Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 11 u. 12. (1909/10)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 190 — Aber gesetzten Falls, das Unglück wäre da, unsere Bemühungen hätten den gewünschten Erfolg gehabt und man sähe in pnSerer Mitte unzählige Zusammenhangs- und Quellensucher — die Ausübung würde dadurch nicht feideh! Die Ausübung unterliegt, wie Mose Isserles richtig herausgefunden hat, keineswegs den -falmudischen Schulerörterungen — sie ist nicht unbestimmt, wenn auch der Streit in den Schulen hin- und herschwankt, und sie wird nicht dadurch entschieden, dass eine Halakha schliesslich in einem Gemärastück abgeschlossen aussieht! Wo ist ein Gemarastück abgeschlossen? Lauert nicht überalf eine zweite, eine dritte Stelle irgendwo, die sich zur vorliegenden im Gegensatz befindet? Und w»%önhte Jemand trotz des Beth Josef und des Darke Mosche sagen, dass die übliche Ausführung sich mit irgend einem Talri1ud«atze, ja, selbst mit der Meinung irgend eines P o s s e k deutet, ohne dass immer einigev,£ücfcbh Raffen!׳ Und ginge er zum Derch hachajim und zum Chaje und Chochmath Adam zurück — ganz ׳'fertig ־wird es mit der Erklärung aller Seiten der betreffenden Halakha doch nie. Desw׳egen w ird man nie aufhören, den Ursprung der Mizwoth im Talmud zu suchen, aber mit der Selbstbescheidung, dass ausser dem Ursprung sich alles Weitere schwer wird im Talmud entdecken lassen. Alles Geschriebene und Gedruckte, alles gelehrt Erörterte und mit Scharfsinn Durchgearbeitete — was ist es gegen den lebendigen Eindruck des Volksbrauches! Dieser Volksbrauch ist die Ausübung, ist die Ueberlieferung, sie gehört in ihrer Stetigkeit und Sicherheit dem Leben an und keine Schulhalakha kann mehr sein, als der Versuch irgend eines Zeitalters, der Halakha gerecht zu werden. Solche Versuche stellt auch die Gemara an, und sehr viele ihrer Bestandteile sind nichts anderes, als das Streben, den Gegensätzen zwischen zwei Sätzen, ob sie von Tannaiten oder Amoräern, ob sie Halakha oder Agada enthalten, zu genügen: Ja, ohne dies Streben würde der Scharfsinn des talmudischen Lehrhauses nicht vorhanden sein. Cer Talmudist vermeidet darum solche Gegensätze nicht, er sucht sie. ־ Wem darum' mit dem Aufdecken eines wirklichen oder nur gesuchten Widerspruchs der Boden unter den Füßen zu weichen drohen sollte, der darf sich nicht mit einer einzigen Stelle des Talmuds beschäftigen. Sollte vielleicht e ne so fromme Befürchtung Ursache des Zurücktretens talmudischer Bemühungen in unserer Zeit sein? Und doch sah die Vorzeit im recht denkkräftigen Talmudlernen eine,-fromme Pflicht! Der Talmud sucht das Widersprechende zu vereinen, kann man uns entgegenhalten; die Quellenforschung will aber selbst das mit einander verquickte trennen, das Einheitliche verschiedenen Schulen zuteiien, oft dieselben Stellen verschiedenen Zeitaltern zusprechen, welche der Talmud mit einander in Einklang bringt und so als eine Einheit ansieht. Allerdings auch das tun w׳ir nur nach dem Vorgänge des Talmuds. Wie oft muß er nach dem Tannaiten einer namenlosen Mischnafragen? Wie oft muß er den Verfasser aus Gedankenvergleichen oder aus sprachlichen und geschichtlichen Gesichtspunkten erraten? Und sollte man ihm nur für d i e Stellen die Notwendigkeit einer solchen Behandlung 2ugeben, die e r uns so darlegt, und in allen anderen Fällen soll das unterbleiben?• Ich finde zwischen unserem Streben, die Mischna in verschiedene Quellen zu zerlegen, und zwischen den amoräischen Bemühungen, ihre Bestandteile mit sich selbst in Einklang zu bringen, gar keinen Gegensatz! Die Gemara betrachtet die Mischna, wie wir sie jetzt vor uns sehen, als Rabbi’s Werk, also ajs Einheit. Rabbi hat die vorliegende Mischna aus verschiedenen Sammlungen zusammengestellt. Er hat also gewollt, daß nunmehr auch die einander widerstrebenden Mischnas, ursprünglich die Kinder verschiedener Schulen, einander begrenzen oder ergänzen, also im Zusammenhang mit einander erklärt und in Enklang mit einander gebracht werden sollen. Nur wenn es ihren Zwecken dient, greift die Gemara auf die Zeiten vor Rabbi zurück — im allgemeinen sieht sie die Mischna mit den Augen Rabbi’s an. Wie sollte sie anders? Sie w'ollte die Mischna im Sinne der angenommenen Halakha benutzen, und diese fand sie in der Mischna Rabbi’s. Sie durfte nur im äussersten Falle einen vollkommenen Widerspruch der Mischna in sich zugeben. Dieser Aufgabe wird sie auch in hohem Maße gerecht. ( Was will aber der Erforscher der Quellen und des Zusammenhangs? Er will den Zustand der Mischna vor Rabbi Und in den verschiedensten vorhergegangenen Zeiten erkunden. Für ihn ist die Mischna eine Fülle selbständiger nebeneinander stehender Gebiete und Zeitalter; die Spuren aller Schulen bis zum Ursprünge hin sollen von ihm erforscht werden. Da ist es ihm notwendig, auffallende Verschiedenheiten . hervorzusuchen, Verschiedenheiten der Schulen, der Zeitalter, der Denkart, der . Sprache und Abfassungsweise ganz besonders. Ohne dies kann er ja sein Ziel nicht erreichen, und er - muß darum das überall tun, was man im Talmud nur gelegentlich findet. Es ergibt sich .hieraus, daß diese wissenschaftliche Tätigkeit, die übrigens ihr Spiegelbild in allen-talmutiisfclwegsamen Zeitaltern findet, es mit den Richtungsfragen so w׳enig zu tun hat, wie die Wissenschaft an sich. •־^ Dagegen wird •dadurch die Größe des Talmuds in’s rechte Licht gesetzt. Wo so viele Zeitalter mit einander arbeiten, da zeigt sich die Tatsache, daß ein ganzes Volk in seinen edelsten Geistern :für dfe’tföfchsteh Güter'äes Lebens nicht nur gelebt, sondern auch sich eifrig bemüht hat. Auf eirferrtt׳'Geb!ete, w׳o־ kefWe mühelosen Freuden winken. '■< Und beleuchtet wird die Halakha dadurch nicht minder stark, w־ie wenn der Talmud zw׳ei > Stellen odef. Personen zü einander.'m Gegensatz bringt. .1 ».*• i>. •V;!C - 7 *־־.. i. O VwhC r. . A