Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 11 u. 12. (1909/10)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ז — 184 — I Funk den Kennern. Der Halbkeriner und der gebildete Leier wird noch sehr viel aus seinem Buche zu lernen haben, ehe ihm die Berechtigung unterer Bemerkungen aufgehen wird. Mit großen Hoffnungen dürfen wir dem!größeren umfassenden Werke von Funk entgegensehen. Von ähnlichen Arbeiten itt jedenfalls eine Erneuerung des Geiites zu erhoffen. Mögen lie erfcheinen, wir wollen uns ihrerfreuen, lie gern anerkennen und die Wahrheit auch dann unentwegt ausfprechen. Was hat das Judentum in Zukunft der Menschheit noch zu sagen? Viele Bestrebungen im Judentum scheinen in jüngster Zeit den Abfall vermindern oder beseitigen zu wollen. Hört man die Vorträge von Seiten der verschiedensten Richtungen — sie sind sich einig in der ernstesten Verurteilung der Fahnenflucht. Was an freiheitdürstenden Bewegungen auch auf dem Glaubensgebiete die jüngsten Zeiten hervorgerufen haben, — jedenfalls hatte und hat das Judentum seinen Lebenstrieb bewiesen: Es will bestehen, d. h. es will als gesondert erkennbare Gemeinschaft weiter leben und wirken. Was auch immer über eine dereinstrge Vereinigung aller Gegensätze in der Menschheit ausgesprochen und empfunden wird — Israel hat nicht die Absicht, dieser Zukunft durch das Verlassen der rahne und das Aufgeben seiner Selbständigkeit entgegenzukommen. Und selbst diejenigen, in deren Zukunftsbilde ein Schwinden aller Glauben.unterschiede liegt, sehen eine solche Vereinigung nur als fernstes Ziel vor sich, das eine spätere Zukunft erreicht sehen wird. Die Frage: Bestehen oder Aufgehen? läßt der Jude keiner Farbe gern an sich herankommen. Die vielen Täuflinge unserer Zeit werden nicht dazu führen, dies Urteil zu ändern. Wir erkennen im Uebertritt zur herrschenden Religion keinen Ausfluss der Ueberzeugung, sondern wir nehmen an, daß nur die Aussicht auf ein Staatsamt, dcss die Liebe zu einem oder einer Andersgläubigen oder dass feindlicher Gegensatz zur eigenen Familie zu einem solchen Schritte führt. Die Treugebliebenen (und es ist dies zum Glück die weitaus grosse Masse der gesammten Glaubensgenossenschaft) verstehen den Uebertritt nur s o und nicht anders. Es sind aber nicht immer die Schlechtesten, die wir verlieren. In manchen Fällen kann auch Gleichgültigkeit gegen alles, was Glauben heisst, ja, Verzweiflung an der Zukunft des Judentums den Uebertritt, wenn nicht herbeigeführt, so doch erleichtert haben. Denken wir uns einen Menschen von bester Gemütsart, der durchaus nicht oberflächlich über die wichtigsten Fragen des Lebens denkt. An ihn kommt die Verlockung heran, die Aufgabe, auf eine glänzende Zukunft zugunsten des Judentums zu verzichten, gleichviel, welche der ob^n angedeuteten Fragen sich an ihn richten. -ג■ Nun müsste das Judentum selbst ein Gegengewicht bieten; es müssten Erinnerungen an die Kindheit, an die Seinen ihn zurückhalten; es müsste das Bewusstsein von der hohen Sendung Israels in Vergangenheit und Zukunft über ihn kommen können, um ihm den Schritt zu erschweren oder ihn völlig zu verhindern. Von alledem ist aber oft nichts zu spüren. Erinnerungen an eine Kindheit sind nicht vorhanden — diese könnten nur in sichtbaren und fühlbaren lebensvollen Eindrücken bestehen. Das Sichtbare und Fühlbare im Judentum hat man aber für Aberglauben, für Torheit gehalten, sodass von dieser Seite das Gemüt des Kindes leer bleiben mußte. Oder man hat in falsch verstandenem Kraftgefühle den Gedanken des Judentums für gleichgültig gehalten, sodass die geistige Seite desselben vielfach der Jugend ganz verborgen geblieben ist oder in steif wissenschaftlicher übergelehrter Weise, also in unzugänglicher Art, ihr nähergeführt worden. Wenn in seinem Innern nun nichts äusserlich noch innerlich für das alte Judentum spricht, was gibt er dann auf? Eine Lehre? Kaum einen Namen, en Hemmnis, dem zu entfliehen sich ihm gerade die willkommene Gelegenheit bietet. Wie aber, wenn er in Haus, Schule und Vereinsleben besser unterrichtet worden wäre? Wäre nicht mancher Ernstdenkende im Judentum verblieben? Er hätte dann nicht nur von einer Vergangenheit, sondern von einer Zukunft des Judentums e:was erfahren müssen. Weshalb bestehen wir? Weshalb müssen wir Juden bleiben und dürfen nicht abfallen? Wir müssen Ziele haben und diese Ziele müssen uns zum Bewußtsein kommen. Es genügt nicht, hinzuweisen auf das, was Israel der Menschheit geleistet hat. Das ist wohl sehr viel, ja, es ist Alles. Aberdas hat Israel geleistet, und d3rauf hinzuweisen ist zwar den äußeren und inneren Feinden gegenüber unser gutes Recht. Wir haben dafür die Dankbarkeit der Welt und die Treue der Unsern zu beanspruchen. Aber ist das Alles? Wenn unser Bestehen im Judentum Nichts weiter beweisen würde, als unsere uneigennützige Treue gegen eine viel angefeindete und verkannte Lehre, so würde schon darin einer Welt des Eigennutzes gegenüber ein starkes Zeugnis für das Edle und Wahre liegen. Treue ist die Eigenschaft, welche der Deutsche an sich vorzugsweise rühmt, worin er seine Eigenart sieht. Nun ist es der Jude, der diese Lehre, die Ursache seiner Zurücksetzung, ja, seiner gesamten Leiden inmitten der Völker festhält