Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 33 (1911)
- Issue
- 1. Heft. (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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44 So bat Beer nicht gemerkt, dass der Vorgang der Sabbatfeier vom Vorabend bis zum Ausgangsabend in der Mischna Sabbat ursprQnglicb geschildert werden sollte. Wir haben in unserem ״die Mischna ff. erste Hälfte“ mehrfach so die äussere Reihenfolge der Tatsachen als Ursachen der Mischnaordnung aufgedeckt. (S. Berakhoth S. 2 § 3, Schebiith 105 oben). Ein gleiches Grundgesetz haben wir in Maasseroth und Maasser scheni entdeckt. Und die Tossafisten erwähnen es bereits am Anfang der Gemaraausgaben für Sabbat, Pesachim und Joma. Das Streben des Verfassers, im Sabbat den Geist der Kasteiung zu finden, hat ihn den natürlichen Zusammenhang verkennen lassen. Welche gewaltsame Verrenkungen muss sich der Stoff gefallen' lassen, um zu bezüglichen Seitenbemerkungen Veranlassung zu bieten! Wie kann ein geschichtlicher Weg von der Mischna der beiden Schulen in das graue Altertum zurück zu Delitzsch’scher Gleichsetzung der Keilschriftenfunde mit der Bibel und ihrem Sabbatgesetz führen! Das Hineinziehen der Assyriologie in alle mögliehen Gegenstände schadet und verwirrt nach allen Seiten hin. Und dann behandelt Beer S. 23־ ff. die Sabbatmi6chna, als wenn sie allein die von ihm bemerkten Kennzeichen trüge, während sich die gleichen Züge der feinsten Ausgestaltung überall in der Mischna finden. Merkwürdig, dass Beer sogar das Drängen auf gute Sabbatspeisen mit dem strengen Blicke des geschichtlichen Richters betrachtet. Dass man vom Sabbat ein Behagen besonderer Art gerade bei strengster Feier empfand und empfindet, wird kein Vertreter der Schürer’sehen .Last des Gesetzes“ glauben. Statt es ausserdem anzuerkennen, dass die Mischna bei rabbinischen Ver- Ordnungen auch Erleichterungen eintreten lässt, wird das eine ״Dupierung Gottes“ genannt. Bei den Dochten von Perek 2 wird ״Pflanzenaberglaube“ vermutet. Dass die Pharisäer das Sabbatlicht gestatten, (sagen wir doch lieber fordern) liegt nach Beer daran, dass der Sabbat als Freudentag nie ganz vergessen wurde. So laufen Askese und alte Volksanschauung nebeneinander her, und was in das eine nicht passt, steckt man in’s andere. Ohne diese Zugaben würde Verfasser de.n Stoffe eher gerecht geworden sein. Aber in einem schwergestalteten Buche eben lesen lernen und sofort geschichtliche Urteile fällen, das entspricht nicht dem Geiste strenger Wissenschaftlichkeit. Trotz vieler Ausstellungen müssen wir aber doch die Beer’sche Mischnabehandlung, zumal soweit sie den Stoff zu gestalten und zu ordnen sich bemüht, als einen Fortschritt bedeutsamer Art betrachten. Die Behandlung, die ich selbst der Mischna seit lange zu teil werden lasse, findet in christlichen Kreisen ihr Spiegelbild, auch der Versuch, die Dinge zeitgeschichtlich zu deuten. Wann wird für uns die Zeit kommen, wo wir solche Versuche als wichtig und nicht mehr als überflüssig ansehen und selbst daran teilnehmen werden? Inzwischen lassen wir den Talmud wissenschaftlich miss-