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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 9. (1909) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 9. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 — sucht hat. Bei Drews müssen wir in den geschichtlichen Gleichsetzungen und in seinen Namendeutungen eine Hast und Willkür bedauern, die zu seiner sonstigen schriftstellerischen Eigenart wenig passt. Er hat zuviel, er hat Alles überall finden wollen, es ist ihm alles gelungen, und das hat ihn doch nicht stutzig gemacht. Was uns nun der Nachtoeis Drews’ angeht? Er berührt uns soweit, wie er alle Religionen berühren kann, gegen deren Stifter ein gleicher Nachweis versucht werden könnte. Je mehr die Personen die Religion tragen, desto mehr muss die betreffende Religion derartige Nachweise fürchten; je mehr dagegen von dem Gedanken der Religion und von ihrer Sittenlehre sich ohne das Hereinziehen der Stifter begreifen und erhalten lässt, je grösser der Wert des Glaubensinhalts und der darin enthaltenen Welt- und Lebensauffassung ist, desto weniger wird sie von derartigen Erschütterungen berührt werden. Das Judentum ist an sich so reich an Inhalt, umfasst so sehr das ganze Leben, dass nur eines ihm schaden kann: Die immer mehr um sich greifende Unwissenheit bezüglich dieses Inhaltsreichtums, ein krankhaftes Streben, es seines Inhalts und seiner Einzelheiten zu entleeren und aus ihm einen grundsatzlosen Rest einiger weniger bequemer Sätze zu machen, wie Drews einen solchen in seinem Schlussabschnitte bez. des neuesten Christentums heissend schildert. Was dte ganze Auffassung anbelangt, haben wir folgendes zu bemerken: Keine geschiehtliehe Erscheinung ist allein hervorgetreten, ist ohne Vorbereitung plötzlich dagewesen. Soll ein späteres Geschlecht etwa Luther für ungeschichtlich ansehen, weil er in Huss, Wikliffe, in den Albigensern, Waldensern, in Savonarola, in Dante, in den Humanisten seine Vorgänger gesehen hat? Gehen diese Kämpfe nicht von Anfang an durch’s Christentum? Was will also das Vorhandensein ähnlicher Triebe in allen Völkern gegen die Geschichtlichkeit der Person sagen, an die sich jenen Ueberlieferungen nach die ganze Glaubensentwickelung knüpft? Luther steht zufällig im hellen Lichte der Geschichte da. Versetze man ihr. aber in's Altertum — Hesse sich unter ähnlichen Umständen seine Geschichtlichkeit halten? Ueberall hahen sich diese Triebe geregt und sind wieder entschlummert: ln Deutschland kamen sie durch Luther zuletzt zum Vorschein, und da verloren sie sich nicht mehr und dehnten ihre Herrschaft dauernd nach dem Norden Europas hin aus. Das deutsche Volk war eben religiöser, tiefer in seinem Wesen, weniger verweltlicht, als die anderen europäischen Völker, so war es allein das Gefäss für den Gedanken der Glaubenserneuerung. Aehnlich im Altertum. Zugegeben, dass alle diese Triebe mögen vorgebildet dagelegen' haben, so konnten sie zur Kraft und Klarheit nur in dem Volke der Religion kommen, also bei den Juden. Glaubt man sie als nebensächlich bei- Seite schieben zu können und nimmt an, das Christentum hätte von irgend einer Seite herkommen können — woher dann die jüdische Färbung der drei älteren Evangelien? Weshalb dort lauter Pharisäer, Sadduzäer, Hohepriester, Priester, Leviten, Samaritaner, Vorsteher, Synagogen mit ThoraroHen uud Prophetenbüchern, Synhedrien und ihren Nebeneinrichtungen? Konnte das künstlich mit all den unzähligen geistigen Beziehungen zu Midrasch und Halakha selbst in die neutestamentlichen Quellen hineingetragen werden? Und wann sollte das geschehen sein und wo? Etwa in hellenistischen, diesen Verhältnissen halb entfremdeten Kreisen, oder in Palästina und in einer Zeit, da die jüdische Grund־ läge des Ganzen noch lebendig gewesen? Es ist also aus vielen Gründen unwissenschaftlich, mit Schleiermacher, Kalthoff und Drews das Judentum bei dem Werden dös'Christentums äusschalten und ihm nur eine Nebenrolle züweisen zu wollen. Wir betonen das der geschichtlichen Wahrhaftigkeit willen, nicht um uns einen Anteil an weltgeschichtlichen Gestaltungen durchaus zu sichern. Wenn, wie Drews meint, man aus irgend welchen Gründen mit Bewusstsein Jerusalem erst später zum Mittelpunkte der neuen Glaubensbewegung gestempelt hätte, woher der bis in’s Kleinste gehende jüdische Ton und die genauen Zeitfarben bei den Synoptikern, wogegen das vierte Evangelium ein unjüdisches Gepräge hat? Aus derartigen Erwägungen, die doch nicht so kurzer Hand gegenstandslos zu machen sind, lässt sich der ganze Drews’sche Nachweis erschüttern und als nicht erbracht erkennen. -Dass uns keine äus's erlichen Gründe zu diesem Schlüsse bringen, beweist der Umstand, dass manche Folgerungen Drews uns dazu hätten bringen müssen, in Allem ihm zuzustimmen. Finden wir doch bei ihm (S. 149 ff) ausgesprochen, dass die Worte Jesu einen höheren Standpunkt nicht bekünden, als ihn das Judentum selbst vertritt. Da die entgegengesetzte Auffassung uns so viele geschichtlichen Kämpfe gebracht hat, unsere ganze Stellung im Leben dadurch verkannt worden ist, so müssten wir Drews um dieser von ihm gewonnenen Erkenntnis willen freudig im Ganzen als Bahnbrecher und Entdecker feiern. Aber amicus Plato, magis amicus veritas. Wir verzeichnen und schätzen diese seine Anerkennung der alttestamentlichen und rabbinischen Sittenlehre, verschliessen uns aber nicht dem Eindrücke des Erzwungenen uud Gewagten, was wir im Nachweise seines Hauptgedankens gefunden haben. In merkwürdiger Uebereinstimmung befand sich Drews am ersten «utshen Kulturtage mit dem, was wir in vor. Nummer über die von ihm herausgegebene Abhandlungsreihe ״Der Monismus“ ansgesprochen: (Vor. Nummer S. 157. ,Der Begriff der Ursache ist der Religion also unentbehrlich, wogegen die Gottheit aisw-e sein, der Welt im Heidentum eine religiöse Sittenlehre nur schwer erzeugen konnte. . . . Die Sittenlehre dagegen ist und bleibt etwas Gebietendes und kann darum nnr von etwas ausser dem Bestehenden herrühren. D. h. sie stammt und wird erhalten durch die Religion. Auf dem Kulturtage hat Drews am 26. |rtärz (s. Berl. Tagebl. Nr. 155 S. 2) über Religion und Sitt- 1 i c h k e i t gesprochen. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass religionslose Sittlichkeit nicht möglich sei. Religiöser Verfall war stets sittlicher Verfall: vorübergehend bestand noch die aus religiösen Zeiten ererbte Sittlichkeit, aber nicht ohne Religion. Das ist ein merkwürdiges Zugeständnis. Wie sich allerdings Drews die Religion der Zukunft denkt, das ist schwer zu erraten.

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