Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 11 u. 12. (1909/10) · p. Seite 185

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 11 u. 12. (1909/10)
Date
1909-01-01
Page
Seite 185 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492408-8773722-8773735--3900-4858951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und den die Treue dazu bringt. Rüimet ihr die Klugheit im Dienste des Vorwärtsstrebens, wir wollen Treue, eine einfache Tugetd, die Tugend des Volkes und der Massen als das Höchste rühmen und betätigen. Das ist viel. Da ist das blosse Verweilen im Judentum eine sittliche Tat. Aber das allein kann nicht alles sein. Jeder Einzelne muss in seinem Streben ein fruchtbringendes und sich selbst stets kräftigendes Ziel haben, um wieviel mehr muss es die Gemeinschaft? Unser Hinweis auf das, was Israel der Welt gewesen ist, deutet doch nur auf etwas Gewesen es hin. Dankbarkeit ist aber nicht die Tugend der Völker, und gewiss nicht der vorwärtsstrebenden. Die Leistungen der C egenwart können uns allein das Recht geben, auf die Vergangenheit hinzuweisen, und noch mehr der Hinweis auf Ziele, für die wir zu jeder Zeit tätig sind, die hauptsächlich unserer Eigenart wegen durch uns erreicht und zum Eigentum Aller gemacht werden können und die jederzeit der Gesamtheit der Menschen etwas Unentbehrliches zu bieten haben. Können wir derartige Zisie der Welt und den Unseren entgegenhalten, so haben wir damit die stärkste Waffe, zugleich die beste Fahne und die festeste Burg, um sich dahinter in Augenblicken der Verlockung und in Zeiten des Kanpfes zu verschanzen. Was für Ziele können das stin? Können wir sie willkürlich wählen und sie uns aneignen? Dann würden es nur Namen und Wort; sein, die mit unserem Wesen nichts zu tun hätten und die wir nicht als unser Eigentum beansprucher könnten. Nein! Solche Losungsworte müssen als jüdisch von jeher erkennbar gewesen sein und als allgemein belebend und unentbehrlich müssen sie sich der Zukunft der WeK darstellen. I. Das Verharren in Israel is: das Verbleiben in einer Minderheit, die immer die schwächere, darum die leidende gewesen ist, in der darum der oberflächliche Blick leicht die verworfene und minderwertige sehen könnte und wirklich sieht. Wir erkennen uns denn auch trotz vorübergehender Lichtblicke in der Geschichte als die Leidenden an. Aber Märtyrer irgend eines Gedankens hat die Welt doch sonst heiliggesprochen, ncht verurteilt. Die Vorsehung hat uns damii eine eigenartige Stellung inmitten der Menschheit gegeben. Wir sind darauf angewiesen, mit den Leidenden zu fühlen; wir müssen in uns den Antrieb fühlen, jedes leiden zu mildern oder zu beseitigen. Das wissen die Bedrücker denn auch; sie haben das Gefühl, in uns ihre Gegner zu sehen und sie hassen uns deshalb auch unausgesetzt. Und in der Tat müssen wir misstrauisch auf jeden Bedrücker blicket, auf alle Verhältnisse, durch weide die Gewalt gestärkt werden könnte. So sind wir zu berufenen Freunden der Armen und Unglücklichen geworden, und es liegt uns ganz besonders ob, den Genuss der Welt und ihrer Gü:er zu einem möglichst gemeinsamen und möglichlt sicheren Besitztum zü machen. Wir dürfen wahrlich Niemanden bedrücken, um nicht schliesslich bedrückt zu werden; wir dürfen den Atmen nicht zu schroff mit dem Blicke des Verwaltungsbeamten betrachten, ihn nicht zum Gegenstände ibweisender Herrschsucht machen, dürfen nie den Anschein erwecken wollen, als wenn wir in Sicherheit mit den Bedrückern wandeln wollten, um Anderen den Fuß auf den Nac..en zu setzen. ״Was Du n cht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem Andern zu“ — dies Wort konnte nur ein Jude sprechen; ״ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken, ihr sollt den Fremdling nicht hassen — ihr kennt ja die Seele des Fremdlings, denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Egypten“ — dies Wof: konnte sich nur an Juden richten, nur auf sie wirken und von ihnen am besten verstanden werden. Wo darum Fesseln äusserlich gelöst wurden, oder wo die Fesseln vom Geist genommen wurden — da ist der Jude Mitarbeiter gewesen. Da haben wir die Lehre der Menschenliebe und Freiheit, wie sie Wurzel fassen konnte im Herzen des Schwachen und Leidenden. Darum treten unsere Propheten als Gottesboten nicht nur gegen Götzendienst, sondern gegen Druck und Ungleichheit auf. Was im Judentum an den Auszug aus Egypten erinnert, das möge Israel £ 1s zu seinen heiligsten Gütern gehörig wahren. Da aber die Freiheit nicht nur ein Recht, sondern noch mehr die Pflicht ist, so muss sie als religiöse Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht wandern, so ist sie zu jenem Geschlechte gewandert, aus welchem das Christentum hervorgegangen ist. Es war der gleiche Geist der Armenerlösung, der Hoffnung, die den Notleide nden winkte, unter welchem jene jüdischen Fischer das neue Banner entrollten und die neue Religion unter dem Wappen der Armut zur herrschenden machten. Trennen wir uns nun vom Judentum, so verlassen wir die Sache der Schwachen, wir wollen mitherrschen, wir wollen Starke werden. Als Juden haben wir die Sache der Unglücklichen zu führen, haben wir unsere eigene Sache nicht preiszugeben, unsere Menschenwürde zu wahren. Das Bewusstsein niedergetretener Menschenwürde lebt denn auch in aller Kraft in uns, es flößt den Armen jenen oft übertriebenen Stolz ein, den die Welt Unverschämtheit nennt und der ein Ausfluss mangelnder Befriedigung des eigenen Ehrgefühls ist. Fragt uns de Macht nach unseren Rechtstiteln, so können wir uns wahrlich nicht auf das Recht der StLrke berufen, wohl aber auf das Recht des Schwächeren, auf das Unzerstörbare in uns, auf unsere Menschenwürde. Das Pochen auf unsere Menschenwürde betrifft aber die Würde aller Menschen, und so lange wir Juden sind und bleiben, gilt für uns das Wort: ״In seinem Ebenbilde hat Gott den Menschen geschaffen‘, so ist die Emporhaltung der Menschenwürde als einer Macht im Freiheitskampfe auch ein Kennzeichen und Ziel der Juden. II. In jedem jüdischen uotteshatise ist die Verlesung der Thorarolle der Mittelpunkt des Gottesdienstes. Sie wird als Gesetz verlesen, als Gottesmahnung für die Gestaltung menschlichen Tuns,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.