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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1911-01-01 · 1. Heft. (1911) · p. Seite 40

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
33 (1911)
Issue
1. Heft. (1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 40 (sequence 40)
Language
German
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40 logisch-politischen Traktat vor. Während die Ethik die Ruhe des einsamen Denkers zu verkörpern scheint, stellt sich uns in genanntem Traktat eine Streitschrift dar. Da tritt der Denker aus sich heraus, die Strenge des wissenschaftlichen Ausdrucks weicht der lebhaft erörternden Sprache, 80 dass der Traktat die volkstOmlichste und meistgehasste Schrift Spinoza’s geworden ist. Carl Gebhardt leitet seine Uebertragung durch eine Abhandlung ein, die durch mannigfaltige neue Ergebnisse überrascht. Was uns besonders angesprochen hat, ist die gründliche Zerstörung der Sage von dem alten und ruhevollen Spinoza, an dessen Stelle ein kampfesfreudiger Tagesschriftsteller tritt. Etwas davon habe ich schon vor Jahren in meiner ״Monistischen Philosophie“ ‘) geäussert. Die Spinozische Ethik selbst erschien mir damals durchaus nicht als ein dem regen Leben abgekehrtes Buch — umgekehrt! Ich sah die Mächte und Gestaltungen des regen Lebens in der Ethik walten, während lediglich die Form, die geometrisch beweisende, für unsere Empfindungen dem Buche eine versteinerte Gestaltung zu geben scheint. Ein weiterer wichtiger Nachweis tut dar, dass Spinoza mit der Trennung zwischen Glauben und Wissen den ״Moreh Nebuchim“ des Maimonides bekämpft bat, welchen Gebhardt den grössten Gegner Spinoza’s wegen seiner Gleichsetzung beider Mächte genannt bat. (Wir bemerken, dass Spinoza’s Gegner Leibniz den Maimonides gern und anerkennend anfuhrt). Der Traktat zeigt öfter Mangel an Folgerichtigkeit. Das will Gebhardt aus zeitgeschichtlichen Gründen herleiten. Er tritt der Gottessohnschaft Jesu nicht entschieden entgegen, wie er es auch vermeidet, die Echtheit der neutestamentlichen Schriften zu prüfen. Kapitel 14 mit seinen allgemeinen Sätzen stammt nicht aus den Forschungen Spinoza's, sondern stellt die Grundsätze der Neutralisten, also der freisinnigen holländischen Regentenpartei dar. Der Traktat sollte nicht die Kreise Jan de Witt’s stören. Dieser hatte bereits durch Erlasse die Gottesgelehrten und die Denker angewiesen, im eigenen Geleise zu bleiben und nicht zu einander hintiberzugreifen. Spinoza hat diese Stellungnahme der Regierung mit seinem tract. theol. pol. verteidigt. Die Vernunft hat nach Spinoza mit dem Glücksstreben des Menschen nichts zu tun; die Offenbarung ist es aber, die das Glück des Menschen begründen soll. Darum soll auch die Bibel nicht philosophisch gedeutet, sondern in ihrem eigenen Sinne gelesen und gelehrt werden. Auch dass Spinoza einen Adelsfreistaat zu empfehlen scheint (man hat hierin den Traktat in entgegengesetztem Sinne verstanden), liegt in der Uebereinstimmung mit de Witts Auffassungen bezüglich des Freistaates. Die Eigenart des Stils kommt daher, weil Spinoza spanische Muster hatte, also ausfliegender schrieb, als die steifen Holländer. Da spricht eben der Sefardi. ') Wilhelm Friedrich’» Verlag, Leipzig.

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