Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 11 u. 12. (1909/10)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 186 als Stütze und Festigung menschlichen Lebens und Wirkens. Diese Betonung der Religion als einer ernsteu Satzung fürs Leben ist aber gerade das. was das Judentum kennzeichnet und wovon die Partei selbst nichts ändern und zersetzen kann. Eine Umwandlung dieser Auffassung ist eine Umwandlung des Judentums in seinem innersten Wesen, ja eine Umwandlung des religiösen Geistes selbst. Es hat kein Zeitalter gegeben, in welchem dieser Umstand ernstlich angezweifelt und in Erwägung gezogen werden könnte. Unsere Zeit ist darin anders geworden. An Stelle des fordernden Gesetzes ist das Recht der freien Persönlichkeit getreten; der Mensch findet wie bei den alten Sofisten in sich selbst das Maß aller Dinge; der Schwächere, zu dessen Schutz das Gesetz bestimmt ist, soll der früheren menschheitlichen Entwickelung zuliebe im Daseinskämpfe geopfert, von dem Stärkeren zertreten werden, und der Begriff der Pflicht, der Sorge, des Vordenkens für den kommenden Augenblick, wird hingegeben für den Genuß des flüchtigen Jetzt. Diesen Trieben, die aus der Lebenskunst mit zusammenhängendem Lebensgange ein buntes Vielerlei von lauter Augenblicksbildern machen, steht das Gesetz des Judentums in unbedingtem Gegensatze gegenüber. Der Bewußtlosigkeit des Genußlebens stellt es bewußte Lebensweisheit gegenüber, dem blinden Geschicke eine auf unseren Taten beruhende, unsere Geschicke lenkende Weltregierung, statt des blos lockenden und reizenden Weltalls eine fordernde Gottheit. Damit hat Israel die Zeiten des Uebermuts wie der Verzweiflung überstanden, sich in einem Falle die Bescheidenheit, im anderen den Stolz wahrend. Wollte die Welt buddhistisch büßen, so hielt Israel an der Weltfreude fest, wollte man epikuräisch genießen, so war der Ernst die Schutzwehr des ■Judentums. Und so haben wir als Juden die Weltverzweifiung abzulehnen und eine freudige Weltanschauung uns zu bewahren. Den selbstzerfleischenden Bewegungen der genußsüchtigen Gesellschaft hält es das menschenerhaltende Gesetz entgegen, dem Rechte der Selbstvernichtung gegenüber das Recht auf das Leben. Das Recht auf das Leben gegenüber der Leichtigkeit, mit welcher nicht nur das eigene Leben hingeworfen, sondern auch fremdes irgend einer Laune und Leidenschaft geopfert wird, ohne daß sich allgemeine Erbitterung dagegen erhebt. Trägt doch die Kunst selbst dazu bei, zerstörende Einflüsse in’s Leben zu tragen. Wir wollen die Forderung, daß Welt und Dasein wahr geschildert werde, durchaus festhalten. Ist aber das dort uns gebotene Bild des Lebens wirklich das wahre? Zu einem wahren, nicht einseitigen Weltbilde im Großen haben sich, solange Menschen wirken, nur die wenigen Dichter erheben können, deren Namen man nach Schopenhauer auf einen Fingernagel bequem schreiben kann. Zumeist zeigt Kunst und Dichtung uns nicht das Leben selbst, sondern nur die kleinen Ausschnitte desselben, die uns besonders anziehen. Uns und unsere Zeit, oder die in derselben herrschenden Auffassungen kann und wird die Kunst nur schildern. Wie nun unsere Zeit sich gegen alles Ueberlieferte auflehnt, so wird die Bühne uns die durch ein Herkommen geheiligten Personen oder Verhältnisse nur von den schwachen und schlimmen Seiten zeigen. Der Priester wird uns im geheimen Gegensätze zu seiner Glaubenslehre und vielfach zu seinen Amts- und MenschenpflichteH geschildert — wo kommen aber die entschieden vorhandenen e d e 1 n Vertreter des Priestertums hin? Wo \vikd von veredelndem Einflüsse des Familienlebens die Rede sein? —Zeigen sich Eltern auf der Bühne — wird uns nicht bald dargestellt, wie wenig ihre-Kinder sich ihnen gegenüber frei und mit Verständnis von ihnen betrachtet bewegen können? Und das Bild der Ehe? Zumeist sind es die Übeln Seiten eines für das ganze Leben geschlossenen Bundes, was wir da bemerken — wo finden wir die doch wahrlich in der Mehrzahl vorhandenen Eheverhältnisse geschildert, die ohne Kummer, Dolch und Scheidungsprozesse das Leben des Menschen zieren? Das Mitleid mit dem Menschen und mit Allem, was ihn hemmt ünd fesselt, hat derartige Schilderungen hervorgerufen und ihnen in den Augen der Welt den alleinigen Schein der Wahrheit verliehen. Die besseren Seiten des herkömmlichen Gesellschaftslebens, und wenn sie auch nur bescheiden neben den so grell geschilderten Schattenseiten hervortreten, würden dem Kunstwerke unserer Zeit keinen Beifall zuführen. Man würde bald rückläufige Weltgrundsätze darin wittern, ohne zu bedenken, dass sich gerade die Weltbilder der grössten Dichtergeister durch gleiche Züge gekennzeichnet haben. Alle diese Eindrücke bietet uns ein Zeitalter, das sich gewaltig um die Umwandlung bisheriger Zustände bemüht und in der Umwandlung mehr als in der Entwickelung das Gedeihliche sieht. Besserung und Entwickelung ist gewiss das Ziel aller Parteien. Nur dass die Einen alle die guten Züge des Bisherigen erhalten wollen, die Anderen gerade alles Herkömmliche und Ueberlieferte als ein Hemmnis des Besseren ansehen. Alle Uebergangszeitalter hatten darin das gleiche Aussehen. Welche Stellung kann nun die Religion, besonders das Judentum, diesem gewaltigen Ringen gegenüber einnehmen. Wird es sich abkehren von den Forderungen der Zeit? Wir haben schon oben gezeigt, dass die Religion der Schwachen das nicht kann. Wird es sich altem Bestehenden gegenüber misstrauisch und gegensätzlich erweisen? Den Trieb dazu mag es mit dem Zeitalter teilen. Wird es aber, so lange es Judentum ist, diesem Trieb ungestört und einseitig sich hingeben können? Die Schattense'ten des gesellschaftlichen Lebens bestehen lassen, weil sie vorhanden und durch die Zeit geheiligt sind — das wird das Judentum sicher nicht. Seine Lehre fordert die Ordnung und Gestaltung des im Leben einander Widerstrebenden durch ein Höheres, durch ein Gesetz. Die Tat-