Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 10. (1909/10)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Unser Autor will im ganzen Kultus, in dessen Stätte, in dessen Feste und Opfer ein System, das auf kalendarischer Grundlage aufgebaut ist, entdecken. Herr Dr. Jakob betrachtet seine Abhandlung als eine Vorarbeit zur Erforschung der ״Komposition des Pentateuchs“. Das ganze System der Chronologie, Genealogie, des Kultus und seiner Stätte lässt sich zusammenfassen in dem einen Satz, mit dem dieses Buch scnliest: Alles, was auf Erden geschehen ist, besteht und getan werden soll, unterliegt in Zahl und Mass sich ausprägenden Gesetzen, die schliesslich auf himmlische Ordnungen zurückgehen. Ein nützlicher Index ist dem Buche ebenfalls beigefügt, ebenso einige Zeichnungen. Die Klage über das brach liegende Feld des modernen Bibelstudiums in unserer eigenen Mitte, ist noch immer berechtigt. Dr. Jakob gehört zu den Wenigen, die von der Bedeutung des Bibelstudiums aufs Vornehmste durchdrungen sind. Sein Buch ״Der Pentateuch“ sichert ihm dauernden Dank der jüdischen Wissenschaft, es ist eine Bereicherung unserer Kenntnisse aus der Religionsgeschichte und eine Feuerprobe des massoretischen Textes. Wir geben lins der Hoffnung hin, dass er seine Bibelstudien fortsetzen wird. Besprechungen. Nietzsche & Weichelt. (Hans Weichelt: Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, erklärt und gewürdigt von Hans Weichelt. VI und 308 S. Leipzig, Dürr, 1910, 5 Mk.) Wer sich in irgend einer Weise mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt, muss den herrschenden Geistes■ Strömungen nähertreten und sie, nachdem ejr sie auf ihren allgemeinen Wert geprüft hat, auf i ihr Verhältnis zum Judentum untersuchen. Dadurch! soll die Beurteilung der betreffenden Erscheinungen nicht einseitig umgebogen werden, wohl aber wächst der Wirkungskreis des Glaubens, je mehr man seine Fähigkeit erkennt, zu den wichtigsten Zeitfragen in Beziehung gebracht s u werden. Nach der Stellung Nietzsche’s zur Religion meinen und zum Judentum im Besonderen bral kaum zu fragen. Seine gesamte Lebensarbeit bestand 1m Kampfe gegen Bestehendes. Der bisherige Menschheitsbegriff, die bisherige Art des Glücksstrebens, die : — Auffassung des Verhältnisses zwischen Mensch ur zwischen dem Einzelnen und der Gesamtheit, das menschheitliche Zukunftsziel — Alles fordert I. vor seinen Richterstuhl, und nichts kann bestehen, alles muss anderen Gestaltungen und Anschauungen weichen. Eine wichtige Stellung unter seinen Werken nimmt ״Also sprach Zarathustra“ ein. Da dies Buch in dichterischer Form Nietzsche’s Meinungen vorträgt, so bot es den Lesern und Forschern Gelegenheit zu allen!möglichen Deuteversuchen. Die darin liegende Anregung, qie aus geniessenden Lesern Mitarbeiter des Geistes macht, hat gerade dieser Schrift eine überwiegende Bedeutung verliehen. Ob das bei einfachem Aussprechen des Gedachten gleichfalls so gewesen wäre? Ob selbst die An schauungen in einfacherer Form eine solche Bewertung erlangt hätten? Hans Weichelt bietet uns hier in sehr glücklicher Form seine Ansichten über das Zarathustrabuch. Während sonst die Freunde oder Gegner Nietzsche’s in begeisterungsvollen oder gehässigen Darlegungen auf unsere gläubige Seele einstürmen, bietet Weichelt zuerst eine Inhaltsangabe der uichtung, welche 157 Seiten, mehr als die Hälfte des Buches umfasst und eine sehr verständliche Umreissung des Ganzen ausmacht. So Mancher wird hieraus erst seinen Zarathustra verstehen lernen. im Allgeucht inan bisherige d Mensch, bisherige Nietzsche Ausserdem gibt Verfasser nun eine Würdigung des Werkes. Vor Allem wird über die durchaus nicht einheitliche Entstehung des Ganzen berichtet und über die Aufnahme des Buches in der Aussenwelt. Wir erfahren, dass Nietzsche der Weg sehr schwer geworden ist. Verfasser geht zur Kunstform über, wobei Nietzsche’s Liebe zur deutschen Sprache, aber auch sein Selbstbewusstsein als Beherrscher des Ausdrucks hervortritt. Der Form nach zeigt sich sehr oft bei Nietzsche der parallelismus membrorum der Biljel, wovon Weichelt eine grosse Anzahl von Beispielen anführt. Wir hören vom Reim und Stabreim, von allen Gestaltungen rednerischer Sprachkunst, wobei das Blendende und Ueberraschende vorherrscht. Die in den früheren Schriften angewandten Sprachmittel sind hier ungeheuer gesteigert, doch will Verfasser nicht, dass man im Werke ein Ueberwiegen des Musikalischen finde. Eine Freude am Klange, oft bis zum Gekünstelten und zur Spielerei gelangend, durchzieht das Ganze; der Ansdruck greift überall zur höchsten Stei— gerung der Eindrücke. Im Ganzen zeigt Zarathustra den höchsten Zauber schönheitsdurstiger Sprechkunst. Nun kommt Weichelt zum ״Aufbau“. Er findet keine straffe Zusammenfügung der Teile, wie ja kein Gesamtplan im Voraus vorhanden gewesen. Manche älteren Teile sind in die jüngeren eingeschoben. So sind auch man einfache Abschweifungen zu erklären Er kommt selten auf die bildende Kunst zu sprechen, weil er die Fähigkeit planvollen Aufbaus und besonnenen Abtönens nicht hat. Daher muss man dem Werke vielfach Eintönigkeit vorwerfen. Dem Anspruch Nietzsche’s gegenüber, nur Eigenes, Eigenartiges und noch nie Geäussertes dargeboten zu haben, weist Weichelt nun Vergleichspunkte bei den Alten und Neuen nach. Dass das Buch Zarathustra heisst, liegt nur in der Notwendigkeit, irgend eine grosse geistesgeschichtliche Gestalt zum Träger des Ganzen zu machen. Mit Zoroaster hängt das Alles nicht zusammen, sodass Gramzows Versuch, hier Vergleiche herzustellen, sehr dürftig ausgefallen ist. Der klangvolle, den grossen Leserkreisen gegenüber begriffsleere Name des Helden war Nietzsche wohl die Hauptsache. Dagegen findet Weichelt zwischen Zarathustra und den griechischen Denkern, zumal Heraklitos, den Pytagoräern und der platonischen Schule viel Gemeinsames. Sehr stark sind auch biblische Einschläge alten und neuen Testamentes bei Nietzsche zu finden, aber lange nicht in dem Maasse, wie etwa hei Schiller, und auch nicht als Folge der Vertiefung in /die Bibel, sondern es fe Schulzeit in den oft Sprüche hervor. Der treten einfach Erinnerungen an d drolligen Anklängen an biblische Leser soll ah die Bibel denken uhd'auch Zarathustra als heiliges Buch im Gegensätze zu ihr betrachten lernen; der Held des Ganzen soll de/1 alte!r Propheten gleichgestellt werden. Ebenso treten Vergleichspunkte zu Jesus und zum Messiasgedanken hervor. Indem Manches auf persönliehe Erlebnisse Nietzsche’s zurückgeht, lassen sich Augustinus Bekenntnisse zum Vergleich heranziehen. Bei Augustinus zeigt sich das Werden des Gedankens, während Nietzsche ihn fertig offenbart erhält. Bei Nietzsche ist die Satire eine Hauptwaffe, und zwar gegen die Philologie, Philosophie, wie die Dichter und viele andere Stände, nicht aber die Lehrer, zu deren Beruf er s׳ch jederzeit heisse Liebe bewahrt hatte. Merkwürdig reichhaltig fällt der Vergleich zwischen Nietzsche und Hölderlin aus. Den Uebermenschen Nietzsche’s nahm Jordan für sich in Anspruch, ebenso Spitteier in seinem ־,Prometheus und.Epinnetheus“, aber Nietzsche ka'nn doch ihnen gegenüber seine Eigenart behaupten, da ihre Auffassungen auch sonst zu finden waren, die Nietzsche’schen dagegen nicht. Was nun die Hauptgedanken Nietzsche’s anbelangt, so fehlt es dem Uebermenschen an allen bestimmten /