Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 9. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I I t — 164 — heit ein Zerrbild, und ihr Prophet kann nur ihre1 Züge tragen. Diese Gottheit betrügt ihr Volk und den Seher selbst, denn sie sendet ihn als Mahnredner, also angeblich, um das Volk zu bessern; in Wirklichkeit soll doch aber Israel dem höheren Plan Gottes gemäss verschwinden, um etwas Besserem Platz zu machen. Darum das Beseitigen jedes hoffnungsvollen Wortes aus den alten Propheten. Nun hat Gott seinen Plan aber nicht erreicht! Das Judentum ist geblieben und hat sich bis heute nicht beseitigen lassen. Doch wohl, weil .die Zehnstämme die schlimmsten waren? Nein! Man ist geneigt, allem Nichtjüdischen im Altertum grössere Neigung entgegenzubringen. ״Die Zehnstämme sind die harmloseren Leute — sie haben ihre alten Ortsgottheiten beibehalten, während Juda zu Josia’s Zeiten eine Reform durchgemacht hat, über welche man nicht genug Schlimmes glaubt sagen zu können. Allerdings ist das Deuteronomium voll von Lehren der Menschlichkeit und Liebe — trotzdem ist die Religion aus dem Leben geschwunden! Das Prophetentum, das mit dem Priestertum Verträge schliesst, hat abgedankt! Und trotzdem erhält sich das Reich Juda, und seine Interessen dauern fort. War es also der Götzendienst, der Israel verschwinden liess? Es war ja gar kein Götzendienst, nur eine Verquickung der Landesgötter mit Gott. Nach Duhm sind es erst die Ergänzer des Jeremia, welche die Alten sich so schlimm darstellen.“ So urteilt man heute. Wer kann aus diesem Wirrsäl heraus, aus dieser Unmöglichkeit von Annahmen, worunter die Deutung der biblischen Bücher so stark zu leiden hat! Der Prophet der Völker, der Prophet der Liebe und Versöhnurg, war erst ein Späterer, darum konnten Jeremia und Hosea es nicht sein. Nun? Sind die den Propheten abgesprochenen Stücke erst mit der neueren Religion entstanden? Nein! Sie treiben uns geschichtlich in das Reich Juda, zum Teil in das Spätjudentum hinein! Dasselbe Spätjudentum, das einst mit dem Schimpfe der Geistestrockenheit belegt wurde, das nach Wellhausen in Zahlen und Berechnungen und der Ausgestaltung der Opfergesetze schwelgt, — dies Spätjudentum wird nun der Schöpfer all der Hoffnungsdichtungen, der begeisterten und innigen Liebes- und Versöhnungsreden! Es wird mit einem Mal all der Empfindungen und Gedanken fähig, die man einem Jeremia unn Hosea nicht zutraute. Gerade der Judaismus ist es also, dem all dies Hohe und Herrliche zukommt, der aus sich Dichter und Denker erzeugt, welche die Ergänzungen zu jenen alten Propheten bieten müssen. Und zwar keine schlechten Ergänzungen, denn sie bieten das, was die Zukunft nicht nur Israels, sondern der Gesamtmenschheit begründen hilft. Wäre es also wahr, dass diese Stücke erst aus so später Zeit stammen, so wären sie zwar nicht echthoseanisch oder echtjeremianisch, aber in jenem höheren Sinne echt, indem sie nach allgemeinmenschlichem Maasstabe den angeblich engen Gesichtskreis jener Alten erweitern und Trost und Liebe, den Kern aller Heilslehren, in das alte Gut hineintragen. Dann ist jenes Spätjudentum nicht das verknöcherte, das ausser Opfergesetzen nichts kennt, es ist die Vollendung des Prophetentums, und das talmudische und rabbinische Judentum, das Kind und Ergebnis jener prophetenergänzenden Bestrebungen, kann ebenfalls nicht so leer und unfruchtbar sein, wie man es zumeist hinstellt. Sonst hätte es nicht bestehen und nicht wirken können. Sonst hätte es, wenn wir selbst Wellhausen folgen sollten, in Babel nicht ein Heiligkeitsgesetz aufstellen können, das den Beweis führt, auch ein Priestergesetz könne die edelsten Blüten der Menschlichkeit treiben. Und trennt man schon das Heiligkeitsgesetz von dem eigentlichem Thorath Kohanim, so kann man auch aus diesem die Satzungen der echten inneren Busse und Rückkehr zur Menschlichkeit nicht entfernen. Gerade die Priester von P können es dann*) nur sein, welche die besagten Stücke abgefasst haben müssen; aus ihnen ist ein Sirach hervorgetreten, und die Agada und der Midrasch, an Ausdehnung der halachischen Gestaltung des Gesetzes im Talmud mindestens gleich, zeigen, dass der Zug nach Verinnerlichung die Halacha stets begleitete. Eine Gemeinschaft, welche einen Traktat Aboth schaffen konnte, hat den Kern des Gesetzes wohl erfasst und vertreten. Was ist nun das Ergebnis des bisher Dargestellten? Es ist nicht mehr der T e x t, der erklärt wird, sondern vielfach seine Uebersetzungen; nicht das vorhandene Wort soll in den Vordergrund treten, sondern die Lesarten, welche der Forscher entdeckt. Es sind nicht mehr die Grundlagen biblischer Anschauungen, die Alles tragen, sondern die Ergebnisse früherer Forschung, die durch unbedingte Uebertragung der Entwicklungslehre auf jede kleine Wendung des Buches, auf jede Einzelansicht des Propheten sich unbedingt an dem Buche stossen müssen. Dann weicht aber nicht die Ansicht des Forschers, sondern das Buch. Und der Nächste, der den Früheren üherbieten will, ist von den zugrunde liegenden Tatsachen noch weiter entfernt. Und je mehr er sich davon entfernt, für desto geistvoller gilt er. So waren es in Alexandria und in der Kirche, in der Moschee und Synagoge des Mittelalters die Sinnbildereien eines Philo und der Späteren, Aristoleles wurde in das Buch hineingetragen; als die Geheimlehre die Welt beherrschte — hätte da jemand zweifeln wollen, dass jedes wort, jeder Buchstabe der Bibel Beziehnngen zu deren weit abliegenden Begriffen habe? Und heute muss die Entwicklungslehre sich in jedem Kapitel der Bibel bewähren. Das wollte ich hier beweisen, und das muss uns zur Ernüchterung bringen. ) d. h. Wellhausen vorausgesetzt.