Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 2. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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auch in seiner späteren, dem Judentum abgewandten Stellung keineswegs seine rabbinische Schulung und Gelehrsamkeit. Zwar war es bisher schlechte Gewohnheit, das Neue Testament aus sich heraus erklären zu wollen; aber wie sehr sich diese mangelhafte Methode gerächt hat, beweist so mancher circulus vitiosus, der noch immer in Vorlesungen und in Lehrbüchern als unnützer Ballast mitgeschleppt wird. Noch mehr Unheil stiftete diese Methode bei der Erklärung der Briefe des Apostels Paulus, da seine Auseinandersetzungen naturgemäss auf seine rabbinische Bildung zurückgehen und sehr oft als Antithesen gegen seine früheren religiösen Anschauungen nur von dieser Basis aus dem Verständnis näher gebracht werden können. Aber bei der Benutzung der Mischna vonseiten der Christliehen Theologen stellen sich unüberwindbare Schwierigkeiten entgegen, weil die Mischna, wie sie vorliegt, erheblich später redigirt ist, als die Evangelien und Paulusbriefe abgefasst sind, und auch in dem wohl grössten Teil ihres Bestandes später konzipiert und niedergeschrieben ist als diese. Soll also die Mischna zur Erklärung dieser Teile des Neuen Testaments mit Vorteil verwendet werden, so muss vor allen Dingen festgestellt sein, welche mischnischen Bestandteile bis ca. 30 n. Chr. (Lehrtätigkeit Jesu) oder bis 40 n. Chr. (Bekehrung des Paulus) oder endlich bis ca. 70 bis 100 n. Chr. (Niederschrift der Evangelien) vorhanden gewesen sind, denn sonst könnten Beziehungen gefunden werden, die an sich irrtümlich sind; wie denn ja auch die bisherige kritiklose Verwendung des Talmuds bei der Erklärung des Neuen Testamentes fast immer zu falschen Parallelen verleitet hat. Von dieser Perspektive aus musste ich es seiner Zeit, als ich mit den Schriften des Herausgebers dieser Zeitschrift, Herrn Dr. L. A. Rosenthal,3) bekannt wurde, mit der lebhaftesten Freude begrüssen, dass seine Forschungen nach dieser Richtung ף Ich habe keine Veranlassung, diese zustinunenden Aensserungen deshalb zu unterdrücken, weil sie für meine Zeitschrift bestimmt sind. Umgekehrt! Meine Pflicht wäre, diesem (Dr die Sache so wertvollen Urteile des Herrn Oberlehrer Bahr in weitesten Kreisen Gehör za verschaffen. Nur unter den durch mich von je vertretenen Voraussetzungen, die sich ja immer mehr Geltung ver• schaffen, kann das Talmudstudinm seine Berechtigung betonen, Gegenstand grosszügiger, reinwissensschaftlicher Bestrebungen zu sein, die in der allgemeinen Bildungs- und Geistesgeschichte liegen. Durch diese Voraussetzung erlangen ent die schon längere Zeit betriebenen Einzelforschungen ihren Wert. — Ich mBchte nur hier noch bemerken, dass ich bei aller Gewissheit bezüglich der Ent-