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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 11 u. 12. (1909/10) · p. Seite 188

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 11 u. 12. (1909/10)
Date
1909-01-01
Page
Seite 188 (sequence 12)
Language
German
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— 188 anschauungen hier landen können. Die Fragen der Zukunfr, die Stellung der Naturforscher und Denker zur Religion; der Gegensatz von Geist und Körper, von Messbarem und Unmessbarem und die Fülle der damit verbundenen Fragen, Rätsel und Gegensätze. — Alles kann im Zusammenhang mit der Gotteseinheit und der Bildlosigkeit Gottes behandelt und erörtert werden, ohne dass der hohe Gedanke seine Berechtigung verliert. Und gerade der Denkende wird die Weisheit der Offenbarung ermessen, die nur die Einheit und Bildlosigkeit zum Kennzeichen gemacht, aber dem Erdenmenschen jede weitere Erkenntnis der Gottheit versagt hat. So kann Keiner dem Anderen eine Sonderkenntnis Gottes, eine besondere Formel aufdrängen, und dennoch ble bt die Glaubensformel nicht inhaltsleer — die ganz Welt, ihr Werden und Vergehen ist Inhalt, alle geschichtlichen Vorgänge, alle Wendungen im Leben der Einzelnen sind Grundlagen unserer Gottesempfindung. Nur die Gotteseinheit in ihrer Ausschaltung alles besonderen Kennzeichen hat die Weite und Unendlichkeit, all diese Geistesfragen der Vergangenheit und Zukunft von sich ausgehen und in sich münden zu lassen. So hat sich von jeher in den Inhalt des Gottesgedankes alles die Weltanschauung Betreffende eingefügt, und in den Folgerungen aus diesem Gedanken alles, was unser Leben und Tun anlangt. Weltauffassung und daraus gefolgerte Lebensauffassung — das sind die ewigen Gegenstände menschlicher Geisteskämpfe. Es schadet gar nichts, wenn sich uns da viele Rätsel bieten, ja, wenn immer von Neuem Fragen und Gegenstände auftauchen, wenn die Menschheit durchaus deren Verhältnis zum Einen und Zusammenfassenden sucht. Gerade darum kann der Satz ״Gott ist einzig — Du sollst ihn lieben!“ niemals entwertet werden, er wird die geistigen und sittlichen Kräfte der Menschheit immer in Bewegung setzen — Bewegung allein kann die Menschheit aber frisch erhalten, nicht das Ziel, nicht der Friede und die Beruhigung darüber — in diesem Drängen und Kämpfen liegt der höhere Friede selbst. Die Menschheit ist z. T. im Besitze der Gotteseinheit und der damit verbundenen Gedankenketten. Wir, die wir von jeher bis heute dafür gelitten haben und dafür leiden, wir sind das sich bare Heer der Gotteseinheit, ihre Erhaltung ist unser Ziel. M^n wird mit uns über Ursprünglichkeit und Entlehnung unserer höchsten Geistesgüter streiten — aber zugeben wird uns Jeder, daß sie in unserer Hand sicher gewesen sind^daß sie aus unserer Hand die Menschheit empfangen hat und aus unserer Hand immer wieder empfangen wird. Unser Kampf für das Göttliche ist der Kampf für das Höhere, stellt die Erhebung über den Augenblick, über das Irdische dar und lässt uns doch immer das Irdische in der Notwendigkeit sittlicher Betätigung wiederfinden und den Boden der Erde festhalten. So ist die Erhaltung der Gotteseinheit in all ihren Ausstrahlungen und Folgerungen unser höchstes Verdienst um die Menschheit und unser bedeutendstes Ziel für alle Zukunft. Ein Ziel, das sich nie überlebt, das sich stets erneut und das uns erhält. Wie die Bundeslade nach dem alten Worte die Leviten, die sie auf ihren Schultern hielten, über den Jordan trug, so trägt uns ״die Last des Gesetzes“ über die Zeiten hinweg. Diesen allgemeinen und ewigen Zielen, dem Kampfe für Gott und die Betätigung seines Willens, diesen Zielen in ihrer Unendlichkeit haben sich die Mittel einzuordnen, damit diele Sätze nicht bloße Worte und inhaltslose Allgemeinheiten ';leiben; ohne diele allgemeinen Gesichtspunkte würde lieh wieder der Gesichtskreis verengen und der Ausblick auf das Allgemeinmenfchliche unmöglich fein. Das Judentum hat die Befchäftigung mit feinem unendlichen Schrifttum jederzeit für das wich igfte Mittel zur Erhaltung und Vertiefung feines Glaubens gehalten. Dies Schrifttum mit feiner Ichriftlichen und mündlichen Lehre, mit leinen gottesdienftlichen, mit feinen reingefetzlichen Teilen, mit der Fülle le ner den Scharfiinn weckenden Ausgeftaltungen; mit den midrafchifchen, das Gemiitsleben erfaffenden Beftandteilen, die bis zur dichterifchen Begeifterung, ja bis zur Kabbalah führen; mit feinen Dichtern und mit feinen Denkern, mit feiner Gefchichte und den unendlich vielen Ausläufern feiner Einzelwiffenfchaften; und diele unendliche Fülle von Anregungen har Israel über die fchlimmften Zeiten der Vergangenheit geführt — wenn diefe Wiffenfchaften in Blüte Itanden, hatte Israel die großen Zeiten feiner Gefchichte, und wenn feine Gefchichtsentwickelung ihre Kraft verlor, dann nahmen diefe Gegenftände nicht die erfte Stelle ein. Daß die Wiffenschaft des Judentums e'genartig und fchwierig ift, das hat Israel nur genützt, das hat die Verfteinerung des jüdifchen Geiites nicht eintreten laffen. Wir bedürfen dieser Fülle, und nur wer oberflächlich blickt und die Mächte der Geschichte nicht kennt, wird in ihnen etwas Ungöttliches und Vorweltliches fehen. Für den wahren Freund gefchichtlichen Lebens gibt es nichts Ungöttliches und Vorweltliches. Nur empfindfame Geifter haben folche Begriffe gefchaffen. Entleeren wir zu Gunften einer fcheinbar erhabenen Einfachheit das Judentum n׳cht feines Inhalts und feiner Eigenartigkeit — was fich als erhaltend und belebend in feiner Gefchichte bewährt hat, foll nicht der Schwäche eines einzelnen Zeitalters zum Opfer fallen. Es muß für eine weitere Zukunft bewahrt werden. Darum die Stetigkeit und Feftigkeit einer Ueberlieferung, die in lieh die Schätze der Gefchichte treu bewahrt und durch die Geiftesarbeit der verfchiedenften Gefchlechter belebt wird. Wir werden alfo beftehen und werden nicht fragen weshalb? Wer schon zweifelnd nach dem Zwecke seines Lebens fragt, der wird deffen Wert nicht empfinden. Unter Lebenstrieb giebt uns an sich das Recht, fortzuleben, und keiner Richtung zuliebe unterzutauchen und zu verschwinden. Noch größer wird unser Selbsterhaltungstrieb werden, wenn wir die hohen Güter selbst erst kennen, welche wir für alle erhalten müffen. Wenn wir nicht nur in der *Vergangenheit Großes

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