Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 11 u. 12. (1909/10)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492408-8773722-8773735--3902-4858953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
187 sache nun, dass dieses Gesetz eine Lieberlieferung, ein Heiligtum der Vorzeit ist, dass es zu den verschiedensten Zeitaltern auf die Menschheit, auf ihre Denkart, selbst auf ihre Kunstformen belebend gewirkt hat, daß, welche Auffassung lie einzelne Partei daran auch haben möge, dies Gesetz Panier und Grundlage Israels zugleich ist, gibt dem Juden seine Stellung und seine Bedeutung inmitten dieser ewig sich abspielenden Kämpfe! Solange die Tora und die Propheten Gegenstände und Mitielpunkte unseres Gottesdienstes, unserer Schul in und unserer geistigen Veranstaltungen sind, solange werden wir als Vertreter von Satzungen und Einaelgrundsätzen dastehen, die dem Leben zur Gestaltung und zur Veredelung dienen. Wir werden alle! unklaren und verschwommenen Zeitrichtungen gegenüber den Geist betonen, und so werden gerade wir durch Verfechtung des gesetzlichen Lebens eine im Leben geübte Sittlichkeit verlangen, ein Gesatz, das nicht nur Buchstabe bleibt, um im Leben durch schöne Redensarten verleugnet zu werden. Man hat früher die Tora werkheilig und äusserlich genannt, weil sie statt des bloßen Gefühls Gestaltung des gesamten Lebens bietet und verlangt. Man ist heute allgemein von bloßen Gefühle 1 abgekommen, man hat die Verbesserung der gesellschaftlichen Schäden, wie die Tora, heute allgemein zu einem Teile des religiösen Slrebens gemacht, man stellt sich, als wenn das immer so gewesen wäre. Man gestaltet die Glaubens- und Sittenlehren nach diesem uns wohlbekannten und von uns von jeher bewahrten Maßstabe um. Man wird vielleicht wieder einmal anders denken und sich mit Gefühlen und mit Empfindungen begnügen. Indem wir Juden bleiben utd das Unsrige bewahren, erhalten wir in unserem Schrifttum der Menschheit die Stützen, die zum öfteien schon zur Wiederaufrichtnng der sittlichen Welt gedient haben, die wiederum Geist und Gefühl aus der Erstarrung wecken können. III. Und vergessen wir das, was Israel von jeher als sein höchstes Verdienst betont? Es hat der Welt die Gotteseinheit gebracht! Das war unser höchster Rechtstitel auf die Dankbarkeit der Menschheit. Und welche Versuche man auch gemacht hat, Israel gerade diesen Rechtsanspruch streitig zu machen. — Niemand hat leugnen tönnen, daß schließlich durch Israel der Menschheit ein Gott gegeben wurde. Wir haben in der Erhaltung gerade der Gottheit den Zweck unseres Bestehens in der Welt gesehen. Läßt sich das heute noch fasthalteu? Zwei Weltreligionen, die allerdings von uns ihre Gottesanschauungen entlehnt haben, sind hette bemüht, die Gotteseinheit zu betonen und auszubreiten; was an den bezüglichen Anschauungen de־ von Israel betonten Gotteseinheit widerspricht, wird von den Zeitströmungen mehr und mehr besei igt, und es bleibt in weitesten Kreisen nur der Kern des Gedankens übrig. Und Israel sollte gerrde sein Bestehen zur Ehre der Gotteseinheit für unentbehrlich halten, als wenn es ausser ihm keine Vertreter dieses Gedankens gäbe? Darauf eine Gegenfrage: Werden jene Gemeinschafteji, die ausser uns die Gottheit betonen, sich in der Verfechtung der Hauptsache unbedingt getreu bleiben und wird Gott zu allen Zeiten ihre Kraft und ihr Streben ausfüllen? Ja, können wir behaupten, dass in unserer Zeit die Gottesauffassung keine Feinde habe und so unangefochten dastehe, dass wir unser Bestehen für entbehrlich halten sollten? Wir brauchen es kaum zu tagen, dass das Gegenteil wahr ist. Durch die neuzeitlichen Forschungen werden nicht nur einzelne Glaubenssätze der Religionen bekämpft, sondern gerade der Glaube an eine Gottheit, welche hilft, erhört, abweist, straft und versöhnt. Gerade was mit der Weltleitung durch einen Gott zusammenhängt, ruft heute und rief immer den Widerspruch des Denkers und Tatsachenforschers hervor. Und wir sollten uns dabei beruhigen, dass auch o h n e uns der Glaube an Gott bestehen könne? Wenn auch Andere der Religion ihre Opfer gebracht, ja, wenn sie ihr Leben dafür hingegeben haben — der wahre Blutzeuge für Religion und Gottheit ist und bleibt Israel. Diesen durch Leiden erkämpften Ruhm sollen wir selbst uns nicht streitig machen und er wird uns auch nicht genomnten werden. Was andere Völker in Zeiten grosser Begeisterung getan, für Gott zu leiden und zu sterben, das ist für Israel der dauernde Zustand geworden. Es ist kennzeichnend, dass in allen jüdischen Gotteshäusern gerade die Verkündung der Gotteseinheit das über alle Gegensätze Hinaushebendeist. Es gibt kein jüdisches Gotteshaus ohne diese Gottesverkündigung, und ls־ael hat es auch noch nicht erprobt, als blosse Volksgemeinschaft ohne die Betonung der Gotteseinheit 2u leben. Das beweist, dass hierin die Eigenart und das Wesen Israels, sein ״Ding an sich“ liegt. In ier Betonung des Gottesgedankens (oder in seiner eitrigen und eigensinnigen Bestreitung im Einzelner) wird immer der Schwerpunkt des Judentums liegen. Die Gottheit wird aber in Israel nicht ein blosses Wort, ein blosser Gedanke bleiben, auch nicht ein blosser Gegenstand der Weltforschungen — ei wird durchlebt und erlebt werden. Und diese Doppelseitigkeit des Verhältnisses, dass wir Gott im Verlaufe der Dinge erleben, ihn so offenbart erhalten, und dass wir dann seine Forderungen im Leber erfüllen und iln so im Leben selbst Andern offenbaren — das ist es, was Israel zum ersten Male zut Erscheinung gebracht hat und was die Anderen von ihm übernommen haben. Die Einheit und Bildlosigkeil Gottes ist an sich selbst eine Errungenschaft, indem diese Bedingungen es bewirken, dass Mensch :n verschiedenster Bildung durch diesen Gedanken beeinflusst werden können. Wer sein eigenes Leben will von einer höheren Macht getragen wissen, wer die Rätsel dieser vielgestaltigen W'elt durcl eine höhere Einheit sich erklären will: Die Formel Gott ist einzig hat in sich unendliche Bewsgungsmöglichkeit, sodass Anhänger der verschiedensten Welt-