der Kunst gekommen sein mögen, ohne Beachtung seiner Warnungen wird immer wieder ein lessingartiger Geist nötig sein, um uns über weichliche Augenblickstimmungen und empfindsame Tiefbohrungszer laserungen wieder zur Betonung des Grossen und darum unendlicli Wirksameren zu bringen. Robert Petsch führt uns hier Lessings, Mendelssohns und Nikolai’s Briefwechsel über das Trauerspiel vor und versetzt uns damit in die Zeit unseres Werdens, als ein deutsches Schrifttum entstand.1) Eine eingehende Einleitung führt uns die allgemeinen Fragen der Trauerspielform t nd deren besondere Prägung bei den drei genannten Schriftstellern vor. Die Texte bringen zuerst Nikolai’s Abhandlung über d:18 Trauerspiel, dann den Briefwechsel der drei aus 1756 und 57, endlich Mendelssohns Arbeit von der Herrschaft über die Neigung;n. Mit Recht weist Petsch in der Einleitung auf das Streben, nach einer geschlossenen weltlichen Kultur als unbewussten Grundtrieb der Kunstrichtungen hin, woher die alleinige Berücksichtigung der griechisch-römischen Kunstformen begreiflich ist; ebenso die einseitige Ausnutzung der gelegentlich hinzugeworfenen aristotelischen oder horazischen Ansichten über die Dichtung, zumal über das Trauerspiel. Pie aristotelische Reinigung der Leiden^ schäften wurde von den Humanisten sittlich aufgefasst, wie sie Skaliger, Heinsius, Chapelain und ihre Gefolgschaft bis auf Laharpe und Gottsched überlieferten. Dass ״auch Corneille nicht frei war“ von sittlicher Auflassung der Frage, ist zu wenig ge- י) Gelegentlich der Nikolai'g(|l Kronegk's und anderer Genossen Tn hen Freisaasschreibang, ׳anerspiele einliefen. auf welche Brawe’s,