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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 11 u. 12. (1909/10) · p. Seite 191

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 11 u. 12. (1909/10)
Date
1909-01-01
Page
Seite 191 (sequence 15)
Language
German
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191 So wiird diese neue Forscht durch Wahrheitstrieb erhöhte Ehre bere Er wird vielmehr sich umso inniger zu den Gesetzen des geistigen und geschieh ng zu einem neuen Bestandteile der heiligen Wissenschaft, der ihr itet, ohne dem Freunde der Ausübung sein GefLhl zu nehmen, leinen Satzungen u 1d Bräuchen hingezogen fühlen, je mehr sie tlichen Lebens der Menschheit entbrechen. Besprechungen: Nietische und Weichelt. (Schluss.) Trotzdem Weichelt sich zu Nietzsche in entschiedenem Gegensatz befindet, kann man ihn doch nicht zu den Nietzschekläffern zählen. Wer so ruhig beo>acl1tet, der kann nur sine irä und Studio ״jenseits von Hast und Liebe“ bleiben. Lange Zeit ist dem Leser dje persönl che Stellung Weichelts zu Nietzsche garnicht durchsichtig — man muss in ihm sogar zuerst einen begeisterten Anhänger vermuten. Unter dieser Maske gelingt es ihm, urs zu seinen Begleitern zu machen, und so lernen wir Nietzsche unter seiner Führung genau kennen. Aber es wird uns, wenn Vf. uns zu begeisterten Stimmungen erhebt, dcclt Stets die Schranke des Nietze’schen Geistes und Könnens gezeigt, so dass er uns messbar bleibt und wir ihn nicht gleich göttlich verehren. Schliesslich müssen wir denn auch dem vernichtenden Urteil zustimmen, das Vf. über iie vielfach überschätzte Lehre Nietzsche's fällt. Aber er ist dankbar. Er erkennt die Freuden an, welche er an Nietzsche gehabt hat. Wie viele geniessen, ja, benutzen die Werke, welche sie öffentlich verurteilen — wie schön, von dem genossenen Mahle nichts zu verraten, Anderen dagegen die Sache :u verleiden und den Verfasser um jeden, auch nur geistigen■ Erfolg zu bringen I Wie anders Weichelt! Ihn hat eingestandenerntaassen Nietzsche immer wieder zu sich geraten, immer wieder an sich gefesselt. Die Schönheit der Sprache ist das Eine, was er empfindet, was aber die .Meute nicht mitfühlen kann und ein anderes ist der sittlich! s Ernst, der den Spott und die Um.välzungsabsichten adelt und vom Grossen ein Selbstgericht verlangt. Die Liebe zu den Fernen soll an den Nachkommen gut machen, .vas die Vererbung im Schlimmen gesündigt hat. Der \\ iederkunftsglauben will das Leben wiederholenswert gesi alten. Und das gewaltige Rütteln am Bestehenden bringt loch immer einen Schritt näher zur Freiheit des Geistes. Zarathustra weist aus der Schule und ihren Gedanken stets in das Leben hinein. Nietzsche erkennt den Untersch ed zwischen Schein und Sein, und als Strandender weist er uns doch auf die Flut des Wirkens und Strebens hin. Er selbst wird uns zum Beweise der,stolzen menschlichen Willenskraft. So bietet uns Weichelt ein Doppelurteil üb :r Nietzsche. Das eine, das dc־m gedanklichen Aufbau des Werkes gerecht wird und alle W idersprüche in demselben tervorkehrt; das andere, das auf’s Unbewusste ausgeht und hinter dem Werke das Wesen des Verfassers und das Geheimnis seines Wirkens sucht. Möchte jedem Verfasser ein solcher Beurteiler werden — es würde besser um Wissenschaft und Kunst stehen. Man würde nicht um einiger Sätze willen, w siche Einem widerstreben, ja, selbst um des Hauptgedankens willen, der Einem fremd ist, Verfasser und Werk verwert sn, sondern sich seines eigenen Wesens auf einige Zeit entschlagen und den Anderen zu verstehen suchen. Und dieses Loswerden des eigenen Selbst ist eine so grosse Wohltat, dass man solche Stimmungen immer wieder aufsuch« n muss und seinem eigenen Wesen im Leben dadurch um so getreuer sein wird. Weichelt scheint die Zerflossenheit uns :rer Zeit in Gedanken und Gefühlen nicht zu lieben, und < s zieht ihn nach der alten, hausbackenen, aber gesunaen (ieschlossenheit und dem lückenlosen Zusammenhänge 1 in. Darum bekennt er sich auch zum humanistischen Gymnasium, also zur griechisch-römischen Grundlage unserer Bili ung, welche durch die Jahrtausende erprobt ist. So scheint aus Weichelt eine geschlossene und gefestete Weltanschauung herauszubiieken. Und das bekräftigt uns den Wert der Besprechung denn sein ganzes Buch ist eigentlich nichts a nderes). Was wir an den verschiedensten Stellen ausgesprochen haben, die •Zweifel an der Nietzsche’schen Lehre, das l>estätigt sich uns in der Weichelt’schen Darstellung, und darin liegt schon die Anerkennung der ererbten Lebensmächte und der herkömmlichen Glaubens-und Sittenlehren. Wir möchten dabei einige Bemerkungen über die Nietzsche’sche Lehre machen. Merkwürdig ist und bleibt trotz aller Erklärung dieser Sturmlaüf gegen dasselbe Leben, das er in seiner Buntheit und Gewaltigkeit gekannt hat. Nietzsche, der das Leben suchte, war nur ein Mann der Schule und hat das Leben nie selbst erprobt. Wohl aber sind inm die wissenschaftlichen und künstlerischen Bemühungen um die Gestaltung einer vaterländischen Kunst bekannt gewesen. Da bemerkte er die Schattenseiten, welche in der Geistesv eit ebenso dauernd sind, wie in der Wirklichkeit. An der Spitze alte, sicherstehende, dem Kampfe und der Unsicherheit längst entzogene Geister, die darum kein Ringen mehr mitempfinden können und alles neue darniederhalten. Was als t.'.dellcs anerkai.nt wird, ist aber eben farblos und unbestimmt; was als zweifelhaft, als nicht durchgebildet, als gefährlich gilt, das ist eben das Neue, das Belebende, das, was eine neue Welt hersteilen kann. Was kann nun als belebend empfohlen werden י Der bittere Kampf gegen diese farblose und tadelfreie Welt, in der die Gemeinplätze mit grösster Selbstgefälligkeit zum Ekel oft wiederholt werden, ohne dass man bedenkt' oder vielleicht weil man weiss, dass aus dem Ungewöhnlichen und Seltsamscheinenden immer eine neue Geisteswelt auf den Trümmern der alten sich erbaut hat. Und man will nicht in Trümmer geschlagen werden. Dem gegenüber lässt sich das Recht der freien Persönlichkeit gut betonen, begreift man das Recht des Stärkeren wohl, ebenso die Liebe zu den Fernen, endlich die Lehre von der ewigen Wiederkehr, die sich nirgends so wahrnehmen lässt, wie in dem Hin- und Herfluten geistiger Richtungen in der Geschichte. Nietzsche hatte unter diesen Erscheinungen schwer zu leiden — was Wunder, dass ihn die redlichsten Wünsche nach Beseitigung dieser Uebelstände erfüllten, dass er die Veranlasser solcher Empfindungen nicht segnete I Unwillkürlich erschien ihm aber auch das ganze Weltbild in diesem Lichte, und da kam es denn, dass die gesamte Weltanschauung ebenso stürmend und umstürzend wurde, wie es der Zustand literarischen Strebens erheischte, dass er der Zukunftswelt einen Messias ähnlicher Art als Ziel hinstellte, wie etwa die Erneuerung des Geistesstrebens ihn erheischte. Wer weiss, in wie vielen Fällen auf ähnliche Weise aus dem Einflusse eines kleinen Weltausschnittes sich die Beurteilung der Gesamtwelt beim Denker herausgesteilt hat. Der Gei st es weit ist aber eine Erschütterung durch frische Erörterungsgegenstände jederzeit heilsam, ein Umsturz in ihr trifft nur eine papierene Welt und erneuert sie, wogegen die L’cbertragung solcher Zustände auf die wirkliche. Welt oft eine Beseitigung aller Strebensmöglichkeit ist. Wir glauben; diese unsere Auffassung des Nietzschesehen Weltgebäudes unscrit Lesern zum mindesten zur Prüfung vorlegen zu müssen. Promus, die Entstehung des Christentums. 69 S. Jena. Diederichs. Arthur Drews hat für die Aufrollung der Frage ״Hat Jesus gelebt?“ bereits gelitten, indem ihm die Nachfolgschaft Professor Steins im Amte verweigert worden is*. Schade, dass er so in eine Reihe mit Männern wie David Strauss rückt. Wenn wir seinem wissenschaftlichen Mute alle Anerkennung zollen, so müssen wir es doch auch hier bemängeln, dass er, wie Delitzsch, zu sehr als Bahnb r e c h e r auftritt, wo er als Verwerter des schon Vorhandenen erscheinen musste.

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