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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 10. (1909/10) · p. Seite 172

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 10. (1909/10)
Date
1909-01-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Erde? Auf den Gewässern. Und die Gewässer? Auf den Bergen, wie es heisst: ,,Auf Bergen stehen die Gewässer.“ Und cs heisst: ״Sie steigen die Berge empor, sie stürzen die Tiefen hinab, an diesen Ort, den Du ihnen bestimm t.“ Das ist der Ozean. ״Eine Grenzte hast Du gesetzt, welche sie nicht überschreiten dürfen.‘• Sollte nicht darum der Psalm für die gesamte Regenzeit zum Synagogenbrauch festgehaltpn worden sind, da er gerade bis zum Sabbat vor Pesach benutzt wird und bis Pesach dieselbe gerechnet wird? Und lesen wir. nicht Taanith 4b ״Gross ist der Tag der Regengüsse, wie der Tag, an dem Himmel und Erde geschaffen worden sind?“ Das wird man sicher für eine leere Vermutung halten. Wenn sich aber für die Wallfahrislieder_etwas Gleiches entdecken liesse? Wir werden sehen. Succah 52, wo von dem Wassergussfeste und demnach von den Regengüssen die Rede ist, bezieht sich der Talmud auf die MischnasteMe, wo 15״ Stufen von der Männerhalle des Tempels zur Frauenhalle heruntergehen entsprechend den 15 Wallfahrtsliedern im Psalmbuche.“ Und es wird nach der Bedeutuug dieses Umstandes gefragt. Im Namen R. Jochanans wird erzählt, dass David bei den Vorbereitungsarbeiten für den Tempel zu tief habe graben lassen, dass darum der Abgrund seine Wasser zu bedrohlicher Höhe emportrieb, sodass David die 15 Wallfahrtslieder beten musste, um sie wieder in die Tiefe zu treiben. Nun sei das Wasser wiederum für die Verhältnisse Palästinas zu tief gesunken, und dieselben 15 Psalmen hätten es wieder heben müssen. Erinnert das nicht an die oben von uns aus Midrasch Tchillim beigebrachte Stelle vom Eindämmen des Ozeans? Es ist nun nicht bloss begreiflich, sondern auch sicher, dass die aschkenasische Verbindung des Ps. 104 mit den Wallahrtsliedern oder hier wörtlich ״Stufenliedern“ vom Sabbat nach Sukkot, dem ״Schöpfungsabbat“, bis zum Pesach oder dem Sabbat zuvor, dem Schlüsse der Regenfürbitten, auf eben die Regenzeit Bezug hat. Dies mag dem aschkenasischen Brauche seine Begründung gegeben haben. Wenn die Sefardim Ps. 119 damit verbinden, so mag dies auf die von den Alten gebrachte Ansicht sich gründen, dass Moses am Sabbat nach Mincha gestorben ist und deshalb das Lernen verboten sei. Da muss nun die Thora in anderer Beziehung wieder gehoben werden, und so wird Ps. 119 gewissermassen ein Ersatz für das geistige Arbeiten, ein Trost, dass trotzdem die Thora noch da sei. Und dessen bedurfte jene Zeit in solchem Falle. Selbstverständlich beruht die Verbindung von Schriftstellen mit dem Minchagottesdienst des Sabbats auf der von den Alten angeführten Sitte, am Sabbat Mincha eine Haftara aus den Psalmen zu lesen, trotzdem sie sonst aus den Propheten genommen wird. (S. Sabbat 116 b und ib 24 a Tossafoth unten). 2. Aus der haggada. R. Gamaliel verlangt in der Haggada (wie in der Mischna Ende Pesachim), dass jeder, um seine Pflicht zu üben, die drei Betrachtungen über מצה ,פבה und מדור ausspreche. Bezüglich der מצה führt er den Umstand ויאפו אה הבצק an, wonach fsraeUbeim eiligen Auszug den Teig nicht mehr konnte gähren lassen, sodass in dieser Weise von selbst das ungesäuerte Mazzabrot die Hauptpflicht und das HauptsinnbildIdgs Pesach wurde. Ist aber ausser diesem Zuge in der Befreiungsstunde in der Schrift weiter nichts über die Mazzah gesagt? Ist sie unseren Vorfahren nicht im Hachodeschabschnitte schon mit den Worten geboten על מצות ומדודים יאכלוהו und für die Folgezeit, wenn kein Pesachopfer möglich sein sollte, durch כערב תאכלו!מות als Pflicht festgesetzt? Musste R. Gamaliel nicht diese Sätze als Belag für die Mazzahgflicjht anführen? Und sind sie nicht vor dem ויאפו את הכצק ausgesprochen worden? \/ Hier müssen wir an die Erörterung zwischen Rawah und R. Acha bar Jakob (Pes. 21 und 121) denken, wo die Frage erörtert wird, ob der Mazzahgenuss nach dem Falle des Tempels, also ohne Pesachopfer, eine gesetzliche Pflicht sei. Rawah nimmt wenigstens־ die Mazzah als solche an; denn wenn es auch heisst •”1יי כערב תאכלו מצות. על מצות ומהריב יאבי‘־, so kommtder Grund אהדריה קרא לחובה hinzu durch das Hier unterscheiden die Amoräer unbedingt die Pflichtmazzah der Tempelzeit mit der der Zeit ohne Opfer. Nur für jene galt der Satz על מצות ומרורי, der die Vereinigung des Pesachopfers, der Mazzah und des Bitterkrautes zur Bedingung macht. Weshalb wurde die Mazzah auch für die spätere Zeit, was den Genuss derselben am Sederabend anbelangt, für thoragemäss gehalten? Weil durch eine freie Willensentschliessung Israels die Mazzah eine neue Bedeutung, auch losgelöst vom Pesachopfer erhalten hat. Dass sie beim Auszuge nicht zögerten, nicht die Gährung des Teiges abwarteten, nicht bedenklich für Reisevor/at sorgten — dass sie den Boden des Götzendienstes und der Knechtschaft gottvertrauend verliessen יכתך אהרי במדבר בארין לא זרועה, das ist der ewige Ruhm Israels. Wie oft später durch Kleinmuth die Stimmung der ersten Begeisterung wechselte — Israel ist fm Grossen und Ganzen diesem seinem Zuge treugeblieben, im Elend, losgelöst von aller Gemächlichkeit und allem Behagen, seiner Aufgabe nachzustreben (wir wollen nicht sagen, sie zu erfüllen).

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