Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 2. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 bin mehr wife geschehen Rechnung tragen sollen: Haben jüdische Kreise sich in hochherziger Weise bereit gefunden, für das gemeine Wohl so grosse Opfer zu bringen, so sollte man dieser Opferwilligkeit den Dank dadurch zollen, dass man, wenn auch nicht eine ganze Fakultät für jüdische Theologen, 80 doch wenigstens einen Lehrstuhl aus diesem Gebiet — den wichtigsten — für talmudische Forschungen errichtete. ') Damit fordere ich nichts Unerhörtes, sondern etwas, was längst hätte bestehen sollen, was aber bisher wohl nur deshalb unterblieben ist, weil es die zunächst beteiligten jüdischen Kreise an der nötigen Initiative mangeln Hessen. Aber wie gesagt, eine 80 günstige Gelegenheit wie hier dürfte sich kaum noch bieten. Und sollte sie diesmal versäumt werden, so dürfte damit aller Wahrscheinlichkeit nach diese ganze Angelegenheit vielleicht für immer ad calendas graecas gelegt sein. Doch nun das Wichtigste! — - Trägt die oben gestellte Forderung nach einem Lehrstuhl für talmudische Forschung auch ihre notwendige Berechtigung in sich? Oder ist die Forschung im Talmud eine Winkel- oder Afterwissenschaft, die es als solche nicht verdient, im Rahmen einer Universität geflegt zu werden? — Mein Urteil hierüber dürfte umsomehr ins Gewicht fallen, da ich als Nichtjude diese Zeilen, ohne dazu von irgend einer Seite angeregt zu sein, geschrieben habe. ' Die fundamentale Bedeutung der talmudischen Forschung ergibt sich aus zwei Beziehungen: 1) aus dem Interesse, das das Judentum als Religionsgemeinschaft und 2) aus dem, das die christliche Theologie, vor allem die neutestamentliche Wissen- Schaft, an ihr zu nehmen hat. — נ) Es liegt ans hier fern, die allgemeine Frage zu berühren, ob die Theologie auf den Hochschulen zn behandeln sei. Eine Wissenschaft ist sie jedenfalls, durch ihre Geschichte hängt sie mit der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zusammen. 8011 die Universitas litterarum also allen Geistestrieben des Menschen* geschlechtes entsprechen, so würde man die reinwissenschaftliche Behandlung der bezüglichen Gegenstände (ohne jede Berücksichtigung einer Glaubensrichtung) recht wohl der Hochschule Zutrauen, während man die besondere Behandlung zum Zwecke geistlicher und gemeindlicher Ausübung den theologischen Seminarien überlassen konnte. Bei solcher Gestaltung der Tatsachen würde ein reinwissen• schaftlich-talmudischer Lehrstuhl keine Ausnahmestellung des Gegenstandes zu seinen Gunsten voraussetzen, sondern völlig den allgemeinen wissenschaftlichen Forderungen entsprechen. Ueber die Möglichkeit einer solchen Sonderang s. mein 1002 bei Poppelaner erschienenes Schriftchen ,,Zurück zur Bibel 1** mit dem Nachtrag ״Bibelwissenschaft und Rechtgläubigkeit“. (Red.)